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Mord an Nicole Schalla (†16): Ist ihr mutmaßlicher Mörder Ralf H. doch nicht untergetaucht?

„Mein Mandant will nicht flüchten“

Mordfall Nicole Schalla (†16): Ist der wegen Mordes verurteilte Ralf H. doch nicht untergetaucht?

04.08.2020, Nordrhein-Westfalen, Dortmund: Der Angeklagte verbirgt sein Gesicht hinter einer Gesichtsmaske, einer Briller und unter einer Kapuze. Im Neubeginn eines Prozess um einen Mord vor 27 Jahren wird dem Angeklagten vorgeworfen, die damals 16-j
Neubeginn Prozess um Mord vor 27 Jahren
bt cul, dpa, Bernd Thissen

Polizei Münster soll Ralf H.s Adresse verwechselt haben

Ist der mutmaßliche Mörder von Nicole-Denise Schalla wirklich untergetaucht? Die 16-Jährige wurde vor 27 Jahren erwürgt. Das Landgericht Dortmund verurteilte ihn darum wegen Mordes. Bis das Urteil rechtskräftig ist, bleibt Ralf H. auf freiem Fuß. Nun meldete die Polizei plötzlich, dass der 56-Jährige untergetaucht sei. RTL hat mit dem Anwalt des Mannes gesprochen. „Mein Mandant will nicht flüchten“, versicherte er. Die Annahme der Polizei, dass Ralf H. verschwunden sei, beruht offenbar auf einem peinlichen Fehler.

Verteidiger Udo Vetter
Ralf H.s Verteidiger Udo Vetter stellt klar, dass sein Mandant nicht untergetaucht ist und auch nicht vor hat, zu fliehen.
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Anwalt ist entsetzt über die Fehler der Polizei Münster

Die Polizei wollte den Mann als Gefährder einstufen und mit einer elektronischen Fußfessel ausstatten, erklärte Udo Vetter. Den Antrag dafür musste auch seinem Mandanten zugestellt werden. Dabei sei der Polizei aber wohl eine Verwechslung unterlaufen. Statt der aktuellen Adresse von Ralf H. hätten die Beamten eine alte Adresse angegeben, bei der sein Mandant bereits seit zwei Jahren nicht mehr wohne. Das Schreiben konnte also nicht zugestellt werden. So entstand bei der Polizei offenbar der Eindruck, Ralf H. sei untergetaucht. „Da hat jemand ganz ordentlich was verbaselt“, meint der Verteidiger.

Ralf H.s neue Adresse sei allen Behörden bekannt – der Polizei aber offenbar nicht. Und „dass man dann ach noch aus dem eigenen Fehler den krassen Rückschluss zieht, dass der Angeklagte sich auf die Flucht begeben hat“, findet der Anwalt „skandalös“ und „unverzeihlich“. „Ich bin in engem Kontakt mit meinem Mandanten“, bestätigte der Anwalt. Die Zustellung habe an der richtigen Adresse am Wochenende dann auch problemlos geklappt. Sein Mandant habe das Schreiben vom Postboten entgegengenommen.

Nicole-Denise Schalla
Nicole-Denise Schalla wurde im Alter von 16 Jahren umgebracht.
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Das Gerichtsschreiben wurde Ralf H. inzwischen zugestellt

Das bestätigte auch Jürgen Wrobel, der Sprecher des Amtsgerichts Münster. Der Antrag auf Anordnung einer elektronischen Fußfessel sei eingegangen und werde bearbeitet. Bevor darüber entschieden wird, müsse sowohl der Polizei als auch dem Betroffenen rechtliches Gehör gewährt werden. Ein entsprechender Anhörungstermin finde in dieser Woche statt. Darüber wurde Ralf H. nun auch informiert. „Mir liegen Informationen vor, dass ihm die Ladung jetzt zu diesem Termin bekannt ist“, so der Amtsgerichtssprecher.

„Er wird auf jeden Fall zu der Anhörung kommen“, beteuerte der Anwalt des 56-Jährigen. Ralf H. sei bei allen Terminen des Verfahrens gegen ihn anwesend gewesen und sei auch zur Urteilsverkündung gekommen, obwohl er damit rechen musste, dass dort sofort Haftbefehl gegen ihn erhoben würde. „Das zeigt, dass er sich dem Verfahren stellt“, meint Vetter.

Ralf H. ist nicht in U-Haft, weil aus Sicht des Gerichts keine Fluchtgefahr besteht

Der Mann, der für den Tod der damals 16 Jahre alten Nicole-Denise Schalla verantwortlich sein soll, kam 2018 in Untersuchungshaft, nachdem nachträgliche DNA-Analysen einen Treffer ergeben hatten. 2020 kam er nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm wieder auf freien Fuß, weil der Prozess in Dortmund sich zu lange hinzog. Eine kranke Richterin, ein neuer Pflichtverteidiger für den Angeklagten, ein Aktenpaket, das in der Post stecken blieb, Corona – immer wieder gab es Verzögerungen. Ralf H. wurde darum aus der Untersuchungshaft entlassen.

Die Entscheidung, ob das Urteil gegen Ralf H. rechtmäßig ist, liegt nun beim Bundesgerichtshof. Sollte der das Urteil gegen den 56-Jährigen bestätigen, bekäme er eine Ladung zum Haftantritt. Bis das soweit ist, könnte es aber noch Monate dauern. Laut Verteidiger Vetter lägen ihm noch nicht einmal die schriftliche Urteilsbegründung vor, daher konnte er die Revision auch noch nicht begründen.