Während die Teenager zuschlugen, schauten andere zu

Mädchen in Rastatt krankenhausreif geschlagen - Expertin: Darum filmen Gaffer, statt zu helfen

Brutalo-Mädchen gegen 14-Jährige - Alle filmen, keiner hilft Kinder misshandeln Kinder
00:49 min
Kinder misshandeln Kinder
Brutalo-Mädchen gegen 14-Jährige - Alle filmen, keiner hilft

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von Denise Kylla und Valerio Magno

Zwei Mädchen treten brutal auf eine 14-Jährige ein – niemand hilft, niemand wählt den Notruf. Im Gegenteil: Zeugen filmen den Angriff auf einem Bahnsteig in Rastatt (Baden-Württemberg). Am Ende landet das Opfer sogar im Krankenhaus. Im Interview mit RTL erklärt die systemische Beraterin Ruth Marquardt, warum es immer wieder vorkommt, dass schneller die Kamera eingeschaltet als gerettet wird.

Mädchen in Rastatt zusammengeschlagen: Menschen filmen, helfen aber nicht

Immer wieder sorgen Menschen für Aufsehen, die lieber filmen, als Menschen in Not zu helfen. Auch der 14-Jährigen, die in Rastatt verprügelt worden ist, half niemand. Woher kommt dieses Verhalten? „Der gesunde Menschenverstand sagt ‘das kann doch gar nicht sein, dass ich hier nicht eingreife’. Doch tatsächlich hat Social Media und der Wunsch nach Likes und Aufmerksamkeit so zugenommen, dass Menschen gar nicht darüber nachdenken, was sie eigentlich filmen“, erklärt Ruth Marquardt.

Das Wichtige sei, dass etwas passiere, wodurch man Aufmerksamkeit kriege. Oft passiere der Griff zum Handy mittlerweile sogar voll automatisch. „Ein Stück weit wird die Realität verzerrt, dadurch, dass ich ohnehin schon durch eine Linse gucke. Ich habe eine Distanz zwischen mir und dem Geschehen“, so die Expertin. Man erlebe Szenen dann wie im Film. Manche hätten die Hand sogar so schnell am Smartphone, dass sie bis dahin noch gar nicht realisiert hätten, dass sich da gerade eine gefährliche Situation abspiele.

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Die systemische Beraterin Ruth Marquardt hat sich den Fall aus Rastatt angeschaut und erklärt, warum Menschen eher filmen, als helfen.
Die systemische Beraterin Ruth Marquardt hat sich den Fall aus Rastatt angeschaut und erklärt, warum Menschen eher filmen, als helfen.
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„Und wir kennen auch das Phänomen, dass wenn viele um mich herumstehen, die Verantwortung abgegeben wird“, so Ruth Marquardt. „Und dann kommt so eine Stimme, die sagt ‘du musst dich gar nicht selbst darum kümmern, da sind ja noch genug andere, die das tun können’.“ Es könne sogar sein, dass einige Zuschauer filmen würden, um das Geschehen für die Polizei festzuhalten. „Aber in dem Moment, wo ich es nur filme, um es online zu stellen, ist eine Grenze überschritten.“

Beim Onlinestellen gehe es oft um die Likes, die man dafür ernten möchte. War das bei den Täterinnen aus Rastatt auch der Fall? Wenn sie sich selbst auf den Videos sehen und diese in ihrer Clique anschauen würden, könnte es dazu kommen, dass sie „gehypt“ werden, weil sie so aggressiv selbstbewusst herüberkommen, so die Einschätzung der Beraterin. „Ich halte das für ein sehr bedenkliches Phänomen unserer Zeit, dass Mädchen und Jugendliche massiv Gewalt anwenden und dass es kein Regulativ gibt.“

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Expertin fordert: "Wir brauchen eine Haltung, die sagt: 'Gewalt ist nicht okay'"

In dem Rahmen spielt die systemische Beraterin auch auf die Fraktion an, die ihren Blick nicht von Unfällen abwenden kann: „Wir alle kennen das Gaffer-Phänomen auf der Autobahn. Das gab es auch schon vor den Handys, aber durch Handys und Social Media hat das Phänomen stark zugenommen.“

Es könne auch durchaus passieren, dass manche zu Nachahmern würden und das Handy zückten um mitzukriegen, was die anderen auch mitbekommen – um nicht außen vor zu stehen. „Und ich blende aber aus, worum es wirklich geht“, sagt Marquardt. Es werde nicht darüber nachgedacht, wem man indirekt Schaden zufüge, dadurch, dass man einfach nur dabeistehe.

Und es sei auch gar nicht so leicht, anderen zu helfen. Die Expertin: „Ich denke das gehört in unsere Schulen, in unsere Kindergärten: Was tun, wenn es anderen schlecht geht?“ Unsere Gesellschaft kranke daran, dass sie nicht wisse, was in solchen Situationen zu tun sei. „Und das ist sicher auch ein Punkt, warum diese Situation auf dem Bahnsteig entstehen konnte.“ Und weiter: „Wir brauchen eine gesellschaftliche Haltung, die sagt: Gewalt ist nicht okay“, so Marquardt. Und das müsse geschult werden.

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Polizei wurde durch Videos auf verprügeltes Mädchen aus Rastatt aufmerksam

Die Polizei wurde erst durch die Videos auf den Fall aus Rastatt aufmerksam. Insgesamt gibt es vier Aufnahmen, die zeigen, dass die zwei Teenager auf die 14-Jährige einprügeln. Sie reißen das Mädchen zu Boden, treten immer wieder auf ihren Kopf und gegen ihren Bauch. Die Polizei soll die Beteiligten schnell ermittelt haben. Alle drei seien bereits polizeibekannt. In den Tagen zuvor sei es in Gaggenau und Bietigheim zu "Provokationen, Streitigkeiten und körperlichen Auseinandersetzungen" gekommen. Daraufhin sei die 14-Jährige ins Krankenhaus gekommen. Mittlerweile soll sie sich auf dem Weg der Besserung befinden. Das Mädchen konnte das Krankenhaus verlassen.