Virus-Mutation Grund für die geplante Lockdown-Verschärfung

Warum Merkel auf die Infektionszahlen in Irland guckt

Die steile Entwicklung der Infektionszahlen in Irland bereitet Angela Merkel Sorgen.
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15. Januar 2021 - 17:21 Uhr

Virus-Mutation ließ Infektionskurve in Irland offenbar stark ansteigen

Rasant breitet sich derzeit die neue Variante des Coronavirus in Großbritannien aus, ist mittlerweile schon in 22 europäischen Ländern nachgewiesen worden. Auch in Deutschland. Offenbar ist die Variante und ihr Einfluss auf das Infektionsgeschehen in Großbritannien und Irland auch der Grund dafür, warum Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsident:innen bereits kommende Woche über eine Verschärfung des Lockdowns in Deutschland diskutieren wollen.

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Virus-Mutation aus Großbritannien konnte sich bei gelockerten Maßnahmen schnell ausbreiten

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Freitag bei einer Pressekonferenz, die Zahl der Neuinfektionen sei weiterhin viel zu hoch. Dazu komme das neue Risiko der Virus-Mutation, die in Irland und Großbritannien zu einem extremen Anstieg der Fälle geführt habe. Nötig sei, noch mehr zu tun, um Kontakte zu reduzieren. Darum wolle man schnell weitere Maßnahmen diskutieren.

Irland hatte noch Anfang Dezember EU-weit die niedrigste Infektionsrate, kürzlich aber weltweit mit die höchste. Die Anzahl war von gut 150 neuen Fällen Anfang Dezember zum Jahreswechsel sprunghaft gestiegen und hatte am 8. Januar über 8.000 gelegen. Die Behörden machen dafür auch die rasche Ausbreitung der in Großbritannien entdeckten Virus-Mutation verantwortlich. Zuletzt verlangsamte sich das Infektionsgeschehen wieder; am Mittwochabend gab die Regierung 3.569 Neuinfektionen in Tagesfrist bekannt.

Variante aus Großbritannien macht nicht kränker - aber ist wahrscheinlich ansteckender

Ein steil ansteigendes Infektionsgeschehen wie in Irland will die Kanzlerin mit harten Maßnahmen offenbar vermeiden. Zwar führt die Mutation nicht zu schwereren Krankheitsverläufen, sie ist aber 50-70 Prozent ansteckender als die ursprüngliche Variante. Ihre hohe Ansteckungsrate könnte die Eindämmung der Pandemie bei lockeren Maßnahmen deutlich erschweren. So kam ein britisches Forscherteam um Erik Volz vom Imperial College London zu dem Schluss, dass bei B.1.1.7 der sogenannte R-Wert unter den Bedingungen vor Ort um 0,4 bis 0,7 höher ist. Der R-Wert gibt an, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt.

Ein britischer Epidemiologe hat ausgerechnet, wie stark die Todeszahlen durch eine Ausbreitung der Corona-Mutation steigen würden. Sein Rechenbeispiel, welche Gefahren die Mutation mit sich bringen könnte und was aktuell dagegen unternommen wird, zeigen wir im Video.

Neue Variante bald auch in Deutschland dominierend?

Es sind minimale Veränderungen im Erbgut, doch die haben es in sich: Bestimmte neue Varianten des Coronavirus Sars-CoV-2 verbreiten sich offenbar schneller als die bisher kursierenden. Die Folgen davon könnten sein: mehr Infizierte, mehr Kranke, eine höhere Belastung des Gesundheitssystems, mehr Tote.

Forscher betonen, dass die neue Variante eine Eindämmung der Pandemie erschweren könnte. Es erscheine anhand der verfügbaren Daten wahrscheinlich, dass B.1.1.7 bald auch in Deutschland die dominierende Variante sein werde, meint etwa der Virologe Jörg Timm von der Uniklinik Düsseldorf. "Ich halte eine Senkung der Fallzahlen grundsätzlich für eine nachhaltige Infektionskontrolle für notwendig. Wenn die Daten zur erhöhten Ansteckungsfähigkeit der neuen Variante stimmen - und davon gehe ich aus - dann wird die Aufgabe sicherlich schwieriger."

Auswirkungen auf den Impfstoff?

Wie weit sich die Variante B.1.1.7 hierzulande bereits verbreitet hat, ist nicht ganz klar. Ein Grund dafür: In Deutschland wurde bislang bei Corona-Infizierten deutlich seltener das Virus-Erbgut entziffert als etwa in Großbritannien. Das ist aber wichtig, um frühzeitig neu entstandene Varianten zu entdecken. Bislang sind bei uns nur vereinzelt Fälle von B.1.1.7 bekannt geworden, etwa in Baden-Württemberg und in Nordrhein-Westfalen. Das Robert-Koch-Institut erwartet aber, dass weitere Fälle hinzukommen.

Fachleute gehen momentan nicht davon aus, dass die bislang zugelassenen Corona-Impfstoffe schlechter gegen die beiden Varianten wirken - allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass sich solche Erreger noch bilden können. Auch ein schwererer Krankheitsverlauf durch B.1.1.7 wird nicht angenommen. Schützt uns die Impfung denn auch vor dem mutierten Coronavirus? Das beantwortet SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Video.