Nachhilfeschulen appellieren an die Politik - die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schlägt Alarm

"Wir können für die Schüler das Schuljahr noch retten!"

Nachhilfe während Corona.
Nachhilfe während Corona.
© iStockphoto, evgeny atamanenko

04. Februar 2021 - 15:07 Uhr

Von Laura Maria Weber

Seit Wochen heißt es für Schüler morgens den Laptop hochfahren, auf eine funktionierende Videokonferenz warten, Aufgaben bis zu einer Deadline bearbeiten und abschicken – Kontakt zum Lehrer maximal einmal pro Tag. Bei einigen Schulen funktioniert das gut, Schüler bekommen individuelleres Feedback und können sogar profitieren – doch das sind Einzelfälle. Die meisten Schüler, wie Studien zeigen, haben jetzt schon erhebliche Wissenslücken. Es fehlen grundlegende Kompetenzen. Manche Schüler gehen unter. Doch was hilft den Schülern jetzt? Die privaten Nachhilfeschulen in Deutschland schlagen der Politik Nachhilfe-Förderprogramme vor. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält digital ausgestattete Schulen und mehr Lehrpersonal für eine bessere Lösung.

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Giffey: Kostenlose Nachhilfe und Sommerschulen als Lösung?

 Um Lernrückstände abgehängter Schüler wieder aufzuholen, fordert Familienministerin Franziska Giffey (SPD) kostenlose Förderangebote
Franziska Giffey: "Für Schülerinnen und Schüler, die im Lockdown viel versäumt haben, sollte es nach der Öffnung kostenlose Zusatzangebote geben"
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Auch wenn einige Schulen vielleicht schon sehr bald wieder Präsenzunterricht oder Wechselunterricht anbieten werden, ist klar: Die Corona-Krise hat große Lerndefizite hinterlassen. Nachfragen beim Lehrer sind schwierig, wenn der neue Stoff mal nicht verstanden ist und auch Lernmethoden, also das 'Wie' eigne ich mir selbst neues Wissen an, fehlt bei vielen. Besonders hart trifft es die über 2,5 Millionen Grundschüler: Lesen, Schreiben und Rechnen unter Corona-Bedingungen zu lernen, die Grundkompetenzen für alles Weitere, fällt besonders schwer – auch wenn viele engagierte Lehrer versuchen, dafür ihr Bestes zu geben.

Um Lernrückstände abgehängter Schüler wieder aufzuholen, fordert Familienministerin Franziska Giffey (SPD) kostenlose Förderangebote. "Für Schülerinnen und Schüler, die im Lockdown viel versäumt haben, sollte es nach der Öffnung kostenlose Zusatzangebote geben: Nachhilfeunterricht oder Sommerschule in den Ferien", sagte Giffey der "Bild am Sonntag". Die Ganztagsschule mit Nachmittagsangeboten sei ebenso extrem wichtig, um allen gleich gute Bildung und Förderung zu ermöglichen. Fehlende Lehrkräfte seien dabei, laut der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, ein großes Problem. Mangelnde finanzielle Unterstützung für Eltern, laut Nachhilfeverband, ein anderes.

Verband der Nachhilfeschulen: Zurückhaltung bei Nachhilfe auch wegen finanzieller Situation der Eltern

Der Bedarf an Nachhilfe sei deutlich gestiegen, weil viele Schüler Schwierigkeiten hatten, sich den Stoff eigen- und selbstständig zu erarbeiten. Dennoch sei die Nachfrage nach Nachhilfe gesunken, erklärt Cornelia Sussieck, Vorsitzende Bundesverbandes Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (VNN), im RTL-Interview. "Bei Zweidrittel der Mitglieder des VNN ist die Nachfrage zum Teil deutlich gesunken, so das Ergebnis einer Umfrage im November 2020.

"Insgesamt scheint die Sorge der Eltern sich derzeit vor allem auf die Gesundheit zu richten. Die Noten treten hinter dieser – berechtigten – Sorge natürlich zurück. Präsenzunterricht, auch Einzelnachhilfe zu Hause, möchten die Eltern aus Angst vor Ansteckung nicht. Das Angebot zur Online-Nachhilfe nutzen die Eltern nicht, da die Kinder nicht noch länger am Computer sitzen sollen als unbedingt nötig, so Sussieck. "Mancherorts mag noch hinzukommen, dass die berufliche Situation der Eltern wegen Kurzarbeit und Stellenstreichungen unsicher ist. Hier herrscht also auch aus finanziellen Gründen Zurückhaltung, obwohl Nachhilfe auch durch das Bildungs- und Teilhabepaket finanziert wird, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind". Die Nachhilfeschulen in Deutschland haben in einem offenen Brief an Bund und Länder dringend eine stärkere Zusammenarbeit mit der Politik gefordert:

RTL NEWS empfiehlt

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  1. Schließen akuter Lücken: Ermöglichen Sie allen Eltern von Schüler und Schülerinnen, kostenlos und unbürokratisch Sofort-Nachhilfe (z.B. 10-20 Doppelstunden) zu beziehen.
  2. Bei größeren Lücken: Ermöglichen einer kontinuierlichen, schulbegleitenden Förderung (z. B. 1-2 Doppelstunden pro Woche) bis zum Schuljahresende.
  3. Sommerschule zur Wiederholung und Sicherstellung der Grundlagen für das nächste Schuljahr: Den Ansatz vieler Bundesländer, in den Ferien wöchentliche Ferienschulen aufzusetzen, halten wir für sehr gut und zielführend.

Umgesetzt werden sollen diese Vorschläge mit einer Fördersumme von 100 Millionen Euro, um rund 200.000 Schüler mit Nachhilfe zu unterstützen und sich am Konzept der Sommerschule in Mecklenburg-Vorpommern im letzten Jahr orientieren. Die Schüler haben dort, laut Sussieck, eine "Berechtigungsbescheinigungen" von der Schule bekommen, dass sie Förderung benötigen.Damit konnten sie sich den Nachhilfelehrer bzw. die Nachhilfeschule ihres Vertrauens selbst auswählen. Die Abrechnung erfolgte dann zwischen Nachhilfeschulen und Ländern oder Kommunen.

Bildungspaket: So beantragen Sie den Zuschuss für die Bildung Ihrer Kinder.

GEW: Lerndefizite nur durch Förderangebot von Schulen ausgleichbar - private Nachhilfe keine Lösung

Zusätzliche, kostenfreie Förderangebote seien absolut notwendig, sagt Ilka Hoffmann, GEW-Vorständin im RTL-Interview. "Allerdings ist ein flächendeckendes, professionelles Angebot aufgrund des Fachkräftemangels gefährdet. Der Fachkräftemangel ist auch ein großes Problem beim Ganztagsausbau. Es kann ja nicht um den Ausbau um jeden Preis und um bloße 'Aufbewahrung' gehen, sondern um Bildung. Dazu braucht es Fachkräfte, die leider überall fehlen. Auch Nachhilfeunterricht ist nicht per se hilfreich. Man sollte immer die Qualitätsfrage stellen".

Nachhilfeangebote durch private Nachhilfeinstitute und Bildungsgutscheine, um die Folgen der Corona-Krise für Kinder und Jugendliche abzufedern, seien keine Lösung, betonte Hoffmann im RTL-Interview. "Zum einen ist die Effektivität dieser Angebote fragwürdig, weil dort der Fachkräftemangel sehr stark durchschlägt. Auch werden dort feste Programme durchgeführt, die nicht auf die individuellen Probleme der Kinder eingehen". Zum anderen müssten die Angebote, laut Hoffmann, auch vorhanden sein und von den Familien verglichen werden können. "Im ländlichen Raum gibt es solche Institute nicht und die Familien sind überfordert, die Angebote zu vergleichen."

Auch die bürokratischen Hürden beim Bildungs- und Teilhabepaket seien hoch, so Hoffmann. "Deshalb wurden da auch viele Gelder nicht abgerufen. Nachhaltiger ist es die Kitas und Schulen zu fördern, indem sie so personell und materiell ausgestattet werden, dass alle Kinder und Jugendlichen aufgefangen werden können. Dazu gehört auch die Unterstützung der Schul- und Unterrichtsentwicklung."

In einer Welt, in der sich Wissen und benötigte Kompetenzen so schnell wandelten, seien nicht "Wissenslücken" durch Corona das Problem, sondern der Verlust an Kompetenz und die Probleme, dass Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen von manchen Kindern nicht erworben werden konnten, so Hoffmann. "Diese Defizite können nur durch ein gutes Förderangebot in den Schulen selbst kompensiert werden. Um dieses leisten zu können, müssen die Schulen und Schulleitungen entlastet werden: Klassenarbeiten und Inhalte müssen reduziert werden und Schulen von administrativen Aufgaben entlastet werden, die Förderung der SchülerInnen sollte im Fokus stehen", so Hoffmann.

Corona-Schuljahr: GEW fordert neuen Rahmen für Abschlussklassen

Schüler von heute dürfen nicht Corona-Generation von morgen werden

Der letzte Sommer hätte viel verändern können. Bessere digitale Ausstattung in den Schulen, Fortbildungen für Lehrer im Umgang mit digitalen Medien, mehr Förderprogramme für Schüler. Einiges ist passiert, viel muss noch passieren – das zeigen die Lerndefizite der Schüler in der Corona-Krise allemal. Sicher ist: Die Schüler von heute dürfen nicht die Corona-Generation von morgen werden.