Jugendrichter Andreas Müller will Cannabis legalisieren

"Die bisherige Drogenpolitik ist weltweit gescheitert"

Die Legalisierung für Cannabis würde viele Probleme beseitigen, so Müller.
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17. Juli 2020 - 12:46 Uhr

Aktuelle Drogenpolitik zerstört Familien

"Mit der Kriminalisierung haben wir nichts anderes geschaffen, als ganz viele Karrieren durch Stigmatisierung, durch Kriminalisierung, kaputt zu machen. Wir haben Familien zerstört und zerstören sie noch heute", so der Jugendrichter Andreas Müller im RTL-Interview. Er setzt sich schon seit Jahrzehnten für eine andere Drogenpolitik ein. 

"Kiffen ist nicht cool"

News Bilder des Tages Daniela Ludwig, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Deutschland, Berlin, Bundespressekonferenz, Thema: Vorstellung der BZgA-Drogenaffinitätsstudie *** Daniela Ludwig, Drug Commissioner of the Federal Government, Germany, Berl
Daniela Ludwig, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, findet die Debatte um die Legalisierung würde Cannabis verharmlosen.
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"Offen und ehrlicher Umgang ist das, was wir brauchen und nicht Kampagnen wie "Kiffen ist nicht cool", das geht genau ins Gegenteil." Hiermit meint er die Anti-Cannabis-Kampagne von Daniela Ludwig, der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Die Kampagne startete als Social-Media-Präventions-Angebot und soll gerade junge Leute von Cannabis abhalten. "Sowohl bei Jugendlichen als auch unter den Erwachsenen ist Cannabis seit Jahren unter den illegalen Drogen Spitzenreiter", sagte Ludwig. Die Debatte um eine Legalisierung findet sie problematisch, da dadurch der Eindruck entstehen würde, Cannabis sei ein "harmloses Kraut".

Richter Andreas Müller sieht das etwas anders. Auch für ihn ist der Jugendschutz in dieser Debatte sehr wichtig, aber er glaubt, wir hätten bisher den falschen Ansatz: "Der bisherige Jugendschutz reicht nicht aus, weil jeder kriegt es irgendwo. Wir haben sicherlich einige junge Leute, die kiffen zu viel, aber da können wir nicht hin mit dem Strafrecht. Und sagen: ihr seid die Bösen, wir holen euch vor Gericht, wir stigmatisieren euch, kriminalisieren euch. Was wir brauchen, ist eine Drogenmündigkeit", so der Jugendrichter Andreas Müller.

Laut einer aktuellen RTL/n-tv forsa Studie sind auch 27 Prozent der befragten Bürger dafür, dass der Verkauf und Konsum von Cannabis legalisiert werden sollte. 58 Prozent meinen, dass es weiterhin nur als Arzneimittel erlaubt sein sollte und nur 12 Prozent sind der Meinung, dass Cannabis generell verboten sein sollte. Generell fällt auf, dass die jüngeren, unter 30 Jahre alten Befragten für eine generelle Legalisierung sind. Außerdem sind diejenigen eher Anhänger einer Linkspartei.

Andreas Müller hat die Drogenpolitik in der eigenen Familie zu spüren bekommen

Der Jugendrichter sieht die aktuelle Drogenpolitik gespalten. Er verurteilt, dass der Umgang mit Alkohol zur Gesellschaft dazugehört, aber dass Cannabis immer noch verpönt ist: "Jeder darf sich besaufen nach Strich und Faden. Wer Cannabis raucht, ist böse. [...] Das ist so absolut daneben." Er selbst hatte auch einen Vater, der alkoholkrank war. Sein Bruder soll in jungen Jahren auch Cannabis geraucht haben und wurde beim Import aus den Niederlanden erwischt. Sein Bruder kam ins Gefängnis, sein Vater hat weiter getrunken. Warum sein Bruder krimineller gewesen sein soll, als sein Vater, versteht er nicht. 

Müller geht sogar noch eine Schritt weiter und findet: "Unser Umgang mit Cannabis ist verfassungswidrig. Es verstößt gegen das Verhältnismäßigkeitsprinzip." Deswegen hat er sich an das Bundesverfassungsgericht gewendet, das auch entgegen der Politik prüfen könne, ob diese Gesetze wirklich verfassungswidrig sind. Er hofft, dass die Drogenpolitik umgedacht und angepasst wird.

Müller empfiehlt Richtern selbst mal zu kiffen

 Polizeibeamte kontrollieren mit einer Hundertschaft im und um den Görlitzer Park in Berlin Kreuzberg mutmaßliche Dealer, um den Drogenhandel einzudämmen. Drogenkontrolle Görlitzer Park
Polizeibeamte kontrollieren mit einer Hundertschaft im und um den Görlitzer Park in Berlin Kreuzberg wegen mutmaßlicher Dealer
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In einem Interview mit der Welt brachte Müller eine ziemlich provokante These: "Ich würde allen deutschen Richtern empfehlen, mal zu kiffen". Im RTL-Interview will er zwar nochmal unterstreichen, dass das ironisch gemeint sei, aber der Kern der Aussage zutreffe: "Sie würden vielleicht merken, dass sie nichts merken. Würden merken, dass das nach einer halben Stunde vorbei ist oder sie würden merken, damit kann ich mich abends entspannen und so schlimm ist das gar nicht."

Ein weiterer Punkt sei, dass die Delikte wegen Cannabis die Polizei und Gerichte von der eigentlichen Arbeit abhalte und den Jugendlichen werde das Vertrauen in diese Mächte genommen: "Das führt auch dazu, dass viele junge Leute die Polizei nicht als ihren Helfer, als ihren Freund sehen, sondern als den potenziellen Gegner, der ihnen das Leben wegen ein bisschen Cannabis schwer machen muss." Er würde sich viel mehr wünschen, dass sich das Bild wieder wandeln würde.

Auch die sogenannten "Problem-Parks", wie der Görlitzer Park in Berlin, der durch die Dealer zur Berühmtheit wurde, wären verschwunden. Wenn Cannabis legal wäre, hätten diese Parks in ganz Deutschland keine Berechtigung mehr, denn dann könnte man die Drogen legal in einem Fachmarkt oder Apotheke kaufen.

Cannabis gerade im jungen Alter schlecht für die Entwicklung

Gegner der Legalisierung von Cannabis bringen oftmals das Argument, dass Cannabis eine Einstiegsdroge sei. Dem steht Müller entgegen: "Sonst hätten wir Millionen von Heroinabhängigen an unseren Bahnhöfen sitzen. Haben wir aber nicht." Studien haben dies mittlerweile auch widerlegt, also Cannabis führt nicht zwangsläufig zu härteren Drogen. Trotzdem sind die Wirkungen von Gras im jungen Alter nicht zu unterschätzen.

Die Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Heidrun Thaiss, verwies darauf, dass Cannabis eine psychoaktive Substanz sei, die auch gesundheitliche Folgen mit sich bringen kann. Gerade wenn Jugendliche im sehr jungen Alter mit dem Konsum anfangen, kann das Langzeitschäden verursachen. Da die Entwicklung des Nervensystems und des Gehirns erst mit Anfang 20 abgeschlossen sei, kann der Konsum das Nervensystem negativ beeinträchtigen. Je früher, je häufiger und je intensiver Cannabis geraucht werden würde, desto größer sei zum Beispiel das Risiko gerade für vorbelastete Menschen, an einer Psychose und Schizophrenie zu erkranken, so Thaiss.

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