Elternbrief sorgt für Zündstoff

Ist bauchfrei schon zu sexy? Schule fordert „angemessene Kleidung“

20. September 2021 - 20:19 Uhr

Hotpants, bauchfrei und Co.: Was kann man als Schüler in der Schule tragen?

In kaum einer Lebensphase wird so viel mit seinem Aussehen herumexperimentiert wie im Teenager-Alter: gewagte Styles, ausgefallene Kleidungsstücke, neue Make-up-Trends – alles muss ausprobiert werden. Eine Schule in Weimar fordert jetzt allerdings "angemessene Kleidung" für die Schüler. Die 13-jährige Amira, die dort in die 8. Klasse des Goethe-Gymnasiums geht, wurde schon auf ihr bauchfreies Top und ihren Rock angesprochen. Der Grund: Ihr Outfit sei zu freizügig. Wie Sie und ihre Mitschüler darauf reagieren, sehen Sie im Video.

Zu wenig (Unterrichts-)Stoff

Während Schuluniformen in Ländern wie den USA oder Großbritannien an der Tagesordnung stehen, sucht man einheitliche Kleidungsformen in Deutschland bisher meist vergebens. Den deutschen Jugendlichen steht in puncto modischer Entfaltung nichts im Weg – solange zumindest niemand auf die Idee kommt, (halb)nackt zum Unterricht zu erscheinen.

Vor allem im Sommer, wenn die Temperaturen in den schulischen Hallen schon mal unangenehm werden können, scheint sich die Diskussion rund um die Kleiderordnung jedoch immer mal wieder zu verschärfen. Man sieht Teenie-Mädels in knappen Hotpants, bauchfreien T-Shirts oder sogar Jungs, die oberkörperfrei den Weg zur Schule antreten. Geht das? Oder könnte das sowohl die Mitschüler als auch die Lehrer zu sehr ablenken? Am Goethe-Gymnasium in Weimar, Thüringen, gibt's dazu eine klare Meinung. Die Eltern erwartete vor den Sommerferien ein Brief, der es in sich hatte. Darin wurden sie gebeten, mit ihren Kindern über "angemessene Kleidung" zu sprechen, insbesondere mit den Töchtern, wie MDR Thüringen berichtet: "In letzter Zeit (...) haben wir verstärkt beobachtet, dass Röcke, Shorts und Tops zu knapp ausfallen und wichtige Stellen nicht ausreichend bedecken. Die aktuelle Mode mit bauchfreien Shirts, Hot Pants oder kurzen Schulmädchenfaltenröcken ist sicherlich schön in der Freizeit und am Strand, nicht aber in der Schule." Ups!

Was die Schüler davon halten? Herzlich wenig

Die Teenies, rebellierend wie eh und je, sehen die Situation alles andere als gelassen. Auch am Königin-Luise-Gymnasium, im 20 Kilometer entfernten Erfurt, sorgt die Debatte rund um die Klamotten vor allem für eines: Augenrollen. Eine 16-jährige Schülerin berichtet etwa, dass auch an ihrer Schule schon Lehrer einen Brief ans Kollegium geschrieben haben. Der Grund: Einige Schülerinnen sollen zu leicht bekleidet zum Unterricht erschienen sein. Die Gefahr, dass andere Schüler dadurch abgelenkt werden, sei einfach zu hoch, so die Lehrer.

Wie es auf der Webseite des Radionetzwerkes weiter heißt, gibt es noch viele weitere Stimmen von Schülern, die eine klare Meinung zur Kleidungsvorschrift haben. Die zwölfjährige Alena bringt es dabei auf den Punkt und sagt: "Ich finde, das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Wenn man sich damit nicht wohl fühlt, dann muss man das ja auch nicht machen. Aber wenn man das so gerne hat, dann warum nicht?" Die 13-jährige Anna stimmt zu und betont, dass es im Sommer nun mal warm ist, und "da sollte man sich schon so anziehen dürfen, wie man will." Vor allem das Thema Gleichberechtigung steht immer wieder an erster Stelle der Debatte.

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Gleichberechtigung sollte an oberster Stelle stehen

Ein junges Mädel trägt ein gelbes Oberteil, bei dem man ihren Bauchnabel sehen kann. In der Hand hält sie zwei Bücher.
Wer entscheidet am Ende was "zu freizügig" ist? Und welche Konsequenzen würden dann überhaupt greifen? Fragen über Fragen.
© Deepak Sethi

Es müsse ein gleiches Recht für alle gelten, und es sollten nicht nur vorranging Mädchen mehr auf ihre Kleidung achten müssen, sondern wenn, dann alle, findet auch der 17-jährige Arik: "Wenn sie so eine Regel einführen wollen, dann würde ich sagen, entweder komplett Schuluniform für jeden – dann gibt's auch keine Diskriminierung mehr. Ansonsten würde ich sagen, jeder kann anziehen, was er will. Das ist ja sonst totaler Quatsch."

Ebenfalls in Erfurt, an der Friedrich-Schiller-Schule, beschäftigt das Thema Schulkleidung die Schulleitung. Bisher, so berichtet der MDR weiter, stehe in der Hausordnung nichts dazu. Vorschreiben, was die Schüler anziehen dürfen und was nicht, kommt für die Schulleiterin nicht in Frage – ebenso wenig wie das Schreiben eines Briefes an alle Eltern. Sie hatte die Idee, den Klassensprechen die Aufgabe zu übergeben. Sie sollen die Mitschüler in die Entscheidung mit ein beziehen und fragen, wie sie sich einen zukünftigen Dresscode vorstellen könnten. Bisher sind die Reaktionen eher verhalten.

"Angemessene Kleidung" ist Interpretationssache

Und genau darin besteht das Problem: Kleidervorschriften und Regeln werden von Schule zu Schule unterschiedlich ausgelegt; an manchen Schulen ist nicht mal irgendetwas festgelegt, wenn überhaupt in der Hausordnung. Vor allem dürfte sich immer wieder dieselbe Frage gestellt werden: Was ist überhaupt "angemessen"? Dass das subjektive Auslegung ist, liegt auf der Hand. Rolf Busch vom Thüringer Lehrerverband sagt dem MDR, dass die Schulleiter rein theoretisch schon die Möglichkeit hätten, im Zuge der Kleidung bei Schülern härter durchzugreifen. Trotzdem plädiere er lieber für eine Verständigung zwischen Eltern, Lehrern und Schülern.

Wie geht es am Goethe-Gymnasium in Weimar weiter? Matthias Swart, ein Vertreter der Schulleitung, rechtfertigt sich wie folgt: "Zu legére Kleidung ist ein Phänomen, was alle Jahre im Sommer wiederkehrt. Und es betrifft nicht nur die Mädchen. Manchmal müssen wir die Schüler einfach an angemessene Kleidung erinnern." Im Prinzip sind sich die meisten einig: Während der Pubertät gehört es einfach dazu, sich auszuprobieren. Dass das mitunter nicht allen gefällt, ist klar und gehört zum Lernprozess dazu. Und wo sollte man besser lernen können als in den Schulen? (vdü)

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