11. Juni 2019 - 19:31 Uhr

Das dritte Geschlecht

Als Ärzte Amie Schofield sagten, ihr jüngstes Kind sei ein Mädchen, wählte sie den Namen Victoria. Dann sagten sie, dass es ein Junge wird und sie nannte es Victor. Doch weder noch traf zu. Denn als das Baby zur Welt kam, war es beides. Und seine Mutter nannte es Victory. Mittlerweile ist das Kind fünf Jahre alt und lebt mit beiden Geschlechtsmerkmalen: Denen eines Jungen und denen eines Mädchens. Ihre Mutter entschied sich gegen eine Operation: "Ich denke, als Elternteil muss ich ihr Anwalt sein."

Wieso Amie und Michael ihr Kind intersexuell aufziehen und wie es der kleinen Victory heute geht, sehen Sie im Video.

Was bedeutet intersexuell eigentlich?

Es handelt sich dabei um Menschen, die nicht spezifisch dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen sind - sie sind beides, eine Mischung, sozusagen. Denn sie weisen sowohl männliche als auch weibliche Merkmale auf. Zum Beispiel können die sogenannten Zwitter innerlich Anzeichen von Hoden, äußerlich aber eine Vagina haben, oder eine Gebärmutter und einen Penis besitzen. In der Pubertät können ihnen Brüste wachsen und zeitgleich können sie einen Stimmbruch bekommen.

Medizinisch gesehen ist diese Mischung unter anderem an den Chromosomen erkennbar. So wie bei Victory. Sie hat zwei X-Chromosomen und ein Y-Chromosom. Zum Vergleich: Männer haben in der Regel ein X-Chromosom und ein Y-Chromosom. Frauen haben hingegen zwei X-Chromosomen.

Es gibt mehr intersexuelle Menschen unter uns als geahnt

Schätzungen gehen davon aus, dass ungefähr 160.000 intersexuelle Menschen in Deutschland leben. Statistisch gesehen müsste also jeder von uns einen sogenannten Zwitter kennen. Viele werden direkt nach ihrer Geburt operiert und einem "eindeutigen" Geschlecht zugordnet. Dies wird anhand der Biologie bestimmt: Von welchem Geschlecht hat das Kind mehr? Oder die Eltern wählen. Manche entscheiden sich aber bewusst gegen eine solche Operation, da sie dem Kind die Entscheidung nicht vorwergnehmen wollen: Wie will das Kind leben und wer will es sein? Auch der Ärzte-Verband rät dazu, nur bei medizinischer Notwendigkeit die Kinder zu operieren - und nicht aus kosmetischen Gründen.

Seit 2018 ist der Geschlechtseintrag "divers" möglich

Intersexuelle Menschen haben es nicht immer ganz einfach - gesellschaftlich ist das Dritte Geschlecht noch nicht bei jedem angekommen. 2017 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass die bisherige Rechtslage mit der Geschlechtsoption zwischen Mann und Frau diejenigen diskriminiere, die sich keinem angehörig fühlen. Dies würde somit gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht verstoßen. Im Dezember 2018 stimmte der Bundestag dem Gesetz zu, "diverse" als drittes Geschlecht im Geburtenregister wählen zu können. Von nun an haben Eltern die Möglichkeit, ihr Kind geschlechtlich als "divers" eintragen zu lassen. Möchten die Betroffenen im Nachhinein ihren Geschlechtseintrag ändern, müssen sie ein ärztliches Attest vorlegen.

Intersexualität ist nicht gleich Transgender

Intersexuelle Menschen sind nicht gleichzusetzen mit Transgender. Denn während Erstere mit sowohl weiblichen als auch männlichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt kommen, fühlen sich Letztere ihrem angeborenen Geschlecht nicht zugehörig. Es kommt allerdings durchaus vor, dass manche Menschen beides sind.