Zweiter Mordprozess zu Hanauer Sekte

Diese Mutter soll ihren Sohn Jan (4) ermordet haben

14. September 2021 - 18:26 Uhr

Endlich Aufklärung nach 34 Jahren?

Jan wurde nur vier Jahre alt. Im religiösen Wahn wurde der kleine Junge 1988 getötet: Er erstickte qualvoll in einem Leinensack. Vor einem Jahr wurde die Anführerin einer Sekte wegen Mordes verurteilt. Nun steht auch Jans Mutter vor Gericht.

Angeklagte folgt dem Prozess weitgehend regungslos

Dr. Claudia H. schüttelt den Kopf, als Staatsanwalt Dominik Mies in der Anklageschrift verließt: "Jan wurde als die Reinkarnation Hitlers gesehen." Daher sieht die Anklagebehörde das Mordmerkmal der niederen Beweggründe als gegeben an. Ansonsten folgt die Mutter des toten Jungen weitgehend regungslos der Sitzung. Erst nachdem der Prozesstag beendet wurde, wird sie emotional: Aus dem Zuschauerraum darf ihr Mann zu ihr kommen und sie umarmen.

"Das wird ein schwieriger Prozess", sagt Verteidiger Thomas Scherzberg. Er wirft der Staatsanwaltschaft vor, befangen zu sein. Er kritisiert, nicht zügig die Akten erhalten zu haben und dass die Presse von der Anklage erfahren habe, bevor die Angeklagte es selbst erfahren hatte.

Für einen der nächsten Prozesstage hat die Verteidigung eine ausführliche Einlassung von Claudia H. angekündigt.

Sohn in Leinensack verschnürt

Die 60-jährige Dr. Claudia H. soll ihren Sohn Jan am 17. August 1988 in einen verschnürten Sack gesteckt und dann zum Mittagsschlaf gelegt haben. Dabei gab sie den Kleinen in die Obhut der mutmaßlichen Sekten-Chefin Sylvia D.. Die Mutter wusste, dass die andere Frau nach dem Leben des Kindes getrachtet haben soll.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatte die Frau auf die Mutter des Jungen eingeredet und sie davon überzeugt, dass ihr Sohn die "Reinkarnation Hitlers, ein Machtsadist und von dem Dunklen besessen" sei. Deshalb habe die Mutter den Tod des kleinen Jungen billigend in Kauf genommen. Die 60-Jährige war einen Tag nach dem Mordurteil gegen die mittlerweile 74 Jahre alte mutmaßliche Sekten-Chefin in Leipzig festgenommen worden und sitzt seither in Untersuchungshaft.

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Die mutmaßliche Sekten-Chefin Sylvia D. beim Prozess im Oktober 2019.
© dpa, Jörn Perske, brx

Jahrelangen Recherchen und Berichten der "Frankfurter Rundschau" zufolge hatte die Sylvia D. mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann die Sekte gegründet. Die Gruppe soll von psychischer und physischer Gewalt geprägt gewesen sein.

Neben dem gestorbenen Vierjährigen lebten laut FR die leiblichen Kinder der Frau sowie Adoptiv- und Pflegekinder in der Gemeinschaft. Der vierjährige Junge soll extrem unterernährt gewesen, misshandelt und erniedrigt worden sein. Die mutmaßliche Sekten-Anführerin habe den Jungen als "Schwein" und "Reinkarnation Hitlers" bezeichnet, berichtete die Hanauer Staatsanwaltschaft.

"Du kannst mit dem Schaubrüllen aufhören. Es ist keiner mehr da und ich gehe jetzt in den Garten", soll sie zu dem hilflosen Kind vor seinem Tod gesagt haben. Den gesamten Prozess im Jahr 2020 hatte Sylvia D. weitgehend regungslos und unbeteiligt verfolgt. (bho)