Selbst Frankreich-GP nervenaufreibend

Verstappen vs. Hamilton: Operieren auf hohem Niveau

Max Verstappen (r.) gewann den Frankreich-GP vor seinem WM-Rivalen Lewis Hamilton
Max Verstappen (r.) gewann den Frankreich-GP vor seinem WM-Rivalen Lewis Hamilton
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21. Juni 2021 - 8:30 Uhr

Le Castellet stand mal für Langeweile - stand ...

Die Formel-1-Saison 2021 hat es wahrlich in sich. Selbst beim Großen Preis von Frankreich in Le Castellet, der seit dem Comeback der Retortenstrecke 2018 für Langeweile pur gestanden hatte, bot die Motorsport-Königsklasse ihren Fans ein nervenaufreibendes Rennen. Dass es von Grand Prix zu Grand Prix so spannend zugeht, liegt vor allem daran, dass der WM-Herausforderer und sein Team, aber auch der gefährdete Kaiser auf hohem Niveau operieren.

Verstappen sackt erstmals Hattrick ein

Die Niederlage beim Großen Preis von Frankreich dürfte Mercedes noch mehr weh getan haben als die Schlappen zuvor in Monaco und Aserbaidschan. Denn eigentlich galt die Strecke im Süden der Grande Nation als Silber-Territorium. Lewis Hamilton hatte die vergangenen Auflagen 2018/19 derart überlegen gewonnen, dass seinerzeit nicht wenige F1-Fans ein Sommer-Nickerchen machten.

Vorbei! 2021 hat Mercedes mit Max Verstappen und Red Bull endlich einen Herausforderer, der es auf allen Strecken mit dem Serienchampion aufnehmen kann. Verstappen lieferte in Frankreich einmal mehr eine Gala-Vorstellung ab, sackte erstmals in seiner Karriere den Hattrick aus Pole Position, Sieg und Schnellster Rennrunde ein. Flankiert wurde der Triumph von Sergio Perez im zweiten "Bullen", der dank seiner außergewöhnlichen Rennpace Dritter wurde.

Doch nicht nur die Red-Bull-Piloten, auch die Rennhirne des Teams glänzten. Mit der 2-Stopp-Strategie traf Red Bull für Verstappen genau die richtige Entscheidung. Auch Perez' langer erster Stint zahlte sich gegen Rennende aus, als der Mexikaner Mercedes-Mann Valtteri Bottas im Kampf um Rang 3 dank frischerer Pneus mühelos aufschnupfte.

Hamilton kam wie aus dem Nichts

Und Hamilton? Zeigte in Le Castellet ebenfalls, was ihn zu so einem außergewöhnlichen Fahrer macht. Nachdem der 36-Jährige in allen Trainings-Sitzungen hinterhergefahren war, hämmerte er im Qualifying wie aus dem Nichts eine Top-Runde hin, kam bis auf zweieinhalb Zehntel an den bis dato fast mühelos dominierenden Verstappen heran.

"Wenn man sieht, was für einen schwierigen Freitag wir hatten, dann ist das noch ein gutes Ergebnis", kommentierte Hamilton seinen 2. Platz. Schon direkt nach Zieldurchfahrt hatte der Brite im Team-Radio auf eine Entschuldigung seines Teams zur Rennstrategie positive Vibrationen versprüht: "Alles gut, wir haben unser Bestes gegeben. Das sind immer noch gute Punkte." Keine Frage: Hamilton betrieb in Südfrankreich Schadensbegrenzung.

Nicht der Anspruch, den Mercedes und sein Superstar haben, aber noch sind ja 16 Grands Prix zu fahren, was sind da schon zwölf Punkte Rückstand? Zumal Mercedes nach drei sieglosen Wochenenden in Folge (gab es zuletzt 2019 zur Hochzeit des Ferrari-Schummel-Motors) alles daran setzen wird, den "Wurm" zu finden, der sich laut Teamchef Toto Wolff "irgendwo" eingeschlichen hat.

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"Chancengleicht" + Druck => Fehler => Spannung

Die Gründe, dass diese Formel-1-Saison 2021 so spannend und faszinierend ist, sind damit skizziert. Zuvorderst natürlich der Gigantenkampf der Ausnahmefahrer. Jahrelang hatten sich Fans und Experten gewünscht, Verstappen möge doch endlich einmal das nötige Material haben, um F1-Kaiser Hamilton herauszufordern. 2021 – so viel steht fest – hat er es.

Diese neue "Chancengleichheit" führt dazu, dass sich Hamilton und Verstappen auch höchstem Niveau bearbeiten (müssen). Was wiederum dazu führt, dass beide hier und da kleinere (oder gar größere) Fehler machen. Kaum vorzustellen, dass Hamilton ohne den Oranje-Druck Fehler wie in Imola oder Baku gemacht hätte.

Doch auch WM-Leader Verstappen blieb nicht ohne Tadel. Das Auftaktrennen in Bahrain hätte er gewonnen, wäre ihm beim entscheidenden Manöver gegen Hamilton kurz vor Schluss nicht ein Schnitzerchen unterlaufen. In Portimao fuhr der 23-Jährige unter Druck von Mercedes kurzzeitig nicht die ideale Linie. Jetzt in Frankreich schenkte er die Pole Position wegen eines kleinen Ausritts in Kurve 2 direkt wieder her.

Druck. Ja, es ist Druck auf dem Kessel. Deshalb passieren Fehler, deshalb sind die Rennen spannend.

Red Bull endlich von Anfang an konkurrenzfähig

Der zweite Grund für die bisher so tolle Saison heißt Red Bull. Nach jahrelangen Ankündigungen (man konnte sie fast schon nicht mehr ernst nehmen) endlich einmal von Saisonbeginn auf Augenhöhe mit Mercedes zu sein, lieferte der Rennstall mit dem RB16B eindrucksvoll ab.

Der Bolide – das sagt schon das B im Namen – ist eine konsequente Weiterentwicklung des Vorjahresautos, das schon Ende 2020 ein starkes Paket war. In der Vorsaison oft unberechenbar, ist der "Bulle" heuer ein Muster an aerodynamischer Konstanz. Ein Honda-Motor, der mittlerweile fast auf Mercedes-Niveau brüllt, tut das Übrige.

Das Getöse um die vermeintlich illegalen Flexi-Wings als Geheimnis der Red-Bull-Stärke? "Ein Sturm im Wasserglas", wie Teamberater Helmut Marko im RTL-Interview süffisant anmerkte. Le Castellet zeigte, dass Red Bull auch mit weniger Flexibilität-Toleranz im Heck absolut siegfähig ist.

Auf dem Circuit Paul Ricard wählte Verstappen einfach ein Setup mit weniger Abtrieb, war so auf den Geraden schneller als die Mercedes-Boliden von Hamilton und Bottas. Der Holländer konnte es sich dank der überragendenden Downforce seines Dienstwagens leisten – wer hat, der hat.

"Bullen" machen nicht den Barcelona-Fehler

Und auch die nicht selten gescholtene Strategie-Abteilung Red Bulls verließ Frankreich als Siegerin. "Wir wollten nicht nochmal erleben, was wir in Barcelona erlebt haben. Deshalb sind wir nochmal in die Box gefahren, obwohl wir vorne lagen", erklärte Teamchef Christian Horner den Zug, mit dem das Paket Red Bull/Verstappen die Silbernen schachmatt setzte.

Beim Spanien-GP hatte Mercedes vorexerziert, wie man dank eines Zusatzstopps "hinten raus" ein Rennen gewinnt. In Le Castellet machte dieses Mal Red Bull mit der 2-Stopp-Strategie alles richtig, während Mercedes, nachdem man sich entschlossen hatte, Verstappens Extra-Service nicht sofort zu "covern", in der 1-Stopp-Variante gefangen war. Zwei Runden vor der schwarz-weiß-karierten Flagge setzte der WM-Leader den entscheidenden Stich.

So geht es 2021 hin und her und her und hin zwischen Verstappen, Hamilton, Red Bull und Mercedes. So kann es weitergehen. (mar)

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