Tops und Flops der Saison

Titelkampf mit Legenden-Potential, Bottas enttäuscht

Der Kampf an der F1-Spitze ist eng.
Der Kampf an der F1-Spitze ist eng.
© imago images/Every Second Media, Phil Duncan via www.imago-images.de, www.imago-images.de

03. August 2021 - 15:58 Uhr

Das große Sommerpausen-Fazit

Von Martin Armbruster und Emmanuel Schneider

Die Formel 1 steigt in die Eisen und macht vier Wochen Sommerpause. Hefte raus, hier kommen die Zwischenzeugnisse. Nach dem wilden Ungarn-GP sind schon elf Rennen im Rekord-Kalender mit 23 Grands Prix gefahren. RTL.de hat sich und Flops und Tops sowie die mittelguten Performances der F1-Piloten und Teams angeschaut. Hier ist unser Sommer-Fazit.

TOPS: Der Titelkampf zwischen Red Bull und Mercedes

Mercedes driver Lewis Hamilton of Britain, right, after setting a pole position fist bumps with third placed Red Bull driver Max Verstappen of the Netherlands after the qualifying session for the Hungarian Formula One Grand Prix, at the Hungaroring r
Erst Giftpfeile, dann Fist Bump.
© AP, David W Cerny, DMV

Der Thron des F1-Königs wackelt. Nach Jahren der unfassbaren Dominanz muss Weltmeister Lewis Hamilton in diesem Jahr richtig um die Krone kämpfen. Die Formel-1-Saison ist so spannend wie gefühlt eine halbe Ewigkeit nicht mehr. Von Anfang an, ab den Wüstentests in Bahrain, war Red Bull Racing zur Stelle, nutzte die Gunst der Stunde (Aeroänderungen im Reglement am Unterboden) und liefert dem Titelverteidiger seither einen denkwürdigen Kampf um die Spitzenposition.

Das offenbarte sich schon im ersten Rennen in Bahrain, als nur ein Track-Limit-Verstoß den Auftaktsieg von Max Verstappen verhinderte. Bis zum Silverstone-Crash schien das Momentum komplett auf die Bullen-Seite zu kippen. Nach zwei punktereichen Rennen für Hamilton ist nun aber alles wieder offen. Und das ist für Fans eine gute Nachricht. In diesem Jahr könnte es tatsächlich mal wieder passieren: Titel-Spannung bis zum allerletzten Rennen. Das gab es zuletzt 2016 im teaminternen Duell Hamilton vs. Nico Rosberg, mit zwei unterschiedlichen Teams 2012 mit Sebastian Vettel (Red Bull) und Fernando Alonso (Ferrari). Bleibt nur zu hoffen, dass nach den vielen Giftpfeilen infolge des Verstappen/Hamilton-Crashs alles fair bleibt.

Lando Norris

Der Aufsteiger der Saison! Während Zugang Daniel Ricciardo noch mit dem Papaya-Renner kämpft, zeigt der junge Brite, was in dem MCL35M samt neuem Mercedes Motor steckt. Der 21-Jährige liefert konstant ab, bis auf das Rennen in Aserbaidschan und in Ungarn (von Bottas rausgekegelt) beendete er alle Grands Prix in den Top 5. Gleich drei Mal schaffte er den Sprung aufs Podium.

Die Zukunft gehört Norris. Die Gunst der Zuschauer und Fans hat er ohnehin schon auf seiner Seite, der Engländer ist einer der beliebtesten Fahrer überhaupt. Teamchef Andreas Seidl ist von der Leistung seines Piloten "beeindruckt", wie er jüngst im RTL-Interview sagte. Im Vergleich zum vergangenen Jahr habe Norris nochmal als Rennfahrer im Auto "nach vorne" entwickelt. Er fahre "mit beeindruckender Entschlossenheit" und mache "so gut wie keine Fehler", schwärmte Seidl.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

George Russell

Neben Lando Norris die Feelgood-Story des Jahres. Abgezockt und abgebrüht verfolgt er die anhaltenden Gerüchte um seinen angeblichen Aufstieg ins Mercedes-Cockpit neben Lewis Hamilton im Jahr 2022. Den unterlegenen Williams prügelt er zuletzt regelmäßig ins Q3 – was für Williams schon wie eine Pole Position sei, wie Russell im RTL-interview erklärte. Nachdem er in Österreich und Silverstone noch vom Punkte-Pech verfolgt war, holte er zusammen mit Nicholas Latifi in Ungarn die ersten Punkte im Williams. Zu Tränen gerührt feierte er den historischen Schritt. Es war die erste Punkte-Ausbeute für Williams seit dem irren Deutschland-GP 2019 in Hockenheim, als Robert Kubica einen Zähler sammelte.

Zuschauer-Rückkehr

Sie sind wieder da! Und wohin man hört im Fahrerlager, ist die Freude über die Rückkehr der Zuschauer groß. Schon beim Traditionsrennen in Monaco durften wieder 7.500 Menschen an die Strecke – unter strengen Auflagen. Die erste große Fan-Rückkehr gab es dann beim zweiten Österreich-Rennen in Spielberg, als bis zu 60.000 Fans zum Rennsonntag an den Red-Bull-Ring kamen. In Silverstone strömten täglich bis zu 140.000 Zuschauer ins Home of British Motor Racing, auch in Budapest verfolgten mehrere zehntausend Fans den GP. Das Hygiene-Konzept der Formel 1 mit den regelmäßigen Tests in der "Bubble" scheint bisher aufzugehen. Größere Corona-Ausbrüche sind nicht bekannt.

Alpine

Aus Renault wurde Alpine, aus Gelb ein strahlendes blau. Und im Renner sitzt plötzlich F1-Oldie Fernando Alonso. Nach Anfangsschwierigkeiten ruckelte sich das französische Team immer mehr ein. Alonso fährt den Wagen um die Kurven, als sei er mindestens zehn Jahre jünger, auch die Entwicklung von Esteban Ocon geht nach steil oben. Jüngster Beweis: Der sensationelle Triumph beim spektakulären Chaos-Rennen in Ungarn. Ocon sicherte sich überraschend den Premierensieg, Alonso blockte Hamilton über zehn Runden ab. So geht Teamarbeit.

SO LALA: Sebastian Vettel

 Formula 1 2021: Hungarian GP HUNGARORING, HUNGARY - AUGUST 01: Sebastian Vettel, Aston Martin during the Hungarian GP at Hungaroring on Sunday August 01, 2021 in Budapest, Hungary. Photo by Glenn Dunbar / LAT Images Images PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUT
Keine einfach Saison für Sebastian Vettel und Aston Martin.
© imago images/Motorsport Images, Glenn Dunbar via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Die Erwartungen waren riesig! Der viermalige Weltmeister nahm in dem mit viel Tamtam präsentierten Aston Martin im legendären "British Racing Green" Platz. Doch statt regelmäßiger Punktejagd blieb der Deutsche zu Beginn regelmäßig ohne Zähler. Der Fahrer fremdelte noch mit dem Auto, technische Pannen durchkreuzten die Pläne, kurzum: Es lief einfach noch nicht.

Doch auf Schatten folgte auch stets ein kleines Licht. In Monaco fuhr Vettel auf einen starken fünften Platz, im Rennen darauf in Aserbaidschan erklomm er als Zweiter sogar das Podium, was Vettel in Budapest eigentlich wiederholte – eigentlich. Wegen des "Tank-Gates" wurde der 34-Jährige disqualifiziert, sein Rennstall will gegen die Entscheidung Protest einlegen. Dass ein solcher zweiter Platz so zerschossen wird – es passt halt auch irgendwie ins Bild der Aston-Martin-Saison 2022.

Mick Schumacher

Der Formel-1-Rookie ist angekommen in der Königsklasse. Klar ist jetzt schon: Seinen Teamkollegen Nikita Mazepin hat er deutlich im Griff. 9:2 lautet die Bilanz zur Sommerpause. Mick feierte schon früh den ersten Einzug in Q2, sein erstes echtes Überholmanöver und musste die ersten Schrecksekunden überstehen (Manöver von Mazepin auf der Zielgeraden in Baku).

Fehlerlos blieb Schumi jr nicht – das ist von einem Rookie auch nicht zu erwarten. Mehrmals schlug er in die Bande ein. Am Hungaroring am Samstag im 3. Training war sein Bolide nach dem heftigen Einschlag dermaßen kaputt, dass er zum Qualifying nicht rechtzeitig geflickt werden konnte. Wichtig ist für Schumacher vor allem eines: Erfahrungen und Rennkilometer sammeln. Das erste Jahr ist ein großes Lehrjahr für den Haas-Piloten.

Ferrari

Die ruhmreiche Scuderia befindet sich offenkundig in einem Übergangsjahr. Sebastian Vettel ist weg, Zugang Carlos Sainz soll bei Ferrari Frische verkörpern. Das Gurkenjahr 2020 haben die Roten hinter sich gelassen, es folgt eine Saison mit Aufs und Abs. In Österreich und Frankreich hatten Charles Leclerc und Carlos Sainz wenig zu melden, in Silverstone dann holte Leclerc Platz zwei, in Ungarn rückte Sainz auf das Vettel-Podium nach, was auf Social Media zu einem kleinen Aufreger führte. Der Ferrari-Fokus liege ohnehin auf dem Jahr 2022 und der kommenden Regel-Revolution mit neuem Renner, betont Scuderia-Capo Mattia Binotto gebetsmühlenartig.

Sergio Perez

Der neue Mann an der Seite von "Oberbulle" Max Verstappen überzeugt nur teilweise. Stets hat man das Gefühl, jetzt hat es Klick gemacht, der Mexikaner ist angekommen, da folgt stets ein schwächeres Rennen. In der Fahrerwertung liegt Perez hinter Valtteri Bottas auf Rang 5. Nur selten kann er Verstappen im Kampf gegen Hamilton wirklich unterstützen. Als Abstauber räumte er allerdings beim Rennen in Baku ab, als Verstappen und Hamilton ausschieden. In Frankreich raste er ebenfalls aufs Podium.

Laut RB-Eminenz Helmut Marko setzt der Rennstall mit ziemlicher Sicherheit auch im kommenden Jahr auf Checo. "Im Prinzip wollen wir die bestehenden Paarungen aufrechterhalten. Aber das braucht Zeit, da beziehen wir allen Fakten, die relevant sind, ein."

AlphaTauri

Das Überraschungsteam der Wintertests fand sich schnell auf den Boden der F1-Tatsachen wieder. Das da heißt: Tiefes Mittelfeld. Zwar Platz sechs noch vor Aston Martin. Die vorderen Mittelklassen-Plätze konnte das Schwesterteam von Red Bull aber noch nicht angreifen.

Während Pierre Gasly wie schon in der Vorsaison auch dieses Jahr bärenstark fährt, leistet sich Rookie Yuki Tsunoda immer wieder klassische Anfängerfehler. Red-Bull-Berater Helmut Marko glaubt dennoch an den jungen Japaner. Indiz A: Dessen Umzug nach Italien in die Nähe der AlphaTauri-Fabrik sei "ein positiver Schritt" gewesen, so Marko. "Aus dem wird schon noch was."

FLOP: Valtteri Bottas

Es ist nicht die Saison des Valtteri Bottas. Schon seit Saisonbeginn beherrschen die Gerüchte um seinen Rausschmiss bei Mercedes die Schlagzeilen. Andererseits sammelte der Finne auch auf den Strecken der F1-Welt kaum bis gar keine Argumente für eine Vertragsverlängerung. In der WM-Wertung ist der Vizeweltmeister hinter Verstappen und Norris abgerutscht.

Mehrere Bottas-Fehler hatten teils große Folgen, zuletzt sein Auffahrunfall beim GP von Ungarn, als er das "großes Bowling" in der Puszta auslöste und hinterher kleinlaut seine Schuld eingestand.

Allerdings hatte der 31-Jährige teils auch einfach Pech. Nicht gerade ruhmvoller "Höhepunkt" war die Boxenstopp-Panne in Monte Carlo, als sein Team partout den Reifen nicht vom Wagen bekam. Bottas stieg genervt aus dem Auto. Wohl ein Symbolbild.

Daniel Ricciardo

Der siebenmalige Rennsieger kam mit viel Erfahrung und Hoffnung zum britischen Team. Bislang konnte er die an ihn gerichteten Erwartungen nicht erfüllen. Der Australier fährt im Schatten des Überfliegers Lando Norris, der dem Routinier Rennen für Rennen die Show stiehlt. Beste Platzierung in dieser Saison: Rang fünf in Silverstone. Auch Teamchef Andreas Seidl räumt ein, dass es noch viel Luft noch oben gibt: Für den Australier sei es aktuell eine "riesige Herausforderung", bilanzierte Seidl. "Das hat er sich glaube ich nicht vorgestellt, dass es so schwierig wird, das Team zu wechseln. Er ist enttäuscht, wir auch. Weil wir gedacht haben, es gehe schneller."

Aston Martin

Von Platz drei im vergangenen Jahr (als Pink Panther von Racing Point) auf aktuell P7. Die Formkurve des Rennstalls zeigte in diesem Jahr vornehmlich nach unten. Da nutzte es auch wenig, dass mit Sebastian Vettel ein Mann mit viel Lorbeeren und großem Namen an Land gezogen wurde. Das britische Team kämpfte schon bei den Tests mit technischen Problemen und leidet ähnlich wie Mercedes unter dem neuen Reglement und der Benachteiligung von Teams mit Low-Rake-Konzept (niedriger Anstellwinkel).

Die Neuerung wurde offenbar unterschätzt. Fette Punkteausbeute ist bislang eher die Ausnahme denn die Regel. Sebastian Vettel fällt vor allem mit Inkonstanz auf, auch Lance Stroll performt mit vier 8. Plätzen als Bestleistung nicht gerade über. Der vor der Saison ausgerufenen dritte Platz als Saisonziel wurde nach wenigen Rennen schon gekippt und angepasst. Für Aston Martin gibt es im Rest der Saison noch reichlich Luft nach oben.

Vettel-Protest: Darum stehen die Chancen schlecht

Nikita Mazepin

Immerhin: Die vielen Dreher nimmt er mit Humor. Teamchef Günther Steiner schenkte seinem Schützling einen Kreisel, den er "Mazespin" taufte, Mazepin lachte sich schlapp. Nicht ganz so lustig ist die bisherige Bilanz. Nach knapp der Hälfte der Saison ist zu erkennen, dass der Russe noch Probleme hat, in der Königsklasse mitzuhalten. Zum einen in den Rennen, wo er meist abgeschlagen Letzter wird noch hinter seinem Stallrivalen Mick Schumacher (zwei Mal stand ein DNF im Statistikbogen), zudem stand der 22-Jährige im Qualifying häufig anderen Fahrern im Weg, die Funk-Beschwerden des halben Feldes über Mazepin entwickelten sich zum Running Gag. Sein Höhepunkt bislang: Das Überholmanöver gegen Schumi jr in Silverstone, als dieser mit seinen Reifen kämpfte. Nunja.

Der aufgeblähte Rennkalender

Immer wieder verweist die Formel 1 auf den Rekordkalender. 23, 23, 23 – ja 23 Rennen sollen in diesem Jahr gefahren werden. Darunter zwei Triple Header, unter dem die Teams und vor allem die vielen Mitarbeiter leiden, da sie kaum Pausen haben und ihre Familien lange Zeit nicht sehen.

Auf der einen Seite sind die Teams natürlich auf mehr Rennen und Einnahmen daraus angewiesen, insbesondere nach der Corona-Krise, die noch nicht überstanden ist. Andererseits entwertet ein so voller Kalender auch auf Dauer die einzelnen Rennen. GPs, die wegen der Corona-Lage gestrichen werden müssen, könnten ersatzlos gestrichen werden.

Dass die Rennserie zudem erstmals in Saudi-Arabien Halt macht – ebenfalls kein Glanzstück angesichts der Menschenrechtslage im Golfstaat. In eine ähnliche Kategorie fällt auch das heftige Flirten mit Katar, das als möglicher Ersatz für das Brasilien-Rennen im Raum steht.