Dominic Cummings attackiert Ex-Chef Johnson

Ex-Berater: Johnson wollte sich live im TV Coronavirus spritzen lassen

ARCHIV - 03.09.2019, England, London: Boris Johnson (l), Premierminister von Großbritannien, verlässt mit Dominic Cummings, politischer Berater, Downing Street 10 nach einer Kabinettssitzung. (zu "Tag der Abrechnung? Johnsons Ex-Berater äußert sich i
Boris Johnson (links) und Dominic Cummings
LT htf, dpa, Victoria Jones

"Als die Öffentlichkeit uns am meisten gebraucht hat, haben wir versagt"

Die Schlammschlacht geht weiter: Der einst wichtigste Berater des britischen Premierministers Boris Johnson hat der Regierung katastrophales Versagen zu Beginn der Corona-Pandemie vorgeworfen. Johnson selbst habe das Virus völlig unterschätzt, sagte Dominic Cummings vor Parlamentsabgeordneten in London. Der Regierungschef habe sich sogar absichtlich mit Corona infizieren lassen wollen, um zu zeigen, dass das Virus nicht gefährlich sei, behauptete Cummings. Johnson infizierte sich später tatsächlich mit dem Virus und musste tagelang auf einer Intensivstation behandelt werden.

Home-Office und Pub-Schließunhgen kamen zu spät

Dominic Cummings, former special advisor for Britain's Prime Minister Boris Johnson faces questions from lawmakers over the government's COVID-19 response, in London,Britain, May 26, 2021, in this screen grab taken from video. Reuters TV via REUTERS.
Dominic Cummings während der Befragung
mar, REUTERS, REUTERS TV

Minister, Beamte und Berater seien "katastrophal hinter den Standards zurückgeblieben, die die Öffentlichkeit in einer Krise erwarten darf", sagte Cummings. "Als die Öffentlichkeit uns am meisten gebraucht hat, haben wir versagt." Die Regierung habe die Anzeichen der sich ausbreitenden Pandemie nicht erkannt, sagte Cummings, der damals Johnsons einflussreichster Berater war.

Erst Ende Februar 2020 sei gesehen worden, dass die vorbereiteten Krisenpläne "hohl" seien. Die Regierung habe zu spät zu Homeoffice-Arbeit aufgerufen und Pubs sowie Sportstätten zu lange offen gelassen.

"Johnson dachte, Corona sei nur eine Gruselgeschichte"

16.12.2020, Großbritannien, London: Die beliebte Pub "The Hope" ist geschlossen. Wegen drastisch steigender Fallzahlen wurde London in die höchste Corona-Warnstufe eingestuft. Restaurants und Pubs, Kinos und Theater sind geschlossen, außerdem gelten
Die Schließung der Pubs kam zu spät, findet Cummings.
mbu lop, dpa, Yui Mok

Cummings entschuldigte sich bei den Angehörigen der Corona-Toten. Der Ex-Berater äußerte sich vor Mitgliedern zweier Unterhaus-Ausschüsse des britischen Parlaments. Er hatte die Regierung im November 2020 im Streit verlassen. Regierungsmitglieder werfen ihm einen Rachefeldzug vor.

Cummings sagte aus: "Im Februar (2020) dachte Boris Johnson, es sei nur eine Gruselgeschichte. Er dachte, das sei die neue Schweinegrippe." Weiter behauptete er, Johnson habe gesagt: "Ich werde (den medizinischen Chefberater) Chris Whitty dazu bringen, mir das Coronavirus live im Fernsehen zu injizieren, damit jeder merkt, dass es nichts ist, vor dem er Angst haben muss."

Der eigentliche Plan der Regierung sei es gewesen, eine Herdenimmunität zu erreichen. So habe der damalige oberste Spitzenbeamte Mark Sedwill Mitte März gesagt, Johnson solle die Bevölkerung zu Coronavirus-Partys aufrufen, ähnlich wie Eltern Windpockenpartys für ihre Kinder veranstalten. Das sei offizieller Rat des Gesundheitsministeriums gewesen, behauptete Cummings. Ressortchef Matt Hancock hätte wiederholt gefeuert werden müssen, er habe in vielen Fällen "gelogen", etwa über die Beschaffung von Schutzausrüstung. Das hätten Cummings und andere ranghohe Personen Johnson wiederholt gesagt. Hancock ist nach wie vor im Amt.


Quelle: DPA