Nach Tankstellen-Mord in Idar-Oberstein

Radikalisierung der Querdenker : Wie kriegt man die extreme Szene in den Griff?

23. September 2021 - 20:54 Uhr

Szene rückt in den Fokus der Ermittler

Nachdem ein mutmaßlicher Coronaleugner einem 20-jährigen Tankstellen-Kassierer in Idar-Oberstein in den Kopf geschossen hat, rückt die gesamte Szene stärker in den Fokus der Ermittler. Sie gehen davon aus, dass ein Teil der Querdenker sich zunehmend radikalisiert und gewaltbereiter wird. Vor allem im Netz suchen und finden sich Gleichgesinnte. Doch wie geht man mit dieser Szene um und wie kann man das Problem in den Griff kriegen?

Großes Gewaltpotential in der Querdenkerszene

Die Ermittler fragen sich jetzt: Wie viel Gewaltpotential steckt in der Querdenker-, Pandemie-Leugner- und Verschwörungs-Szene? "Ich fürchte fast, wir werden uns möglicherweise nicht nur auf Nachahmungstäter, sondern eben eine Situation einstellen müssen, dass solche Ausbrüche, solche Mordanschläge eher wahrscheinlicher als unwahrscheinlich sind", sagt Stephan Kramer, Präsident des Verfassungsschutzes in Thüringen im RTL-Interview.

Wie groß aber muss die Wut gegen Regeln und Maßnahmen sein, dass man sich als 49-Jähriger
entschließt einen 20-jährigen jungen Mann in einer Tankstelle mit einem Kopfschuss zu töten?

Radikalisierung geschieht laut Experten oft im Internet, wenn Menschen immer tiefer in Räume vordringen würden, in denen sich nur noch Extreme und Gleichgesinnte bewegen. Im RTL-Interview sagt Extremismus-Forscher Sören Musyal: "Man kann sich das so vorstellen, wie bei Alice im Wunderland, die dem weißen Hasen folgt und dann in diesen Bau stürzt und in diese Wunderwelt gerät. Das ist ganz gut übertragbar auf die digitale Welt."

Radikale Stimmen heizen Stimmung in Deutschland an

Um was geht es diesen extrem abgedrifteten Menschen? Brodelt in ihnen mehr als nur die Wut über Coronamaßnahmen? Im Fall des tödlichen Schusses auf einen Tankstellen-Kassierer muss nach Einschätzung des Kriminalpsychologen Rudolf Egg das Aggressionspotenzial des Täters genau untersucht werden. "Man muss bei einer Tat immer unterscheiden zwischen dem unmittelbaren Anlass und dem eigentlichem Grund", sagte der Fachmann aus Wiesbaden der Deutschen Presse-Agentur. "Was da wirklich an diesem Tag und an diesem Abend war, worüber er sich noch geärgert hat", sei noch völlig unklar. Möglicherweise habe der Verdächtige ganz andere Gründe als die Corona-Auflage gehabt.

Janosch Dahmen, Bundestagsabgeordnete Bündnis90/Die Grünen, differenziert: "Es gibt wirklich hunderte Menschen, die in den Dialog treten wollen. Unter denen leider aber auch ein kleiner Anteil ist, denen es gar nicht um Gespräche geht, sondern denen es um Drohungen und Einschüchterungen geht."

Und diese radikalen Stimmen heizen die Stimmung im Land an. Experten warnen, dass besonders labile Menschen das als Anlass nehmen, Gewalttaten zu verüben. Wie in Idar-Oberstein. (mca/dpa)