Fünfjähriger überlebte Seilbahn-Unglück in Italien

Eitans erste Worte nach dem Koma: "Wo bin ich? Wo sind meine Eltern?"

Eitan (re) mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder (†2).
Eitan (re) mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder (†2).
© .

31. Mai 2021 - 10:09 Uhr

Aya B. ist nach Seilbahn-Unglück die Zukunft des fünfjährigen Überlebenden

"Wo bin ich? Wo sind meine Eltern?" – mit diesen herzzerreißenden Worten soll Eitan (5) die Augen aufgeschlagen haben, als er nach der Seilbahn-Katastrophe westlich des Lago Maggiore in Norditalien aus dem Koma erwachte. Laut "La Stampa" sei seine Tante Aya B. bei ihm gewesen, als er auf der dritten Etage des Regina-Margherita-Krankenhauses in Turin das Bewusstsein wiedererlangte. Der Fünfjährige aus Israel habe sie gesehen und gesagt "Hallo Tante". Auch seine Großmutter sei bei ihm.

Überlebender Junge Eitan (5) klagt über Halsschmerzen

Die Ärzte bewerten Eitans Zustand weiter als kritisch. Der Kleine müsse noch auf der Intensivstation bleiben, da er wegen seiner Verletzungen noch nicht essen könne. Nach dem Aufwachen klagte er dem Bericht zufolge über Halsschmerzen – eine Folge des Beatmungsschlauchs in seinem Hals.

Noch weiß der tapfere Junge offenbar nicht, dass seine Eltern und sein kleinerer Bruder tot sind. Sie starben zusammen mit Eitans Ur-Großeltern und neun anderen Personen am 23. Mai, als das Seil der Bahn auf dem Weg von Stresa hinauf zum Monte Mottarone kurz vor der Ankunft an der Bergstation riss. Die Insassen in Kabine drei stürzten mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h ab, die Gondel krachte auf den Boden, überschlug sich mehrere Male, nur Eitan überlebte durch die Liebe seiner Eltern.

Ihm die unerträgliche Situation beizubringen sei "ein langer und heikler Weg", sagten Psychologen laut "La Stampa". Er frage ab und zu nach seinen Eltern, doch das Risiko eines Traumas sei groß. "Es ist jetzt erstmal wichtig, dass der kleine Junge bekannte Gesichter um sich hat", sagt die Psychologin Marina B. laut des Nachrichtenportals. Im Moment werde ihm erklärt, dass er im Krankenhaus sei und mehrere Tage geschlafen habe. Die Ärzte seien trotz seiner schweren Verletzungen zuversichtlich, dass er die Intensivstation bald verlassen könne. Eitans Familie wurde am Donnerstag in Aviel im Nor­den Israels beigesetzt.

Eitans Tante weiß noch nicht, wie es nach dem Seilbahn-Unglück weitergehen wird

Der Fünfjährige lebt seit vier Jahren mit seiner Familie in Italien. Die israelische Familie sei nach Pavia gekommen, weil sein Vater Amit Biran (†30) dort sein Medizinstudium beenden wollte. Dort fand am Freitag um 12 Uhr auch eine Schweigeminute für die Opfer des Unglücks statt.

Seine Tante Aya B. wohnt ebenfalls in der Stadt der Lombardei, ganz in der Nähe ihres fünfjährigen Neffen. Jetzt liegt alle Verantwortung bei ihr. Auf die Frage, wie es jetzt weitergehen soll, sagt sie im "ilcorriere.it": "Es ist noch zu früh, ich weiß es nicht. Ich habe meinen Bruder Amit verloren, meine Schwägerin Tal und Tom, ein so wunderbares Kind, er war erst zwei Jahre alt. Und meine Großeltern. Die wurden gerade erst in Israel geimpft, wollten mit ihren Ur-Enkeln Zeit verbringen. Sie sagten noch, was soll in Italien groß passieren?" Jetzt sind sie tot – Gondel-Chef Luigi N. soll die Seilbahn wegen Geldsorgen am 24. April wieder eröffnet haben, obwohl er wusste, dass die Bremsen der abgestürzten Gondel defekt waren.

(mst)

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Tante erfuhr vom Seilbahn-Unglück per SMS

Aya B. arbeitet als Ärztin in einem italienischen Gefängnis. Jetzt wird sich für sie alles ändern. Sie wird sich ab sofort gemeinsam mit Eitans Großeltern um den Fünfjährigen kümmern. Noch wissen sie nicht, ob sie in Italien bleiben werden oder wieder zurück nach Israel ziehen. "Es ist nicht einfach, ich mache mir auch große Sorgen um meine Eltern. Für sie ist es ein großer Schock. Ich habe Angst, dass sie am Schmerz zerbrechen. Das ist eine unfassbare Tragödie".

Erfahren habe die Tante von dem Unglück über Beileidsbekundungen via SMS, erzählt sie "ilcorriere.it". "Ich dachte im ersten Moment, es seien Bekannte in Israel umgekommen. Ich habe versucht meinen Bruder und meine Schwägerin telefonisch zu erreichen, aber niemand ging ran." Dann war ihr klar, dass etwas nicht stimmte. Freunde klärten sie auf. "Dann bin ich zur Unglücksstelle gefahren. Dort habe ich die Namen der Toten auf einer Liste gelesen. Darunter mein Bruder, meine Schwägerin und mein lieber zweijähriger Neffe. Nur Eitan stand nicht drauf. Da wusste ich erst, dass er überlebt haben könnte."

Jetzt steht der Tante ein langer und harter Weg bevor. Sie muss zum einen den Verlust ihres Bruders, der Schwägerin, ihres Neffen und ihrer Großeltern verkraften und zum anderen für den fünfjährigen Eitan stark sein. Denn sie ist mit den Großeltern die Einzige seiner Familie, die er jetzt noch hat.

(mca)