Flicks WM-Debüt versaut

DFB-Auftakt im Schnellcheck: Erst Starthilfe, dann brutaler Doppelschlag

Ilkay Gündogan.
Ilkay Gündogan
Imago Sportfotodienst

von Emmanuel Schneider

Endlich mal wieder bei einer Weltmeisterschaft in Führung gegangen – trotzdem wieder die Auftaktpartie verloren. Das WM-Debüt von Hansi Flick geht gründlich in die Hose. Japan gibt dem deutschen Team erst Starthilfe, schlägt dann aber gnadenlos zurück und gewinnt 2:1 gegen eine zunehmend hilflose deutsche Mannschaft.

Was ist im Khalifa International Stadium passiert?

 Fussball, Herren, Saison 2022/23, WM in Katar, Gruppe E 1. Spieltag, Deutschland - Japan im Khalifa International Stadium in Ar-Rayyan, hintere Reihe v. l. David Raum Deutschland, Torhüter Manuel Neuer Deutschland, Antonio Rüdiger Deutschland, Kai H
Zeichen vor dem Anstoß
www.imago-images.de, IMAGO/Matthias Koch

Vorweg: Nein, Kapitän Manuel Neuer hat die „One Love“-Binde nicht getragen. Auch hat sich kein Spieler Regenbogenfarben in die Haare gesprayt oder sonstige Körperteile damit angemalt. Das muss man betonen, da allerlei Szenarien ausgemalt worden waren. Dafür setzte die Mannschaft beim Team-Foto nach der Hymne ein, nun ja, mittelgroßes Zeichen. Geschlossen hielten sich die Spieler eine Hand vor den Mund. Giftige Grüße an die Zensur-Fifa, getreu dem Motto: Wir lassen uns den Mund nicht verbieten. Immerhin.

Zum Sportlichen: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft startet wie 2018 mit einer massiven Enttäuschung in die Weltmeisterschaft. Dabei sah es lange Zeit überhaupt nicht danach aus. Die Partie gegen Außenseiter Japan entwickelte sich zur befürchteten Geduldsprobe. Die deutsche Elf dominierte im Ballbesitz, kreierte aber zunächst kaum gefährliche Szenen oder Druck auf den gegnerischen Sechzehner. Das japanische Mittelfeld um die Bundesliga-Legionäre Endo und Kamada bestach durch Zweikampfstärke.

Ein Geschenk des japanischen Keepers (unnötiges Foul am eigentlichen abdrehenden David Raum) half der deutschen Mannschaft dann in die Partie. Nach dem Führungstreffer per Elfmeter dominierte Deutschland zunächst, spielte einige hochkarätige Chancen heraus. Größtes Manko: die Abschlussschwäche und miserable Chancenverwertung. Genau die wurde dem Team dann zum Verhängnis, als Japan in der zweiten Hälfte offensiv wechselte, taktisch umstellte und stärker wurde. Per Doppelschlag der brutal effizienten „Blue Samurai“ und eigener Schwächen ging das DFB-Team k.o.

Lese-Tipp: DFB-Dämpfer zum Auftakt

Video: DFB-Team vergeigt WM-Auftakt gegen Japan

Deutschland vergeigt erneut WM-Auftakt gegen Japan Das DFB-Debakel im Video
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Das DFB-Debakel im Video
Deutschland vergeigt erneut WM-Auftakt gegen Japan

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So haben die Teams gespielt

Deutschland: Neuer/Bayern München (36 Jahre/115 Länderspiele/ 0 Tore) - Süle/Borussia Dortmund (27/43/1), Rüdiger/Real Madrid (29/55/2), Schlotterbeck/Borussia Dortmund (22/7/0), Raum/RB Leipzig (24/13/0) - Kimmich/Bayern München (27/72/5), Gündogan/Manchester City (32/64/17) ab 67. Goretzka/Bayern München (27/46/14) - Gnabry/Bayern München (27/37/20) ab 90. Moukoko/Borussia Dortmund (18/2/0), Müller/Bayern München (33/119/44) ab 67. Hofmann/Borussia Mönchengladbach (30/18/4), Musiala/Bayern München (19/18/1) ab 79. Götze (Eintracht Frankfurt/30/64/17) - Havertz/FC Chelsea (23/31/10) ab 79. Füllkrug/Werder Bremen (29/2/1). - Trainer: Flick

Japan: Gonda/Shimizu S-Pulse (33/35/0) - Hiroki Sakai/Urawa Red Diamonds (32/73/1) ab 75. Minamino/AS Monaco (27/45/17), Yoshida/Schalke 04 (34/113/12), Itakura/Borussia Mönchengladbach (25/14/1), Nagatomo/FC Tokio (36/139/4) ab 57. Mitoma/Brighton & Hove Albion (25/10/5) - Endo/VfB Stuttgart (29/44/2), Ao Tanaka/Fortuna Düsseldorf (24/16/2) ab 71. Doan/SC Freiburg (24/30/4) - Junya Ito/Stade Reims (29/39/9), Kamada/Eintracht Frankfurt (26/23/6), Kubo/Real Sociedad (21/21/1) ab 46. Tomiyasu/FC Arsenal (24/30/1) - Maeda/Celtic Glasgow (25/9/1) ab 57. Asano/VfL Bochum (28/38/8). - Trainer: Moriyasu

Schiedsrichter: Ivan Barton (El Salvador)

Tore: 1:0 Gündogan (33., Foulelfmeter), 1:1 Doan (75.), 1:2 Asano (83.)

Die Partie als Spielfilm

8. Minute: Erster Schock und Warnschuss für das deutsche Team. Ilkay Gündogan verliert im Vorwärtsgang den Ball, die Japaner schalten schnell um. Die Flanke von Ito schiebt Maeda ein. Doch der Angreifer stand einen guten Schritt im Abseits. Das Tor zählt nicht.

16. Minute: Die erste gute Möglichkeit für Deutschland! Kimmich lässt eine Ecke in den Strafraum segeln. Der hochgeschossene Rüdiger köpft wuchtig, aber leicht rechts am Tor vorbei.

20. Minute: Die Flick-Elf kommt besser ins Spiel. Musiala wird abgegrätscht, Kimmich zieht aus der Distanz ab, Keeper Gonda lässt prallen, Gündogan schießt im Nachgang weit drüber – stand aber ohnehin im Abseits.

29. Minute: Wieder eine Doppelchance: Japan-Keeper Gonda boxt eine scharfe Flanke weg, der Ball kullert auf Gündogan zu, der im Strafraum abschließt.

31. Minute: Kimmich spielt mit einer überragenden Flanke aus dem Fußgelenk Raum im Strafraum frei, der in den Zweikampf mit Gonda geht und nur durch ein Foul zu stoppen ist. Elfmeter. Gündogan übernimmt Verantwortung und trifft souverän links in die Ecke. 1:0!

45. Minute: Kimmich spielt Musiala kurz vorm Sechzehner an, zwei wieselflinken Drehungen später zieht der 19-Jährige frei aus 16 Metern ab. Der Ball geht drüber.

45.+3: Schlussoffensive des DFB-Teams. Ein Abpraller landet bei Gnabry, der sofort Havertz bedient. Der Jubel hält nicht lange. Der Chelsea-Stürmer stand im Abseits.

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46. Minute: Sturmlauf von Müller, der auf der rechten Seite Gnabry anspielt. Der Bayern-Star knallt den Ball knapp über die Latte.

51. Minute: Bühne frei für Jamal Musiala. Der Mittelfeldmann tänzelt leichtfüßig durch den Strafraum an vier hilflosen Gegenspielern vorbei, allein der Abschluss ist nicht perfekt. Wieder geht der Ball drüber.

60. Minute: Gündogan marschiert in den Sechzehner, schiebt den Ball aber nur an den Außenpfosten.

66. Minute: Jetzt mal wieder Japan. Nach einer Ecke köpft Itakura den Ball aufs Tor, Schlotterbeck hält den eigenen Schädel hin und entschärft.

69./70. Minute: Gonda mutiert zum Mann des Spiels. Entschärft gleich mehrere Großchancen der deutschen Mannschaft. Erst gegen Hofmann, dann gegen Gnabry.

73. Minute: Zum ersten Mal ist Neuer gefordert. Sana ist nach einer Flanke viel zu frei, der Schuss von Rüdiger leicht abgefälscht, blockt Neuer stark ab, Sakai schießt drüber.

75. Minute: Der Ausgleich! Ritsu Doan hat leichtes Spiel. Minaminos flankt von der linken Seite, Rüdiger kann nicht klären, Neuer lässt noch vorne abklatschen – der Japaner steht frei und schiebt zum 1:1 ein.

82 Minute: Spiel gedreht. Schlotterbeck lässt nach einer lange Flanke Asano laufen, der Bochumer spitzelt aus spitzem Winkel die Kugel ins Tor. Bitter.

90.+4: Nochmal die Chance für Goretzka! Füllkrug legt per Kopf ab, Goretzka hat freie Schussbahn, der Ball rauscht am linken Pfosten vorbei.

Mann des Spiels

Fussball, Weltmeisterschaft, 2022, Herren, Qatar, Gruppe E, 1. Spieltag, Khalifa International Stadium: Deutschland - Japan 1:2 Jubel Shuichi Gonda JPN. Jubel, Freude, Aktion. FIFA REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR
Shuichi Gonda
www.imago-images.de, IMAGO/Uwe Kraft, IMAGO/UWE KRAFT

Shuichi Gonda. Der japanische Torwart hielt mit mehreren Paraden in der deutschen Drangphase seine Elf im Spiel und ermöglichte erst das späte Comeback zum 2:1.

Was war die Schlüsselszene?

Japan's Takuma Asano, left, fight for the ball with Germany's Nico Schlotterbeck, on his way to score his side's second goal during the World Cup group E soccer match between Germany and Japan, at the Khalifa International Stadium in Doha, Qatar, Wed
Nico Schlotterbeck kann Takuma Asano nicht stoppen.
AP, Ebrahim Noroozi

Ein eigentlich harmloser Freistoß tief in der japanischen Hälfte entzaubert die deutsche Defensive. Asano enteilt Schlotterbeck, der den Japaner nicht mehr einfängt und auch nicht beherzt in den Zweikampf geht. Zuvor hatte Niklas Süle das Abseits aufgehoben. Neuer ist machtlos.

Was war gut?

Aller Defensivstärke der Japaner zum Trotz behielt die deutsche Elf in der ersten Halbzeit die Nerven, zog geduldig ihr Spiel weiter auf, bei bis zu 85 Prozent Ballbesitz. Besonders Youngster Musiala war ein steter Unruhefaktor für die japanische Defensive. Der gebürtige Schwabe hat das Potential zu einem der großen WM-Stars zu werden.

Was war schlecht?

Viel Ballbesitz, viele Abschlüsse, viel zu wenig Ausbeute. Aus dem Spiel heraus gelang dem deutschen Team trotz bester Möglichkeiten kein Tor. Besonders im Abschluss zeigte das DFB-Team Schwächen und Ungenauigkeiten oder scheitere am starken Japan-Keeper Gonda. Das 2:0 und die Vorentscheidung wären möglich gewesen. Die Abwehr stand erst einigermaßen stabil, vor den beiden Gegentoren aber sahen Süle, Rüdiger und Schlotterbeck nicht gut aus.

Das Zentrum wurde durch die japanische Defensive dicht gemacht, aber einmal mehr wurde klar: Dem deutschem Spiel fehlt ein starker Zentrumsstürmer.

Ebenfalls Enttäuschung: Die Stimmung im Stadion. WM-Party? Weit gefehlt. Erst das Gündogan-Tor ließ etwas am Regler drehen. Ansonsten wurde im Stadion mit Dezibel gegeizt.

Gab es eine Überraschung?

In der Aufstellung. Durchaus überraschend setzte Bundestrainer Flick in der Startformation auf Nico Schlotterbeck, der für Thilo Kehrer ins Team rückte. Der Dortmunder kam im Zentrum neben Antonio Rüdiger zum Einsatz, machte seine Sache zunächst unauffällig, was als Verteidiger immer eine gute Sache ist. Wurde dann ungewollt durch seinen verlorenen Zweikampf vor dem 1:2 zum Hauptdarsteller.

Das sagt der Bundestrainer

„Das ist brutal enttäuschend. Wir sind zu Recht mit 1:0 in Führung gegangen, das war mehr als verdient. Wir haben viele Torchancen nicht gemacht. Man muss einfach sagen: Da hat Japan uns, was die Effizienz angeht, klar geschlagen.

„Die individuellen Fehler, die wir gemacht haben, dürfen einfach nicht passieren. Wir müssen die Spieler jetzt aufbauen. Wir werden keine schöne Heimreise haben, weil jeder das jetzt im Kopf hat und sich jeder ärgert, dass wir das Spiel heute nicht gewonnen haben.“

Statistik des Spiels

Zwei Zahlen: 25 und 69. 25 Torschüsse gab das Team von Flick aufs Tor ab, bei einem Ballbesitzanteil von 69 Prozent. Mit diesen Werten sollte mehr drin sein als ein 1:2.