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Deutschland liefert Panzerfaust 3 an die Ukraine: Vorteile & Defizite der Waffe

Veraltet aber effektiv

Deutschland liefert die Panzerfaust 3 an die Ukraine - das sind ihre Vor- und Nachteile

Ein Soldat hält auf dem Truppenübungsplatz Munster (Niedersachsen) im Rahmen der Informationslehrübung "Landoperationen 2016" eine Panzerfaust 3 in der Hand.  Deutschland liefert nun Waffen in die Ukraine.
Soldat mit einer Panzerfaust 3
scg kno wst, dpa, Sebastian Gollnow

von Gernot Kramper

Berlin liefert die Panzerfaust 3 in die Ukraine. Das ist nicht die modernste Panzerbekämpfungswaffe, aber ein solides Arbeitspferd. Das größte Manko ist die geringe Reichweite, das muss in Städten aber kein Nachteil sein.

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Deutschland liefert die Panzerfaust 3 in die Ukraine

Nach langem Zögern liefert Deutschland die Panzerfaust 3 an die Ukraine. Was ist das für eine Waffe? In den letzten Jahren stand die Panzerfaust nicht im Mittelpunkt des Interesses. Sie war schlicht nicht "fancy" genug. Und tatsächlich handelt es sich bei der Panzerfaust 3 nicht um eine intelligente Lenkwaffe zur Panzerbekämpfung (ATGM – Anti Tank Guided Missile) wie die Javelin oder die Spike, die die Bundeswehr auch benutzt. Nicht von ungefähr trägt die Waffe einen Traditionsnamen, der an das Panzerbekämpfungsmittel aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert. Eine Wortwahl, die man heute vielleicht nicht mehr treffen würde. Die Panzerfaust ist einfacher, billiger – aber in besonderen Situationen nicht weniger wirksam als eine ATGM.

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Defizite - die Panzerfaust 3 hat eine geringe Reichweite

Was kann sie nicht? Aufwendigere Anti-Panzerraketen haben eine weit größere Reichweite. Die TOW aus US-Produktion erreicht fast vier Kilometer. Günstig postiert, decken diese Waffen einen sehr großen Bereich ab. Die Reichweite der Panzerfaust 3 beträgt dagegen nur 400 Meter, das heißt das Ziel muss im unmittelbaren Umfeld des Schützen sein. Dennoch sind maximal 400 Meter und 300 Meter bei beweglichen Objekten weit mehr als bei den Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg, die teilweise nur eine effektive Reichweite von kaum mehr als 50 Metern hatten. Der Schütze musste sich zudem vor dem Ziel aufbauen. Viel mehr Reichweite hätte auch keinen Sinn: Die Panzerfaust 3 wird mit Sicht auf das Ziel abgeschossen. Ihr Gefechtskopf folgt dann seiner Bahn, er kann das Ziel nicht selbstständig verfolgen, geschweige denn komplizierte Manöver ausführen. Die neueren ATGM überfliegen das Ziel und greifen dann den gegnerischen Panzer an der wenig geschützten Oberseite an.

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Vielseitige Nutzung: Im urbanen Raum ist die Panzerfaust 3 effektiv

Das kann die Panzerfaust alles nicht, aber dennoch ist sie eine höchst effektive Waffe. Die Panzerfaust kann eine Gruppe von Infanteristen zum Eigenschutz mitführen. Im urbanen Raum ist die geringe Reichweite nicht von Nachteil, meist sind die Sichtlinien zwischen den Gebäuden weit kürzer. Dazu kann die Waffe mit verschiedenen Gefechtsköpfen geladen werden und auch gegen Bunker und Befestigungen eingesetzt werden. Im Häuserkampf kann sie in massive Mauern oder Decken Öffnungen für die Infanteristen sprengen und so die Beweglichkeit erhöhen. Sie ist in der Handhabe unproblematisch und muss nicht, wie Spike und TOW, auf einem Dreibein aufgebaut werden. Sie ist auch keine Diva, die umständlich einsatzbereit gemacht werden muss. Die Infanterie kann sie gefechtsbereit in der Bewegung mitführen. Die Panzerfaust 3 wiegt nur etwa 13 Kilogramm.

Moderne Modelle nutzen eine Visiereinrichtung, die mit einem Laser die Entfernung zum Ziel misst und automatisch den Zielpunkt errechnet, dann steigert sich die Reichweite auf 600 Meter. Die alten RPG-7 der UdSSR arbeiten ähnlich, sie sind allerdings leichter und weniger wirkungsvoll. Von ihnen ist bekannt, dass Infanteristen sie keineswegs nur gegen Panzer einsetzen, sondern sie als mobile Feuerunterstützung gegen jedwede Ziele nutzen. Größter Nachteil im urbanen Gelände ist der "Feuerschweif" beim Start, der durch das Zünden der Rakete entsteht. Im Prinzip kann die Panzerfaust 3 auch in geschlossenen Räumen abgeschossen werden, dann muss der Schütze aber Platz im Rücken haben. In kleineren Räumen, oder engen Stellungen kann die Panzerfaust nicht eingesetzt werden, ohne den Schützen oder Begleiter zu gefährden. Wenig schön sind auch Blitz und Rauchentwicklung beim Abfeuern. Zusammen mit der eingeschränkten Reichweite muss der Schütze davon ausgehen, dass der Abschuss seine Position verrät.

Keine Einwegwaffe: Die Panzerfaust 3 kann mit Munition nachgeladen werden und ist leicht zu bedienen

Anders als die Weltkriegswaffe und auch anders als die ursprüngliche Planung vorsah, handelt es sich nicht um eine Einwegwaffe. Griffstück und Abschussvorrichtung können, wie bei der RPG, neu geladen werden. Ein weiterer Infanterist kann daher zusätzlich Munition mitführen. Die Panzerfaust 3 wurde bereits an Kurden im Kampf gegen den IS geliefert. In dem offenen Gelände ist die geringe Reichweite mehr von Nachteil als in der Ukraine. Im urbanen Gelände verleiht die Panzerfaust den Kampfgruppen der ukrainischen Armee sehr viel mobile Feuerkraft, an die Wirkung der ebenfalls sehr leichten Javelin kommt sie allerdings nicht heran.

Die Tage eines Panzerbekämpfungsmittels, das auf geringe Entfernung eine Sichtlinie zum Ziel benötigt, sind wohl gezählt – zumindest in modernen Armeen. Dennoch wehrt die Panzerfaust 3 Kampfpanzer und Schützenpanzer ab. Der zweiphasige Gefechtskopf durchbricht auch den Schutz russischer Kampfpanzer mit zusätzlicher Reaktivpanzerung. Dazu kann sie auch gegen Infanteristen, Stellungen und Bunker eingesetzt werden. Auch wichtig: Für ihren Einsatz ist keine lange Schulung notwendig. Reservisten der ukrainischen Streitkräfte, die die RPGs der UdSSR kennen, werden die Panzerfaust 3 schnell bedienen können.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst bei stern.de