Wie dramatisch ist die Lage?

Den Kitas fehlen Fachkräfte: Verbände schlagen Alarm

„Aktuell zeichnet sich in vielen Kindertageseinrichtungen Mangelverwaltung ab. Das Personal arbeitet zunehmend an der Grenze der Belastbarkeit!", warnt der Caritas-Verband der Erzdiözese München und Freising.
„Aktuell zeichnet sich in vielen Kindertageseinrichtungen Mangelverwaltung ab. Das Personal arbeitet zunehmend an der Grenze der Belastbarkeit!", warnt der Caritas-Verband der Erzdiözese München und Freising.
ude bsc, dpa, Uli Deck

Mangelverwaltung, Kollaps – das sind Worte, die Eltern NICHT hören wollen, wenn sie ihre Kinder zur Betreuung in eine Kita geben. Und doch ist das Alltag in vielen Kindertagesstätten. Es fehlt ohnehin schon an Personal, Krankheitsfälle verschärfen aktuell die Lage. Verbände warnen vor fatalen Folgen.

Diese Beispiele zeigen das Problem

Beispiel München:

Die Caritas ist hier Träger von 178 Kitas, Mittagsbetreuungen und Heilpädagogischen Tagesstätten in München und Oberbayern. In diesen Einrichtungen werden fast 14.000 Kinder betreut. Im Schnitt fehlen in jeder Einrichtung nach eigenen Angaben ein bis zwei Arbeitskräfte, 100 offene Stellen sind zu besetzen.

In den städtischen Einrichtungen sieht es nicht besser aus: In den 450 städtischen Kitas fehlen derzeit 377 Erzieherinnen, elf Prozent der Stellen sind unbesetzt. Außerdem mangelt es an 141 Kitapflegern, das entspricht knapp acht Prozent der Stellen, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet.

Beispiel Düsseldorf:

In der NRW-Landeshauptstadt Düsseldorf sind laut Angaben der Stadt „trotz aller Anstrengungen noch mehr als 100 Stellen nicht besetzt“. Da Personal fehle, sei es oft schwer, neue Gruppen zu öffnen. „Insgesamt könnten in Düsseldorf 900 Kinderbetreuungsplätze mehr angeboten werden, wenn auskömmliches Personal da wäre“, so ein Sprecher.

Beispiel Dortmund:

In Dortmund kommt es „zu Betreuungseinschränkungen, beispielsweise durch eine Verkürzung der Betreuungszeit“, wie eine Sprecherin der Stadt kürzlich mitteilte. Die Versorgungsquote der bis zu Dreijährigen liegt laut einer Erhebung der Stadt bei rund 38 Prozent. Der Landeselternbeirat der Kindertageseinrichtungen (LEB) in NRW wird laut Angaben einer Sprecherin fast täglich wegen Betreuungsengpässen und Einrichtungsschließungen kontaktiert.

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"Keine Kita arbeitet mit voller Besetzung“

Das sind nur drei Beispiele, die Liste könnte unendlich fortgesetzt werden. Laut Bertelsmann-Stiftung müssten in Deutschland zusätzlich zum vorhandenen Personal weitere 93.700 Fachkräfte im Westen und 4.900 im Osten eingestellt werden, um den Bedarf der (oft arbeitstätigen) Eltern zu decken. Das ist zum einen eine Frage das Geldes, aber: „noch herausfordernder als die Finanzierung wird es jedoch sein, die benötigten Fachkräfte für die Kitas zu gewinnen“, so die Stiftung zu ihrer Erhebung, die im Oktober 2022 veröffentlicht wurde.

Der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising schlägt in dieser Woche Alarm. „Aktuell zeichnet sich in vielen Kindertageseinrichtungen Mangelverwaltung ab. Das Personal arbeitet zunehmend an der Grenze der Belastbarkeit. Die Folgen sind Krankheit, Gruppenschließungen, Fluktuation. Wir sehen daher dringenden politischen Handlungsbedarf, damit die Kindertageseinrichtungen und Heilpädagogischen Tagesstätten nicht sehenden Auges in eine Krise geraten. Keine Kita arbeitet mit voller Besetzung“, warnen Caritasdirektor Prof. Dr. Hermann Sollfrank und Vorständin Gabriele Stark-Angermeier. Der Verband fordert daher: Mehr Ausbildungsplätze, mehr Wertschätzung in der Gesellschaft für den Beruf. Auch ausländische Abschlüsse müssten schneller geprüft und anerkannt werden. Auch in NRW warnen Verbände, dass die Aufsichtspflicht in den Kitas durch die Personallage gefährdet sein könne.

Die Auswirkungen des Fachkräftemangels sind bereits für alle Beteiligten deutlich spürbar, so der Deutsche Kita-Verband, der die freien Kitas in Deutschland vertritt. “Träger können den Familien nicht ausreichend Kitaplätze zur Verfügung stellen, weil das Personal fehlt, um alle Kinder aufzunehmen. Zeitweise müssen einzelne Gruppen oder Kitas geschlossen oder die Betreuungszeiten reduziert werden, wenn zu viel Personal ausfällt,“ heißt es auf RTL-Anfrage.

Anette Stein, Expertin für frühkindliche Bildung der Bertelsmann Stiftung, beobachtet zwar einen deutlichen Ausbau der Fachkräfte in den letzten Jahren und doch stünden die „Kitas vor einem Kollaps, weil das Aufgabenpaket und die Personalnot einfach zu groß sind,“ erklärt sie in einem Video auf der Webseite der Stiftung. Ihr Lösungsansatz: „Denkbar wäre zum Beispiel, dass mehr Hauswirtschafts- und Verwaltungskräfte eingestellt werden, damit sich die pädagogischen Fachkräfte auf ihre Kernarbeit mit den Kindern konzentrieren können und gute Bildungsarbeit leisten können.“

Lese-Tipp: Ein Kommentar eines jungen Vaters: Echte Hilfe für Familien – das geht, wenn man es denn wirklich will!

Deutscher Kitaverband fordert Umdenken in der Fachkräfte-Diskussion

„Die Auswirkungen des Fachkräftemangel sind für alle Beteiligten deutlich spürbar. Die Kitas verfügen nicht mehr über Springerkräfte, die bisher kurzfristig Personalengpässe ausgleichen konnten. Die Kita-Träger können den Familien aufgrund der Personalknappheit nicht ausreichend Kitaplätze zur Verfügung stellen. Kommen dann noch akute Situationen wie Krankheitswellen dazu, müssen die Betreuungszeiten reduziert oder zeitweise einzelne Gruppen bzw. Kitas geschlossen werden,“ so Waltraud Weegmann vom Deutschen Kita-Verband.

Der Deutsche Kita-Verband fordert daher ein Umdenken in der Fachkräfte-Diskussion und wünscht sich vielfältiger aufgestellte Kita-Teams und mehr Flexibilität bei der Stellenbesetzung für die Kita-Träger – ohne die Qualität der frühkindlichen Bildung in den Kitas herunterzuschrauben. Wie das konkret aussehen könnte? Der Verband nennt dazu im RTL-Interview eine Fachkraft-Quote von 50 Prozent mit der Ergänzung von qualifizierten Quereinsteigerinnen und Einsteigern, Akademiker und Akademikerinnen sowie Unterstützungskräfte, also sogenannte Alltagshelfer. Auch Verwaltungskräfte könnten die Fachkräfte bei administrativen Aufgaben entlasten.

Anfang Januar hat das Familienministerium seine Kita-Pläne vorgestellt und einen Bericht zur Kita-Qualität vorgelegt. Das Ministerium schreibt dazu: „Die Länder investieren künftig über 50 Prozent der Bundesmittel in sieben vorrangige Handlungsfelder, die für die Qualitätsentwicklung besonders bedeutsam sind. Zum Beispiel in die Verbesserung der Fachkraft-Kind-Schlüssel, die Gewinnung und Sicherung von qualifizierten Fachkräften oder die Stärkung der Kindertagespflege.“ Der Bund unterstütze die Länder in den Jahren 2023 und 2024 insgesamt mit vier Milliarden Euro für die „Weiterentwicklung der Qualität und die Verbesserung der Teilhabe in der Kinderbetreuung“, so Ministerin Lisa Paus.

Ob das die Lage zeitnah verbessert? Das bleibt zu wünschen und zu hoffen. Denn eine gute Kita-Betreuung ist nicht nur für die Kinder und Familien wichtig: Wenn Eltern sich nicht auf die Betreuung verlassen können, müssen sie ihre eigenen Jobs zurückstellen, in Teilzeit gehen oder können im schlimmsten Fall gar nicht arbeiten gehen. Und dann fehlen auch sie in ihren Jobs, als Fachkräfte. Ein Teufelskreis. (eku, mit dpa)

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