War Amirouche Hammar wirklich Corona-Patient 0?

Experte erklärt: Coronavirus zirkulierte vermutlich schon länger

Amirouche Hammar
© AP, Michel Euler, ME

08. Mai 2020 - 18:47 Uhr

Amirouche Hammar gilt jetzt als Patient 0

Seit ein paar Tagen ist klar: In Frankreich hat es bereits Ende Dezember einen Coronavirus-Fall gegeben. Die Infektion wurde aber erst später entdeckt. Bei dem Erkrankten handelt sich um den 43-jährigen Amirouche Hammar aus der Nähe von Paris. Er berichtete, trockenen Husten, Fieber, Müdigkeit und schwere Atembeschwerden gehabt zu haben, sagte Hammar dem Sender BFMTV. Im Krankenhaus von Bobigny wurde schließlich eine Lungeninfektion festgestellt. Man habe ihm nicht sicher sagen können, was er hat - nur, dass es sehr ernst wäre, erzählte Hammar. Nach wenigen Tagen konnte er das Krankenhaus wieder verlassen.

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Virus in Frankreich wahrscheinlich schon seit 2019

Seit diesen Berichten gilt Hammar als europäischer Patient 0, also als der erste, der in Europa vom neuen Coronavirus betroffen war. Aber gibt es so etwas wie einen echten Patient 0 überhaupt? "Wir müssen davon ausgehen, dass das Virus schon wesentlich früher in Europa zirkulierte", sagt Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor Hygienezentrum Bioscientia. "Der erste Fall, der jetzt in Paris publik wurde, war am 27.12. nachweislich stationär in Behandlung und die Proben waren tatsächlich positiv - insofern gehen wir davon aus, dass das Virus auch in Frankreich schon im Jahr 2019 vorhanden war."

HIV war schon seit den 1920ern unterwegs

Ähnliches werde auch für Italien angenommen, dort sei der allererste Patient Mitte Februar diagnostiziert worden. Dass Sars-CoV-2 dort auch schon vor diesem ersten Fall zirkulierte, sei ebenfalls sehr wahrscheinlich, so der Hygieniker. "Wir wissen zum Beispiel vom HI-Virus, dass es schon in den 1920ern und 1930ern vorhanden war", so Dr. Zinn, "aber erst in den 1980ern gelang der Virus-Nachweis und die ersten Fälle in New York wurden publik."

Proben aus China zeigten ähnliches Bild

In der Regel kursierten Viruserkrankungen schon länger in der Bevölkerung, bevor es die ersten Nachweise gebe und wissenschaftliche Publikationen dazu erscheinen: "Wenn wir uns das Coronavirus genau ansehen, können wir anhand der Mutationsrate sehen, welche Generation an Viren gerade in der Bevölkerung unterwegs ist", erklärt der Experte. "Gerade die ersten Proben aus China ließen zum einen den Schluss zu, dass das Virus schon länger unterwegs ist, und dass uns momentan noch ein Puzzleteil fehlt, nämlich der Zwischenwirt."

Suche nach dem Zwischenwirt läuft weiterhin

Stand der Forschung ist, dass das Virus erst von Fledermäusen kam, wobei nicht genau klar ist, wie lange Fledermaus-Populationen das Virus bereits in sich trugen. Welches Wirtstier das Virus an den Menschen weitergegeben hat, ist derzeit Gegenstand intensiver Forschungsarbeiten.

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