Wieder mehr Freiheiten

Wie ansteckend sind Geimpfte?

Endlich wieder die ganze Familie vereint - wenn einige Familienmitglieder geimpft sind, geht das. Aber wie sicher ist das für Ungeimpfte?
Endlich wieder die ganze Familie vereint - wenn einige Familienmitglieder geimpft sind, geht das. Aber wie sicher ist das für Ungeimpfte?
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08. Mai 2021 - 15:19 Uhr

Geimpfte laut Studie weiterhin infektiös

Keine Kontaktbeschränkungen, keine Ausgangssperre, keine Corona-Tests und keine Quarantäne: all diese Freiheiten bekommen Geimpfte und Genese nun zurück – weil sie laut Robert Koch-Institut (RKI) kaum zum Infektionsgeschehen beitragen. Leipziger Wissenschaftler fanden nun aber heraus, dass Geimpfte durchaus infektiös sein können, auch wenn sie es selbst gar nicht mitbekommen. Wie ansteckend sind Geimpfte denn nun?

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Impfung schützt vor Covid-19-Erkrankung, aber was ist mit der Infektion?

Wer geimpft ist, ist weitestgehend sicher vor Corona. Laut Studien zumindest vor einer schweren oder tödlich verlaufenden Covid-19-Erkrankung. Die Frage danach, ob vollständig gegen Corona geimpfte Menschen sich noch mit dem Virus infizieren oder es weitergeben können, ist aber eine andere.

Leipziger Wissenschaftler sind genau dieser Frage nachgegangen und haben herausgefunden: Sars-CoV-2 kann sich trotz Impfung in den Rachenschleimhäuten vermehren. Geimpfte können die Infektion also weitergeben, auch wenn sie selbst nichts davon merken.

Keine Antikörper im Speichel gefunden

Das wurde untersucht: 100 Mitarbeiter hat das Forscherteam um den Oberarzt Dr. Stephan Borte am Leipziger St. Georg Klinikum im Rahmen der Studie, die zunächst als Preprint veröffentlicht werden soll, untersucht. Alle wurden zuvor mit zwei Dosen des Impfstoffs von Biontech geimpft. Zusätzlich untersuchten die Forscher Blutproben und Proben der Rachenschleimhaut von bereits Genesenen, die eine aktive Infektion überstanden hatten. Anhand der Proben beobachteten sie die Entwicklung von schützenden Antikörpern gegen Sars-CoV-2. Die Antikörper wurden im Labor des Fraunhofer-Instituts daraufhin geprüft, ob sie in der Lage waren, die aktuell dominierende B.1.1.7-Variante des Virus zu neutralisieren. In einem zweiten Test wurden sie dann mit der südafrikanischen Mutation B.1.351 konfrontiert. Diese kann der menschlichen Immunantwort teilweise ausweichen.

Das Ergebnis: Zwar war die geimpfte Gruppe gut gegen Sars-CoV-2 geschützt – so konnten die Antikörper die britische Mutation B.1.1.7 zu 99 Prozent neutralisieren und die südafrikanische Variante B.1.351 zu immerhin 80 Prozent – doch die entsprechenden Antikörper fehlten im Speichel der Geimpften. Die Folge: Das Virus könnte sich weiterhin im Rachen von Geimpften vermehren und dementsprechend übertragen werden. "Das sogenannte Schleimhaut-Immunsystem wird durch die Impfung wahrscheinlich nicht so aktiviert, wie man sich das wünschen würde", erklärt Studienautor Borte im MDR.

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Studie bestätigt Experteneinschätzung

Prof. Dr. Uwe Janssens
Prof. Dr. Uwe Janssens bei einem Interview im "RTL Nachtjournal" im Dezember.
© RTL

Das Studienergebnis bestätigt, was Experten bereits vermutet haben: Bereits im Dezember erklärte Intensivmediziner Prof. Dr. Uwe Janssens im Interview mit RTL: "Man geht davon aus, dass der erfolgreiche Impfstoff das Virus abfängt und abtötet." Nichtsdestotrotz sei es möglich, dass sich Viren weiter vermehren. Diese würden dem geimpften Patienten dann zwar nicht mehr schaden, könnten sich aber trotzdem eventuell noch ausbreiten, so Janssens.

Der Intensivmediziner riet darum, weiterhin Abstand zu halten und Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen – auch wenn man geimpft ist. Es gelte: "Immer achtsam sein und aufpassen, dass man doch nicht noch jemand anderen infiziert und selber geschützt ist."

Experte hält Weitergabe des Virus durch Geimpfte für unwahrscheinlich

Epidemiologe Timo Ulrichs hält es vor allem bei älteren Patienten für wahrscheinlich, dass sie trotz Impfung an Covid-19 erkranken. In diesem Fall spricht man von sogenannten Impfdurchbrüchen. Dazu komme es, weil das Immunsystem schwach sei. Doch dass sie das Virus auch weitergeben, daran zweifelt er. Die Wahrscheinlichkeit dafür sei geringer als bei Ungeimpften, sagt er im RTL-Interview: "Wenn da Einzelfälle berichtet werden, ist das eher eine Ausnahme und kein Argument dagegen, dass wir den Geimpften nicht wieder die Rechte zurückgeben könnten."

Hinzu komme, dass bei zunehmender Durchimpfung der Bevölkerung die Wahrscheinlichkeit abnehme, dass man das Virus weitergebe oder sich infiziere: "Für ein einzelnes Individuum, das geimpft ist, kann die Weitergabe rein rechnerisch zu einem gewissen Prozentsatz passieren. Aber wenn weitere Faktoren hinzukommen, wie zum Beispiel, dass die Umgebung geimpft ist, ist es eben so wie bei anderen Durchimpfungen wie bei Masern, Mumps und Röteln auch: Dass dann die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass da etwas weitergegeben wird und es dann da zu Ausbrüchen kommt." Das Stichwort lautet also Herdenimmunität. Und je näher man der komme, desto mehr Schritte in Richtung Öffnungen könne man unternehmen.

Experte sagt: Geimpften Grundrechte zurückgeben

Aus Sicht von Ulrichs sei es nicht zu früh, Geimpfte denjenigen gleich zu stellen, die einen negativen Corona-Test vorweisen können: "Wir wollen ja den Zustand erreichen, dass Geimpfte wieder ein normales Leben führen können. Da werden wir auch hin kommen. Und in der Übergangsphase kann man auch dann schon sagen, dass Geimpfte geschützt sind, jedenfalls vor einer Covid-19-Erkrankung mit schwerem oder leichten Verlauf, aber auch ziemlich sicher vor einer Infektion. Deswegen gibt es kaum Risiken, die man hier formulieren müsste, und eben auch keine Gefährdung der Umwelt." Es spreche also nichts dagegen, ihnen ihre Grundrechte zurückzugeben.

Immunität bei Genesenen schwankt

Bei bereits Genesenen hing die Immunität stark vom Schweregrad der Covid-19-Erkrankung ab. Wie die Ergebnisse der Studie zeigten, nahm die Zahl der schützenden Antikörper bei Menschen, die eine eher leichte Infektion mit vergleichsweise milden Symptomen wie Hals- und Gliederschmerzen sowie leichtem Fieber hinter sich gebracht hatten, im Verlauf von sechs Monaten stark ab. Bei den Neutralisationstests gegen die Südafrikavariante B.1.351 zeigte sich dann nur noch ein Schutz von rund 30 Prozent.

Lese-Tipp: Wer gilt als genesen? Und wie weist man das nach?

Borte und seine Kollegen warnen nun vor vorschnellen Lockerungen. Erst ab einer Impfquote von etwa 50 Prozent seien "gut durchdachte Öffnungsszenarien und großräumige Pilotversuche sinnvoll", sagt Borte dem MDR. Bis zu diesem Zeitpunkt müssten auch Geimpfte weiterhin Masken tragen sowie die Abstands- und Hygieneregeln einhalten. Auch Geimpfte zu testen, sei weiterhin sinnvoll. Wer einen Sommerurlaub plane, müsse zudem die Inzidenzen an den Urlaubsorten beachten. "Die Pandemie ist noch nicht ausgestanden."

Bis rund 50 Prozent der Deutschen geimpft sind, wird es voraussichtlich noch etwas dauern. Knapp ein Drittel (30,6 Prozent) aller Bundesbürger hat zwar mittlerweile eine Erstimpfung erhalten, vollständig geimpft sind aber bislang nur 8,6 Prozent (Stand 6. Mai).

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