Gefährlicher Selbstversuch mit Corona-Impfung

Medizin-Professor sagt: Ich habe mich erfolgreich selbst immunisiert!

15. Mai 2020 - 9:30 Uhr

Bringt dieser Selbstversuch die Wissenschaft weiter?

Bereits zu Beginn der Corona-Krise vermeldete das in Houston ansässige Gentech-Unternehmen Greffex Inc.: Wir haben einen Impfstoff gefunden! Statt abgeschwächte Lebendviren zu benutzen, orientierten sich die Forscher am sogenannten Spike-Protein, mit dem das Virus an menschliche Zellen andockt. Winfried Stöcker, Unternehmer und Medizin-Professor aus Lübeck, sagt nun: Ich habe einen ähnlichen Impfstoff an mir selbst getestet - und es hat funktioniert! Doch diese Botschaft hält Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor des Hygienezentrums Bioscientia, für extrem gefährlich. Warum, erklärt er im Video.

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„Ich bin jetzt immun“

Winfried Stöcker
Winfried Stöcker, Vorstandschef der Euroimmun Medical Laboratory Diagnostics Co. Ltd. Foto: Carsten Rehder/Archiv
© deutsche presse agentur

Dr. Winfried Stöcker ist kein unbekannter Mediziner. Seit 2014 mischt er sich immer wieder in die Politik ein, ätzt gegen Merkel, "Gender-Unfug" und Flüchtlinge. Aus seiner Sympathie für die AfD macht er keinen Hehl. 1999 war er Professor an der Tongji-Universität in Wuhan. 1987 gründete er mit Euroimmun ein Unternehmen für Labordiagnostik, das er bis vor zwei Jahren leitete. 

Jetzt zieht der Unternehmer und Medizin-Professor wieder die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Auf seinem persönlichen Blog berichtet er, dass er sich in einem Selbstversuch mit einem Corona-Impfstoff erfolgreich selbst immunisiert habe. Er schreibt: "Die Antikörper waren in der Virus-Zellkultur in der Lage, den Coronavirus zu neutralisieren. Ich bin jetzt immun gegen Sars-CoV-2! Wie erwartet, habe ich die Impfungen gut vertragen."

In einem halben Jahr 60 Millionen Immune in Deutschland?

Für Stöcker auch ein Anlass, die Verantwortlichen zu mehr Tempo aufzufordern. Aus seiner Sicht könnten jetzt "innerhalb eines halben Jahres drei Viertel der Bevölkerung Deutschlands" immunisiert werden. "Viele Experten werden sich gegen diesen Vorschlag wenden", schreibt Stöcker. "Aber sie sollten mindestens versuchen, diese Immunisierung nachzuvollziehen, und zwar einerseits an einer kleinen Zahl von Freiwilligen, um festzustellen, ob es auch bei diesen keine Nebenwirkungen gibt, und zum anderen an exponierten Personen, etwa bei Krankenpflegern." Er gehe davon aus, dass bei diesen keine Neuerkrankungen mehr auftreten werden.

Sechsstufiges Verfahren zur Impfstoff-Entwicklung

Normalerweise durchläuft ein Verfahren zur Entwicklung eines Impfstoffs mehrere Stufen - und das mit gutem Grund, wie Dr. Zinn betont: "Das ist auch der Unterschied zu diesem Selbstversuch - das mag bei einem gutgegangen sein, aber wenn ich dasselbe mit hundert oder tausenden von Menschen mache, kann das zu schweren Nebenwirkungen oder gar keinem Nachweis einer Immunität führen." Diese Schritte werden laut dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) durchlaufen, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit vor einer millionenfachen Verabreichung sicherzustellen:

  • Analyse des Virus: Es muss herausgefunden werden, welche Komponente des Virus eine Immunreaktion hervorruft
  • Design des Impfstoffs: Was von dem Virus und welche Zusatzstoffe sollen enthalten sein?
  • Erprobung an Tieren: Wirksamkeit und Verträglichkeit werden zuerst an Tieren getestet
  • Erprobung mit Freiwilligen in mehreren Phasen
  • Zulassungsverfahren für die EU bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA und bei der Food and Drug Administration für die USA etc.
  • Massenproduktion für die Versorgung der Bevölkerung

Im folgenden Video erklärt Dr. Zinn anhand der ersten Genehmigung für einen Corona-Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech, wie das Test-Verfahren abläuft und wie man selbst Tester werden kann:

Zehn Impfstoffe werden weltweit bereits erprobt

Die Impfstoffentwicklung gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 läuft bereits weltweit auf Hochtouren. Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen in Deutschland (vfa) zählt aktuell, zusammen mit noch nicht von der WHO registrierten Vorhaben, 123 Impfstoffprojekte. Acht davon würden maßgeblich in Deutschland vorangetrieben, sechs aus Deutschland heraus unterstützt, so der Verband. Zehn dieser Impfstoffkandidaten werden laut vfa zurzeit bereits in klinischen Studienprogrammen mit Freiwilligen erprobt. Eins davon findet in Deutschland statt.

Video-Playlist: Alles, was Sie über das Coronavirus wissen müssen

NEUE FOLGE: RTL.de-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus: Was lernen wir aus der Krise?"

Im dritten Teil der RTL.de-Serie "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus": Welche Lehren können wir aus der bisher größten Krise der Nachkriegszeit ziehen? Wir haben mit Experten gesprochen. War der Staat zu inkonsequent? Wurden die Schulen zu schnell geschlossen? Was tun gegen den Hamsterchaos? Und was ist der tatsächliche Grund, dass tausende Urlauber auf der ganzen Welt gestrandet sind?