Zu wenig Polizei für Demo dieses Ausmaßes

"Querdenker" ohrfeigt Journalisten bei Aufmarsch in Stuttgart

Ohne Abstand und weitgehend ohne Schutzmaske haben Querdenker in Stuttgart demonstriert.
Ohne Abstand und weitgehend ohne Schutzmaske haben Querdenker in Stuttgart demonstriert.
© imago images/Arnulf Hettrich, Arnulf Hettrich via www.imago-images.de, www.imago-images.de

05. April 2021 - 9:51 Uhr

Von Daniel Spliethoff

Es ist die zweite große Querdenker-Demonstration innerhalb von zwei Wochen und zum zweiten Mal haben sich die Behörden im Vorfeld massiv verschätzt. In Kassel kam es am 20. März zu Ausschreitungen, die Polizeikräfte gerieten kurzfristig sogar in einen Kessel aus Demonstranten – Stadt und Land hatten mit viel weniger Teilnehmern gerechnet. Die Corona-Demonstration in Stuttgart am Samstag war angemeldet und die Behörden erwarteten 2.500 Demoteilnehmer, entsprechen viele Polizisten sind vor Ort. Aber es kommen sechsmal so viele. Als ein "Querdenker" einen Journalisten ohrfeigt, ist die Polizei zunächst machtlos.

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Video: Querdenker-Demo in Kassel eskaliert

Corona-Party ohne Abstand und ohne Masken

Ich beobachte die Szene seit einem Jahr und habe allein aus den Mobilisierungsaufrufen im Netz geschlossen, dass weit mehr Menschen nach Stuttgart pilgern würden, immerhin ist es der einjährige Geburtstag der "Querdenken"-Bewegung. Und so kam es auch: Mehr als 15.000 Menschen feierten in Stuttgart eine große Corona-Party – ohne Abstand, ohne Masken, obwohl das vorgeschrieben war. Ein Polizist verrät mir auf der Demo: "Was sollen wir da schon tun?" – und er hat Recht. Zu wenige Polizisten können die Maskenpflicht nicht durchsetzen; die Demonstranten freut das: "In München hätten sie uns das nicht durchgehen lassen", erklärt mir einer, der nächste sagt: "Ey, wir können hier machen, was wir wollen!"

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Für eine Demonstration dieses Ausmaßes gab es in Stuttgart zu wenig Polizei.
© dpa, Christoph Schmidt, abl

Große Aggressionen, wie vor einer Woche in Kassel, gab es in Stuttgart kaum – Anfeindungen gegen mich und mein Drehteam allerdings sehr wohl. "Wir merken uns eure Gesichter für den Tag der Gerechtigkeit", zischt mir ein Mann zu, der mich mit seiner Handykamera ins Visier nimmt. Dann gilt es ruhig zu bleiben, obwohl mich das natürlich wütend macht. Ein Journalistenkollege bekommt von einem Demonstranten eine Ohrfeige, einfach so. Die Polizei kann nicht eingreifen, auch hier gilt: Es sind zu wenige für eine Demo dieses Ausmaßes. Immerhin: Der Schläger kann später dingfest gemacht werden.

Zur Aggression trägt natürlich auch bei, dass der oberste Querdenker Michael Ballweg zuvor in einem offenen Brief die Pressevertreter "manipulativ" und "gleichgeschaltet" genannt hatte – letzterer Begriff beschreibt das Einnorden von Behörden und Medien auf den Kurs Adolf Hitlers während des Nationalsozialismus. Es wird klargestellt: Die Presse ist der Feind. Das hat natürlich Auswirkungen.

Übergriffe auf Journalisten sind offenbar Teil des Vergnügens

Die allermeisten Demonstranten sind friedfertig und wiederholen ihre Parolen zu "Frieden und Liebe für alle!", das ist so banal wie harmlos. Auf den Demonstrationen herrscht dennoch seit bereits einem Jahr eine Stimmung, die Übergriffe auf Journalisten wie einen Teil des Demovergnügens sieht. Es gibt Bier, Minisalamis aus der Tupperdose und Hass auf Journalisten.

Spätestens jetzt, nach einem Jahr Berichterstattung ist mir klar geworden: Das ist zumindest hier neue Normalität. Traurig.