Sie wollen seine Schmerzen mit Cannabisöl lindern

Eltern lehnen Strahlen- und Chemotherapie für ihr krebskrankes Baby ab

13. Dezember 2019 - 15:19 Uhr

Chemotherapie wäre „sadistisch und grausam“

Der 15 Monate alte William aus Wales hat einen seltenen Hirntumor. Nach einer Operation soll er eine Chemo- und Strahlentherapie bekommen - doch seine Eltern lehnen diese Behandlung ab. Tom und Kylie Horne sagen, dass es "sadistisch und grausam" wäre, den kleinen Jungen einer solch anstrengenden und schmerzhaften Therapie zu unterziehen. Denn diese würde lediglich seine Lebenserwartung verlängern. Stattdessen wollen sie ihren Sohn mit Cannabisöl behandeln.

Williams Hirntumor war so groß wie ein Tennisball

Zu wissen, dass das eigene Kind eine tödliche Krankheit hat und man ihm selbst kaum helfen kann, ist vermutlich eine der schlimmsten Erfahrungen, die Eltern machen können. So erging es Tom und Kylie Horne aus Treherbert, einem Dorf in Wales. Von einem Tag auf den anderen wurde ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt.

Bei einer CT-Untersuchung wurde im Kopf ihres kleinen Sohnes William ein Hirntumor gefunden, der bereits die Größe eines Tennisballs hatte. "Es war, als ob die Nachricht alle Emotionen aus mir geweht hätte. Ich fühlte mich wie ein leeres Blatt Papier" erinnert sich der 31-jährige Tom im Gespräch mit "walesonline.uk" an den schrecklichen Moment.

Der Einjährige hat ein anaplastisches Ependymom

Baby William Horne
Bevor der Hirntumor entdeckt wurde, hatte der kleine William lediglich Erkältungssymptome.
© Tom Horne

Zunächst hatte William lediglich Symptome, die einer Magenverstimmung oder denen einer Erkältung ähnelten. Doch dann wurde sein Hals krumm. Der behandelnde Arzt beruhigte Mama Kylie zunächst: William habe sich beim Schlafen den Hals verdreht. "Aber eigentlich wussten wir, dass hier wirklich etwas nicht stimmt", erzählt Papa Tom. Der Besuch in einem Krankenhaus brachte die furchtbare Gewissheit: Ein CT-Scan ergab, dass William ein sogenanntes anaplastisches Ependymom hat. Das ist ein sehr seltener, schnell wachsender Tumor, der sich sowohl im Gehirn als auch im Rückenmark bilden kann und vor allem bei Kindern vorkommt.

Cannabisöl statt Chemo- und Strahlentherapie

Im Universitätskrankenhaus Wales in Cardiff konnten Chirurgen 85 Prozent des Tumors entfernen. Doch seit dem Eingriff ist William nicht mehr in der Lage zu schlucken, seine linke Körperhälfte zu bewegen oder die Augen richtig zu öffnen. "Seine Augen wandern zur Seite, aber wenn ich mit ihm rede, weiß er, dass ich da bin", erzählt Papa Tom. Um Williams Lebenserwartung zu verlängern, empfahlen die Ärzte eine Chemo- und Strahlentherapie - ein Standardvorgehen bei Tumorbehandlungen.

Doch Tom und Kylie haben sich gegen die Therapie entschieden und wollen William stattdessen mit Cannabisöl behandeln. "Eine Chemotherapie oder Bestrahlung würde sein Leben um etwa zwei, drei oder vielleicht vier Jahre verlängern", sagt Tom. Die Auswirkungen der Behandlung wären für den Jungen jedoch "absolut verheerend", so der 31-Jährige: "Wir wollen ihn nicht noch kranker machen, als er es bereits ist. Das wäre sadistisch und grausam. Wenn wir ihm stattdessen etwas geben können, das ihm hilft, ohne Nebenwirkungen zu verursachen, dann sollten wir das auch tun."

Was steckt im Cannabisöl?

ARCHIV - Hanf-Pflanzen (Cannabis) wachsen am 15.07.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen) in einem Garten.  Foto: Oliver Berg/dpa   (zu lrs "CDU-Spitze Rheinland-Pfalz lehnt Freigabe von Cannabis ab" vom 18.05.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Cannabisöl wird aus den Samen der Cannabis-Pflanze gewonnen.
© dpa, Oliver Berg

Cannabisöl enthält sowohl Cannabidiol (CBD) als auch Tetrahydrocannabidiol (THC) als Bestandteile der Cannabisplanze. Während THC eine berauschende Wirkung hat, wirkt Cannabidiol nicht psychoaktiv. CBD-Öl enthält nur sehr geringe Mengen THC und ist etwa in Deutschland rezeptfrei als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich. 

Cannabisöl soll bei Krebspatienten die Nebenwirkungen einer Chemotherapie lindern können und beispielsweise helfen, dabei entstehende Entzündungen zu bekämpfen und stimmungsaufhellend wirken. Hier ist der THC-Anteil höher als im frei verkäuflichen CBD-Öl und auch die Wirksamkeit ist stärker.

So bewertet der Experte die Entscheidung der Eltern

Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht hat für die Entscheidung von Williams Eltern "vollstes Verständnis", kann sie aber nur in Teilen befürworten. Ein Hirntumor "ist in sehr vielen Fällen eine tödliche Erkrankung", erklärt der Mediziner im Gespräch mit RTL. Die Behandlung sei mit viel Leid und Schmerzen sowie langen Krankenhausaufenthalten verbunden, eine vollständige Heilung aber oft kaum möglich. Stattdessen zielen die Therapiemaßnahmen bei Hirntumoren häufig darauf ab, das Leben des Patienten lediglich zu verlängern.

Eine äußerst belastende Situation, auch für die Angehörigen. Der Wunsch, seinem geliebten Kind eine solche Erfahrung ersparen zu wollen, ist für den Arzt völlig nachvollziehbar. Und auch die Wirksamkeit von Cannabisöl bei bestimmten Krebserkrankungen kann Dr. Specht bestätigen. In mehreren Studien zeigte sich, dass die zusätzliche Gabe von Cannabisöl bei Krebserkrankungen lebensverlängernd sein kann - allerdings nur in Verbindung mit einer Chemotherapie und nicht anstelle dieser. Und das Leben von William wird es nicht retten, sondern höchstens verlängern können.

Jegliche Hoffnung aufgeben wollen Tom und Kylie Horne trotzdem nicht. Sie glauben fest daran, dass das Cannabisöl "die Krebszellen dazu bringt, sich umzubringen" - oder ihrem kleinen Sohn zumindest helfen wird, sein Leid besser zu ertragen.