„Vor allem die Fitteren merken, dass alles ruhiger und etwas bedrückter ist.“

Besuch in der Demenz-WG: Wie Menschen eine Pandemie erleben, die sie immer wieder vergessen

Hinter den Fenstern verbirgt sich ein besonderes Zuhause: 22 Bewohner mit Demenz in unterschiedlichen Stadien leben zusammen.
Hinter den Fenstern verbirgt sich ein besonderes Zuhause: 22 Bewohner mit Demenz in unterschiedlichen Stadien leben zusammen.
© RTL, Alina Schlagwein

07. Dezember 2021 - 17:16 Uhr

Keine WG wie jede andere

von Alina Schlagwein

Die HausUnordnung prangt an der Metalltür zwischen zahlreichen Corona-Verordnungen. Sätze wie "Es hängen Bilder schief", "Das Wandern ist des Müllers Lust" oder "Mein und Dein ist nicht so wichtig" verraten, dass hinter dieser Tür ein etwas anderes, aber doch ganz normales Leben abspielt. 22 Menschen mit einer Demenzerkrankung wohnen hinter dieser Tür gemeinsam in einer Wohngemeinschaft. Auch Menschen, die ihr Kurzzeit- oder ihr gesamtes Gedächtnis verloren haben, müssen mit den Einschränkungen der Pandemie leben. Wie das ihr Leben verändert hat, erzählt uns Mavi, Altenpflegerin in der Demenz-WG "Dabei sein" in Köln.

Familie auf Distanz

Eine Frau mittleren Alters lächelt in die Kamera
Seit 10 Jahren arbeitet Mavi in der Altenpflege, doch sie sagt, sie war noch nie so glücklich wie in der Demenz-WG.
© RTL, Alina Schlagwein

"Ich bin ein total zärtlicher Mensch und gebe unseren Bewohnern total gerne den körperlichen Kontakt, den sie brauchen. Aber mit Corona geht das nicht und das ist hart", beschreibt Mavi die größten Herausforderungen in der Pandemie. Seit einem Jahr ist sie Teil des Pflegeteams der Demenz-WG und strahlt die Begeisterung für das Konzept mit jeder Pore ihres Körpers aus. "Wir leben zusammen wie eine Familie", erzählt sie. Doch so ganz wie eine Familie können sie doch nicht zusammenleben. Denn während die Bewohner ohne Maske durch die reichlich dekorierten Gänge wandeln, ist das Lächeln von Mavi und ihr Team aus Pflegekräften, Therapeuten und Ärzten immer hinter einer Maske versteckt.

„Mittlerweile haben auch die Bewohner sich irgendwie dran gewöhnt“

Im vergangenen Jahr mussten sie noch viel erklären, erinnert sich Mavi: Warum sie jetzt Masken tragen müssen, warum die Angehörigen nicht kommen. Denn die Pandemie zu verstehen, ist für viele der 22 Bewohner nicht mehr möglich. "Wir haben immer wieder erzählt, dass wir einander schützen müssen", sagt die gebürtige Spanierin. Und es hat geklappt: Bis heute sind weder ein Bewohner noch ein Team-Mitglied erkrankt. Für Besucher und Angehörige gelten strengen Regeln: mindestens doppelt geimpft plus Schnelltest plus Maskenpflicht. So soll so viel Normalität wie möglich einkehren. Doch wie vorher ist das Leben immer noch nicht - auch nicht für die Menschen, die die Pandemie vielleicht schon wieder vergessen haben.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Lockdown: Abgeschirmt von allem

Auf einem Schild steht in geschwungenen Lettern "Niemols jeht mer su janz"
„Niemals geht man so ganz“: Mit dem kölschen Zitat erinnert die WG an ihre verstorbenen Mitbewohner. In der gesamten Wohnung spürt man ein Stück rheinisches Lebensgefühl.
© RTL, Alina Schlagwein

In der ersten Welle im vergangenen Jahr schloss die Demenz-WG für Besuche von außen für fast zwei Monate komplett ihre Türen. Tim, Sohn einer Bewohnerin, erinnert sich gut: "Vorher war meine Mutter noch total aktiv und hat beim Kochen und Bügeln geholfen und mich jeden Tag angerufen." Zum März 2020 baute sie kognitiv immer mehr ab. "Da hätte ich fast froh sein müssen, denn so hat sie mich nicht so sehr vermisst", sagt Tim mit gemischten Gefühlen. Und auch heute nach der Impfung, meint Tim, ist das Gefühl in der WG nicht dasselbe: "Vor allem die Fitteren merken, dass alles ruhiger und etwas bedrückter ist."

Video-Tipp: Welt-Alzheimertag - Diagnose ist auch für Angehörige hart

„Wir feiern alles, was wir feiern können.“

Eine keine Weihnachtsmann-Deko hängt an einem Balken
Traditionen geben Demenz-Kranken ein Stück Orientierung in verwirrenden Situationen. Deswegen legt die Wohngemeinschaft großen Wert auf Feste und gemeinsame Feiern.
© RTL, Alina Schlagwein

In allen Ecken der heimeligen Wohnung ist der Advent zu spüren. Weihnachtsmänner und Papiersterne baumeln von den Holzbalken, auf den Sofas sitzen Puppen und Kuscheltiere. Im Flur hängt ein Adventskalender aus grünen Tannenbäumen, jedes Päckchen trägt den Namen eines Bewohners. "Wir sind so froh, dass wir mit den strengen Regeln auch wieder gemeinsam feiern können", erzählt Mavi. "Am 11.11. haben wir hier zusammen Karneval gefeiert mit allem, was dazu gehört." Mit Blick auf den pulsierenden Barbarossaplatz vor dem Fenster betont sie: "Die Menschen spüren, was draußen passiert, auch wenn sie es nicht immer verstehen. Vor allem, wenn Musik mit dabei ist, kommen Erinnerungen hoch, mit denen keiner mehr gerechnet hat."

„Demenz ist nicht gleich Demenz“: Eine Krankheit mit viele Gesichtern

Einige Bewohner laufen mit ihrem Rollator noch durch die Gänge und besuchen die Nachbarn im Stockwerk darüber. Andere sind durch ihre Krankheit ans Pflegebett gefesselt. Die WG in Köln betreut Demenzkranke in allen Pflegestufen. "Ich wünsche mir, dass sich die Menschen besser darüber informieren, was hinter der Krankheit steckt", erzählt Mavi, "so können die Angehörigen auch besser verstehen 'Wo spricht meine Mutter oder Ehefrau und wo spricht die Krankheit aus ihr?'. Dann können sie die Diagnose besser akzeptieren."

Pflege in der vierten Welle: „Es darf niemand alleine sterben müssen“

Auch die Deutsche Alzheimer Gesellschaft fordert für die 1,6 Millionen Menschen mit der Demenzerkrankung mehr Aufmerksamkeit, vor allem von der Politik mitten in der vierten Corona-Welle. "Sie sind Teil der Gesellschaft und dürfen nicht wieder vergessen werden", richtet sich die Vorsitzende Monika Klaus an die Politik. Damit will sie nicht nur pflegende Angehörige, Pflegepersonal und Ehrenamtliche unterstützen, sondern vor allem Besuchsverbote verhindern. "Es darf niemand alleine sterben müssen!" ist die erste Forderung, die im November an die neue Bundesregierung rausging.

Lese-Tipp: WHO: Warum immer mehr Menschen an Demenz erkranken

Gemeinsam dadurch: Mit den Augen lächeln

Mavi und ihre Kolleginnen und Kollegen tun alles dafür, damit sich die Bewohner in der Demenz-WG in Köln nie vergessen fühlen. Indem sie sie schützen, aber gleichzeitig möglichst viel normales Familienleben in die Wohnung bringen. In der Küche hängt dafür ein Schild, das sich in Zeiten der Maske alle zu Herzen nehmen: "Die Augen lächeln mit".