Frauenärzte vor Gericht

Zwilling bei der Geburt totgespritzt

25. Oktober 2019 - 10:31 Uhr

Spätabtreibungen: Ein Feld mit vielen Grauzonen

Vor dem Berliner Landgericht müssen sich seit Dienstag zwei Ärzte verantworten, weil sie einen schwer hirngeschädigten Zwilling bei der Geburt mit Kaliumchlorid getötet haben sollen. Die Anklage lautet auf Totschlag. Hätten sie das Kind noch im Mutterleib getötet, wäre das ein legaler Schwangerschaftsabbruch und somit straffrei gewesen. Wir haben mit Experten über den Fall gesprochen und die Frage: Ab wann ist ein Leben schützenswert?

Der schmale Grat zwischen Leben und Tod

Die Ärzte halten das noch immer für eine legale Abtreibung im Mutterleib. Die Berliner Staatsanwaltschaft hält das für Totschlag.
Die Ärzte halten ihr Vorgehen noch immer für eine legale Abtreibung im Mutterleib. Die Berliner Staatsanwaltschaft hält es für Totschlag.
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Der Chefarzt (73) und die 58 Jahre alte Gynäkologin sollen einen hirngeschädigten Zwilling mit einer Kaliumchloridinjektion getötet haben. Der Vorfall ereignete sich bereits 2010. Damals hatten die Angeklagten bei einer Patientin in der 32. Schwangerschaftswoche einen Kaiserschnitt durchgeführt. Die Anklage geht davon aus, dass sie den kranken Zwilling bewusst nicht, wie es ärztlich angezeigt gewesen wäre, bereits im Mutterleib töteten, sondern erst bei der Geburt - und die beginnt rein rechtlich mit den Eröffnungswehen oder wie hier im Falle eines Kaiserschnitts mit der Öffnung des Uterus. Juristisch gesehen ist das Kind von diesem Zeitpunkt an kein Fötus mehr, sondern ein Mensch. Bei der Geburt ist die tödliche Injektion also verboten. Als erfahrene Gynäkologen hätten sie gewusst, dass sie keine Abtreibung mehr vornahmen, so die Staatsanwaltschaft.

Der Fall zeigt eindringlich, wie schmal der Grat sein kann zwischen Fötus und Mensch, zwischen Leben und Tod, zwischen Routineeingriff und Straftat.

"Niemand trifft diese Entscheidung leichtfertig"

Angeklagt ist Professor Dr. Klaus Vetter (73). 21 Jahre lang ist er Chef der Geburtshilfe im Vivantes-Klinikum Neukölln. Zeitweise Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.
Angeklagt ist Professor Dr. Klaus Vetter (73). 21 Jahre lang ist er Chef der Geburtshilfe im Vivantes-Klinikum Neukölln. Zeitweise Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.
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Seit 1995 kann eine Frau ihr fehlgebildetes oder schwerkrankes Kind theoretisch bis kurz vor der Geburt abtreiben lassen. Die Reform des Schwangerschaftsrechts vor 24 Jahren hat Beschränkungen gelockert und lässt viel Interpretationsspielraum. Kinder dürfen nun nicht mehr wegen einer Fehlbildung abgetrieben werden. Stattdessen gilt die Belastung der Eltern, besonders der Mutter, als legaler Abtreibungsgrund.

"Es kommt vor, dass die Eltern durch das schwerst behinderte ungeborene Kind so stark geschädigt werden können, vor allem psychisch, und dass das Dilemma so groß ist, dass sie keine andere Lösung mehr sehen", sagt Professor Dr. Hackelöed, Pränatalmediziner und Geburtshelfer in Hamburg. "Das ist eine schwere Belastung, die man nicht wegschieben kann. Niemand trifft diese Entscheidung leichtfertig und wir müssen uns dem stellen."  Voraussetzung für den Abbruch ist, dass ein Arzt attestiert, dass die Schwangere körperliche oder seelische Schäden davontragen würde, wenn sie ihr Kind austragen müsste.

Ethikkommission muss dem Eingriff zustimmen

Auch Dr. Babett R. (58) sitzt auf der Anklagebank. Sie ist leitende Oberärztin im Kreißsaal des Klinikums Neukölln.
Auch Dr. Babett R. (58) sitzt auf der Anklagebank. Sie ist leitende Oberärztin im Kreißsaal des Klinikums Neukölln.
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Ganz egal, welchen Weg die Eltern am Ende gehen, eines sei ihre Entscheidung nie: einsam. Denn einem späten Schwangerschaftsabbruch gingen viele Gespräche mit Mutter und Vater voraus, der Arzt berate den Fall zudem eingehend mit einer Ethikkommission bestehend aus Fachärzten, Krankenschwestern, Hebammen oder gar Pfarrern. "Nur wenn diese einstimmig sagt: Ja, wir können das vertreten, wird der Eingriff durchgeführt", erklärt Hackelöer.

"Dieses Dilemma ist nicht zu lösen. Man kann nur eine Entscheidung treffen"

Die Indikation zum Schwangerschaftsabbruch lag seit Juni 2010 vor, das Kind litt an einer schweren Hirnschädigung.
Die Indikation zum Schwangerschaftsabbruch lag seit Juni 2010 vor, das Kind litt an einer schweren Hirnschädigung.
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So zumindest das Idealbild. Aber natürlich gibt es auch hier eine Grauzone. Das bestreitet Hackelöer nicht. "Ich weiß von Fällen, in denen ein gesunder Zwilling abgetrieben wurde, weil die Eltern nur ein Kind wollten." Er selbst habe solche Anfragen aber immer abgelehnt. "Da war einmal eine gut verdienende Arztfamilie, die gesagt hat: Wir schaffen das nicht mit zwei Kindern, wir sind dem nicht gewachsen. Das war für mich ethisch und rechtlich nicht vertretbar."

Auf der anderen Seite der Medaille: Fälle, in denen durch eine Mehrlingsschwangerschaft die Existenz bedroht ist, zum Beispiel, wenn beide Eltern ohne Arbeit sind und finanziell schlecht gestellt. Oder wenn bei der Geburt von Fünflingen die Gesundheit oder das Leben der Mutter gefährdet sind. All das seien Einzelfälle, und es gelte abzuwägen: "Da ist ein Kind, das will vielleicht leben - und die Mutter und der Vater, die sagen: Wir können das nicht, aus welchen Gründen auch immer. Dieses Dilemma ist nicht zu lösen. Man kann nur eine Entscheidung treffen."

Vor jedem Eingriff habe er die Frauen noch einmal gefragt: Sind Sie ganz sicher, dass Sie das machen möchten? Wollen Sie das wirklich? "Denn sonst stehe ich hinterher als Mörder da - und das bin ich nicht. Ich bin derjenige, der abwägen muss zwischen dem kindlichen Wohl und dem Wohl der Eltern."

Hackelöer beklagt Doppelmoral

Auf der Anklagebank sitzen zwei Krankenhausärzte, denen die Staatsanwaltschaft Totschlag vorwirft.
Auf der Anklagebank sitzen zwei Krankenhausärzte, denen die Staatsanwaltschaft Totschlag vorwirft.
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Für Außenstehende sei es leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen und sie für ihr Handeln zu verurteilen. Doch Hackelöer kennt die Verzweiflung der Eltern, war selbst oft Teil eines Ethikrates und hat hautnah miterlebt, wie sehr sie die Entscheidung zum Abbruch zerreißt. Er gibt auch zu bedenken: "Frauen dürfen in unserer Gesellschaft über ihren Körper bestimmen. Und wenn eine Gesellschaft Abtreibungen zulässt, dann muss sie auch Spätabtreibungen zulassen. Bei Abtreibungen vor der 14. Woche kräht heutzutage kein Hahn mehr danach - und das sind gesunde Kinder!"

Die Rate der abgetriebenen kranken oder behinderten Kinder sei verschwindend gering. Es gebe keine genauen Zahlen, doch Hackelöer schätzt die Zahl auf unter ein Prozent. "Ich bin als Arzt berufen, Leben zu erhalten, aber es gibt eben auch die schwarze Seite dieser Macht. Ich habe viele intrauterine Operationen durchgeführt, um Kinder zu retten. Fetozide waren dagegen selten, ich habe in meiner aktiven Zeit vielleicht acht pro Jahr durchgeführt."

"Sie wollen nicht dabei zusehen, wie ihr Kind qualvoll stirbt"

Fahnen vor dem Vivantes Klinikum Neukölln
Fahnen vor dem Vivantes Klinikum im Berliner Stadtteil Neukölln.
© deutsche presse agentur

Rund 90 Prozent aller Eltern, die ein Kind mit Down Syndrom erwarten, entscheiden sich für den Abbruch. Eine Spätabtreibung nach der 14. Woche wird auf zwei Arten durchgeführt: Entweder wird dem Kind zunächst durch die Nabelschnur ein Schmerzmittel verabreicht und anschließend eine tödliche Dosis Kaliumchlorid in den Herzmuskel oder die Nabelschnur gespritzt. Dieser sogenannte Fetozid sei der "humanere Weg, das Kind leidet weniger", sagt Hackelöer. Danach wird die Geburt mit Prostaglandin eingeleitet, das Kind kommt zur Welt. Der Eingriff birgt erhebliche Risiken. Handelt es sich um eine Mehrlingsschwangerschaft und nur ein Kind ist krank und soll getötet werden, kann es passieren, dass das gesunde anstelle des fehlgebildeten Kindes getötet wird oder dass bei dem Eingriff mehrere Feten abgehen. "In zehn bis 15 Prozent kommt es zum gesamten Abbruch der Schwangerschaft, weil es zu einer Fehlgeburt kommt", sagt Professor Hackelöer.

Die zweite Möglichkeit ist, mit Prostaglandin die Geburt auszulösen und zwar ohne vorangegangenen Fetozid. Das komme selten vor und nur in Fällen, in denen eindeutig diagnostiziert werden könne, dass das Kind nicht lebensfähig sei. Das Kind wird geboren und kann, wenn dies gewünscht ist, in den Armen seiner Eltern sterben. Einige Eltern entscheiden sich jedoch bewusst für den Fetozid, sagt Hackelöer. "Diese Mütter sagen, sie wollen nicht dabei zusehen, wie ihr Kind vielleicht qualvoll stirbt. Atemnot hat."

Auch hier wieder: ein Graubereich. Denn handelt es sich nicht um Totschlag durch unterlassene Hilfeleistung oder Körperverletzung mit Todesfolge, wenn niemand eingreift? "Da kann dann immer behauptet werden, dass das Kind so stark geschädigt war, dass es nicht mehr zu retten gewesen wäre", so Rainer Beckmann, Dozent für Medizinrecht. "Der Staatsanwalt muss dem Arzt erst einmal nachweisen, dass eine Rettungsmöglichkeit bestanden hat. Doch das ist im Nachhinein schwierig, wenn nicht gar unmöglich." Ein Gutachter sei dazu rückblickend oft nicht in der Lage - zumal dann nicht, wenn Unterlagen ganz fehlten, lückenhaft seien oder Eingriffe unzureichend dokumentiert.

Fall des "Oldenburger Babys" schockierte ganz Deutschland

dpatopbilder Miriam Ebel versorgt am 29.10.2014 im Vivantes-Klinikum Neukölln in Berlin ihr Baby Paul. Foto: Britta Pedersen/dpa ACHTUNG: Bilder dürfen nur redaktionell verwendet werden! (zu dpa «Bangen, hoffen, verdrängen: Leben mit einem Frühchen»
Rund 90 Prozent aller Eltern, die ein Kind mit Down Syndrom erwarten, entscheiden sich für den Abbruch.
© picture alliance / dpa, Britta Pedersen

Ähnlich war es auch 1997 in Oldenburg (Niedersachsen). Damals sollte ein Junge mit Downsyndrom in der 25. Woche abgetrieben werden. Tim kam unter der Aufsicht eines Assistenzarztes nach Geburtseinleitung mit Prostaglandin zur Welt. 690 Gramm und 32 Zentimeter Leben. Sein Herz hörte nicht auf zu schlagen. Die Ärzte warteten ohne einzugreifen. Warteten auf den Tod. Sahen zu, wie das Baby nach Luft schnappte. Erst als das Kleine nach über neun Stunden noch atmete, entschieden sie sich für lebenserhaltende Maßnahmen. Tim überlebte mit schwersten Behinderungen, seine Ärzte aber wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Lediglich der Assistenzarzt wurde 2004 wegen gefährlicher Körperverletzung zu 90 Tagessätzen verurteilt. Im Nachhinein war "nicht mehr nachweisbar, ob das Warten der Ärzte die entstandenen Behinderungen verursacht oder verschärft hat", sagt Rainer Beckmann.

Tim ist am 06. Januar 2019 im Alter von 21 Jahren gestorben. "Wir haben gemeinsam für ein Leben mit dir gekämpft", schrieben seine Pflegeeltern in einer Traueranzeige. "Du hast uns unendlich viel gegeben. Du bist immer bei uns."

Die Grauzone bleibt

Heute seien die Untersuchungsmethoden und -möglichkeiten ausgereifter und ein solches Horrorszenario so gut wie ausgeschlossen, sagt Professor Hackelöer. Doch wie jetzt auch im Fall in Berlin bleibt: die Grauzone. Weshalb haben die Ärzte offenbar erst während der Geburt die tödliche Spritze verabreicht? Und welchen Unterschied macht das ethisch eigentlich? Ist ein Kind in der 32. Woche im Mutterleib denn weniger wert, als eines, das bereits auf der Welt ist oder im Geburtskanal? Für Hackelöer ist die Sachlage klar: "Das sind die Regeln, die wir uns als Gesellschaft gegeben haben. Und daran müssen wir uns halten."

Experten diskutieren schon lange die Frage, ab wann menschliches Leben schützenswert ist. Schon ab der Zeugung? Ab der 23. Woche, wenn der Fötus theoretisch lebensfähig ist? Oder ist es richtig, dass ein Baby erst nach der Geburt denselben rechtlichen Schutz genießt wie ein Erwachsener, so wie es aktuell der Fall ist?

Totschlag oder Abtreibung?

In Berlin müssen die Richter nun erst einmal klären, ob die Ärzte sich des Totschlags schuldig gemacht haben, oder ob es sich um eine Abtreibung durch medizinische Indikationen nach Paragraph 218 Strafgesetzbuch handelte. "Wir hatten keine Zweifel, dass es richtig ist, was wir tun", erklärte der 73-jährige Angeklagter zu Prozessbeginn. Im Vordergrund habe "nicht das Juristische, sondern das gesunde Kind gestanden". Das Urteil wird für den 26. November 2019 erwartet.