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Baerbock im Brigitte-Talk: Als Freundin hätte ich ihr gesagt: "Schatzi, das war nichts!"

Polit-Kolumne von Franca Lehfeldt

Baerbock im Brigitte-Talk: Als Freundin hätte ich ihr gesagt: "Schatzi, das war nichts!"

Francas Flurfunk - die politische Kolumne von Franca Lehfeldt für RTL.de
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Brigitte-Talk - das politische "Sex and the City" im Bundestagswahlkampf

Der Brigitte „Talk“ ist das politische „Sex and the City“ im Bundestagswahlkampf. Ein Format, in dem die Kanzlerkandidaten aus einer anderen Perspektive beleuchtet werden. Hier punkten die Mächtigen oder jene, die es gerne werden möchten, mit Emotionen und Witz – Schachtelsätze und Plattitüden stören hingegen das Cosmopolitan-Ambiente.

Wessen Gunst ist schwerer zu gewinnen als die von Frau zu Frau

„Manchmal ist eine Freundin eine Frau, der man noch nie begegnet ist“, beschreibt Serienliebling Carrie Bradshaw die Magie zwischen Frauen in besonderen Momenten. Nun hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem letzten „Brigitte“ Talk 2017 keine zwölf Zentimeter hohen „Manolo Blahniks“ am Fuß, wie Bradshaw in jeder Serienfolge, aber die Kanzlerin holte ihr weibliches Publikum genau mit diesem Freundinnengefühl ab. Eine hohe Kunst. Nebenbei nutzte Merkel das Event vor vier Jahren auch, um die bisherige Position der CDU zur „Ehe für alle“ einfach abzuräumen. Man muss flexibel bleiben. Nach Kartoffelsuppe à la Kanzlerin und Raute-Plausch hinterlässt Angela Merkel große Fußstapfen auf einem scheinbar leichten Parkett.

Aber der Schein trügt, denn wessen Gunst und Zuneigung sind schwerer zu gewinnen, als die von Frau zu Frau? Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock dürfte dies gespürt haben, als sie in dem Sessel zwischen den Moderatorinnen saß. Im Gepäck einen Haufen von Problemen politischer Natur und ein Poesiealbum mit vielen leeren Seiten.

"Vorwürfe stimmen nicht" Annalena Baerbock
01:12 min
Annalena Baerbock
"Vorwürfe stimmen nicht"

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Von Frau zu Frau: Als Freundin hätte ich sie auf TK-Pizza und Rosè eingeladen

01.07.2021, Berlin: Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin Bündnis90/Die Grünen, kommt zu «Brigitte Live». «Brigitte Live» begrüßt die Spitzenkandidatin und -Kandidaten für die Bundestagswahl 2021. Weitere Termine: 07.07.2021 CDU-Kanzlerkandidat Lasche
"Brigitte Live" mit Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock
som, dpa, Fabian Sommer

Wäre Baerbock meine Freundin, so hätte ich sie in dieser Woche zu mir zum Tiefkühlpizza „kochen“ eingeladen. Ich hätte ihr verboten, über Politik zu sprechen, und ihr das Handy weggenommen. Dafür hätte ich ein bis drei Flaschen Rosé kaltgestellt. Anschließend hätte ich ihr die Augenpads aus dem Kühlschrank auf die Augenringe gedrückt und gesagt: „Bei aller Liebe, die Nummer mit dem Buch ist doch echt unnötig. Jetzt sag‘ schnell und deutlich Sorry und back‘ erstmal kleinere Brötchen, bis der Sturm vorüber ist.“ Selbstverständlich ist Baerbock nicht meine Freundin, aber aus dieser Perspektive lässt sich ihr Brigitte-Auftritt besser interpretieren.

Was zeichnet eine Freundschaft aus? Ganz einfach: Ehrlichkeit, Vertrauen und Leidenschaft. In einer Freundschaft lügt man sich nicht an, man erzählt sich Geheimnisse, man streitet heftig und noch unbedingter verträgt man sich wieder. Alles andere verdient den Begriff „Freundschaft“ nicht.

Annalena Baerbock vertraut ihrem „noch sind wir keine Freundinnen Publikum“ zunächst zögerlich. In Momenten, in denen es um ihr Privatleben geht, öffnet sie einen Spalt. Sie gesteht die (gefällige) Schwäche, der Schokolade im Kühlschrank oft nicht widerstehen zu können. Sie erzählt von ihrer Hochzeit und ihrer Ablehnung gegenüber den Spielen, die sich übereifrige Trauzeuginnen mitunter einfallen lassen. Keine großen Geheimnisse, aber für ein erstes Date potenzieller Freundinnen ein Anfang.

Bleiben Ehrlichkeit und Leidenschaft. Baerbock, seit 48 Stunden im medialen Kreuzfeuer, hat jetzt die einmalige Chance Freundinnen zu gewinnen! Es stehen Plagiatsvorwürfe im Raum. Die Frage ist so einfach, dass sie schon wieder hochkomplex erscheint: Hat Baerbock Passagen abgeschrieben, ohne die Quellen sauber anzugeben – oder nicht? Copy & Paste – ja oder nein?

Im Grunde ist die Antwort schon bekannt. Wie hätten die Algorithmen, die ihre Zeilen überprüft haben, sonst die Ähnlichkeit zu Gedanken anderer Autoren festgestellt? Jetzt geht es nur um das „Wie“ der Erklärung. Wie so oft in der Politik ist die Ursache einer Affäre gar nicht der Grund für die Zuspitzung einer Krise, sondern erst der Umgang mit ihr.

Eine Freundin würde wohl sagen, „es tut mir alles furchtbar leid, das war schusselig und unsauber“. Im Rahmen dieser Veranstaltung hätte man ihr sogar zugestanden kleine, um Verständnis bemühte, Ausreden einzufügen – wie den Stress während des Lockdowns mit Kindern und Homeschooling, Übermüdung und den innerparteilichen Kampf um die Kanzlerkandidatur. Eine Frau, die kleine Kinder hat, und die selbstverständlich reklamiert, sich beruflich zu verwirklichen, und die ihre Ehe auch nicht links liegen lassen kann. Dafür hätten die meisten Frauen wohl Verständnis. Klar, Baerbock will ins Kanzleramt, für sie gelten daher moralisch besonders hohe Anforderungen, eben genau wie für eine echte Freundschaft. Nicht vergessen, jetzt geht es um Ehrlichkeit, darum Sympathiepunkte zu gewinnen bei all dem Sturm da draußen.

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Und Annalena Baerbock? Sie windet sich wie ein Aal. Es seien „viele Ideen von anderen“ mit eingeflossen, erklärt sie. Es handele sich bei ihrem Werk nicht um ein Sachbuch oder eine wissenschaftliche Arbeit, „daher gibt es gar keine Fußnoten in diesem Buch“. Komisch, als sie ihr Buch („Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“) kürzlich öffentlich vorstellte, erklärte sie auf die Frage, ob es sich um eine Biografie oder ein Sachbuch handele: „beides“.

Annalena Baerbock windet sich - und man leidet mit

Und obwohl Baerbock sich jetzt in diesem Sessel, zwischen den Moderatorinnen und vor den „Brigitte“ Leserinnen in der Defensive befindet, merkt sie es nicht. Man leidet mit, denn eigentlich will man doch Sympathie empfinden für die Kandidatin. Während sie sich windet und mit höherer Stimmlange spricht, hört die Freundin im Publikum schon nicht mehr zu. Sie weiß, dass sie in diesem Augenblick angelogen wird. Lust zu streiten kommt gar nicht erst auf, die eigentlichen Themen von Baerbock sind längst kilometerweit in den Hintergrund gerückt.

Den Abend konnte sie so nicht für sich entschieden, die Fußstapfen von Angela Merkel scheinen in diesem Talkformat zu groß. Als Freundin hätte ich ihr getextet: „Schatzi, das war nichts“. Bevor Baerbock einen neuen Weg zu ihren Wählerinnen findet, muss sie erst sich selbst wieder finden.

Hoffentlich hat sie wie Carrie Freundinnen, die ihr dabei zur Seite stehen. Noch ist Zeit.

"Mein Mann und ich sind wie Ernie und Bert" Annalena Baerbock
01:27 min
Annalena Baerbock
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