Plagiatsvorwurf gegen Grüne-Spitzenkandidatin

Neuer Gegenwind für Annalena Baerbock: Hat sie in ihrem Buch abgeschrieben?

Annalena Baerbock stellt ihr neues Buch vor
Annalena Baerbock stellt ihr neues Buch vor
© dpa, Christoph Soeder, christoph soeder jai

30. Juni 2021 - 8:49 Uhr

Plagiatsjäger checkt ihr Buch

Die Kanzlerkandidatin der Grünen Annalena Baerbock kommt aus den Negativschlagzeilen nicht heraus: Der Plagiatsjäger Dr. Stefan Weber hat ihr kürzlich erschienenes Buch unter die Lupe genommen und festgestellt: An mehreren Stellen soll Baerbock abgeschrieben haben. Zunächst berichtete "Focus Online". Für die Grünen dürfte diese Nachricht zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt kommen. Mittlerweile wehren sich die Grünen und sprechen von "absurden Behauptungen" und "Rufmord".

Lesetipp: Giffey, Guttenberg & Co: Diese Politiker haben bei ihrer Doktorarbeit abgeschrieben

Buch erst vor zwei Wochen vorgestellt

Erst vor zwei Wochen präsentierte Annalena Baerbock stolz ihr Buch "Jetzt: Wie wir unser Land erneuern". Pünktlich zum Start der heißen Wahlkampf-Phase sollte das Buch ihre Überzeugungen, Pläne und Visionen für die Zukunft schildern. "Da steckt viel Persönliches drin", sagte sie über ihr Buch. Doch anscheinend steckt nicht nur Persönliches drin, sondern auch Abgeschriebenes, wirft ihr Plagiatsjäger Weber vor. Auf Seite 79 des Buches steht:

  • "Der Klimawandel wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette von Unternehmen aus, etwa durch den extremwetterbedingten Ausfall von Zulieferern, durch Schäden an Straßen, Schienen und Gebäuden oder durch Rohstoffknappheit. Zwischen 2000 und 2019 beliefen sich die Gesamtschäden aus klimawandelbedingten Extremwetterereignissen weltweit auf 2,56 Billionen US-Dollar."

Plagiatsjäger Weber hat diese Stelle auf dem Blog "Klimawandel – Challenge Accepted" gefunden. Dort heißt es:

RTL NEWS empfiehlt

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  • "Der Klimawandel wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette von Unternehmen aus: Sei es durch den extremwetterbedingten Ausfall von Zulieferern, Schäden an Verkehrsinfrastrukturen oder Gebäuden oder Änderungen der Beschaffenheit oder Verfügbarkeit von Rohstoffen."

Ganze Textpassagen einfach kopiert

Große Mühe beim Umformulieren hat sich Baerbock in ihrem Buch anscheinend nicht immer gegeben. Auf Seite 174 schreibt sie:

  • "Insgesamt zehn Staaten traten an diesem Tag der Europäischen Union bei: die baltischen Staaten und ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen, außerdem Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, die frühere jugoslawische Teilrepublik Slowenien sowie die beiden Mittelmeerstaaten Malta und Zypern. Die EU wuchs von 15 auf 25 Mitglieder – und begrüßte damit rund 75 Millionen neue Unionsbürger*innen."

Dieser Absatz ist quasi wortwörtlich aus einer Veröffentlichung der Bundeszentrale für Politische Bildung aus dem Jahr 2019 übernommen:

  • "Insgesamt zehn Staaten traten an diesem Tag der Europäischen Union bei: die baltischen Staaten und ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen, außerdem Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, die frühere jugoslawische Teilrepublik Slowenien sowie die beiden Mittelmeerstaaten Malta und Zypern. Die EU wuchs von 15 auf 25 Mitglieder – und begrüßte damit rund 75 Millionen neue Unionsbürgerinnen und –bürger."

An einer anderen Stelle musste sogar Wikipedia als Quelle herhalten.

„Schwerwiegende Textplagiate“

Die bislang gefundenen Textstellen beträfen zehn Seiten, so Plagiatsjäger Weber gegenüber "Focus Online". Hoch sei der Anteil am Gesamtwerk mit 240 Seiten nicht. Auf seiner Website schreibt er aber: "Ein Sachbuch einer Politikerin ist keine Dissertation. Und im Buch "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" werden überhaupt keine Quellen angegeben. Beides ist aber noch lange keine Legitimation für schwerwiegende Textplagiate. Textplagiate sind ethisch nicht korrekt und wurden auch bereits in Sachbüchern zurecht bemängelt."

"Scholz und Laschet interessieren mich nicht"

Auf RTL-Anfrage schreibt Plagiatsjäger Weber, dass er für die Prüfung von Baerbocks Buch kein Geld erhalten habe: "Das war kein Prüfauftrag. Ich mache das aus rein wissenschaftlichem, aus eigenem Interesse, da ich mich ja schon seit Mitte Mai mit den Falschangaben im Lebenslauf von Frau Baerbock beschäftige." Werke der anderen Kanzlerkandidaten würde er nur prüfen, wenn die Prüfung finanziert werden kann, denn "die Herren Laschet und Scholz interessieren mich persönlich überhaupt nicht." Auf seiner Website erschienen in den letzten Monaten immer wieder Baerbock-kritische Texte.

Grünen wehren sich gegen Anschuldigung: "Versuch von Rufmord"

Ein Sprecher der Grünen erklärte am Nachmittag: "Das ist der Versuch von Rufmord. Wir weisen den Vorwurf einer Urheberrechtsverletzung entschieden zurück. Der Blogger, der bereits falsche Behauptungen zu Frau Baerbocks Abschluss verbreitet hatte, versucht erneut, bösartig ihren Ruf zu beschädigen. Bei den beschriebenen Passagen handelt es sich um allgemein zugängliche Fakten oder bekannte Grüne Positionen."

Schlechter Zeitpunkt für die Grünen

Für Annalena Baerbock und die Grünen dürfte diese Enthüllung zur Unzeit kommen. In den letzten Wochen gingen sowohl die Beliebtheitswerte von Baerbock, als auch die Umfragewerte für die Grünen immer weiter zurück. Im ZDF-Politbarometer liegt Baerbock mittlerweile hinter Armin Laschet und Olaf Scholz. Während die Grünen in einer Forsa-Umfrage Anfang Mai noch bei 28 Prozent landeten, liegen sie aktuell mit nur 21 Prozent deutlich hinter der Union mit 29 Prozent.

Ein Grund dafür könnte unter anderem die Diskussion um mehrere Ungereimtheiten oder Übertreibungen in ihrem offiziell veröffentlichten Lebenslauf sein. Erst Anfang des Monats kam heraus, dass Baerbock ihren Lebenslauf aufgehübscht hatte.

"Das Ganze kann am Ende politisch bedrohlich werden," schätzt RTL-Politik-Chef Nikolaus Blome die Situation von Baerbock ein. "Wenn sich nämlich der Eindruck verfestigt, dass es die grüne Kanzlerkandidatin mit der Darstellung der eigenen Leistungen nicht so genau nimmt – und das regelmäßig irgendwie zu ihren Gunsten"

Baerbock schaltet Anwalt ein

Annalena Baerbock hat mittlerweile sogar den Medienrechtler Christian Schertz eingeschaltet. Der erklärt: "Ich kann nicht im Ansatz eine Urheberrechtsverletzung erkennen, da es sich bei den wenigen in Bezug genommenen Passagen um nichts anderes handelt, als um die Wiedergabe allgemein bekannter Fakten sowie politischer Ansichten. Ebenso wie Nachrichten nicht urheberrechtsschutzfähig sind, gilt dies auch für historische Tatsachen bzw. allgemein bekannte Erkenntnisse im Zusammenhang mit Ökologie und Umwelt. Diese sind sogenannte public domain. Der Vorwurf entbehrt damit jeglicher Grundlage. Es ist offenbar erneut der Versuch einer Kampagne zum Nachteil von Frau Baerbock."

(rcl)