Welttag der humanitären HilfeWenn andere fliehen, kommen die blauen Helfer: THW-Ehrenamtler aus NRW im Einsatz
Am Mittwoch (19.08.) ist der Welttag der humanitären Hilfe. Die Vereinten Nationen haben ihn, vor mehr als 15 Jahren zur Erinnerung an den Bombenanschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad 2003, eingeführt. Der Tag soll aber auch den Mut und den Einsatz von Hilfskräften weltweit würdigen. Auch in NRW gibt es zehntausende Helfer. Einige von ihnen sind beim Technischen Hilfswerk.
Einsatz, wenn jede Minute zählt
Waldbrände in NRW, ein Blindgänger im Rhein in Köln oder ein schweres Erdbeben in Südamerika: Allein in den vergangenen Wochen waren Helfer des THW an unterschiedlichsten Orten im Einsatz. Ihre Aufgaben: Orten, retten, bergen. Einer von ihnen ist Matthias Oelke. Der 53-Jährige ist Zugführer beim THW-Ortsverband Halver im Märkischen Kreis und gehört zur Schnelleinsatzeinheit Bergung Ausland, kurz SEEBA. Ende Juni war er erstmals bei einem Auslandseinsatz dabei – nach dem schweren Erdbeben in Venezuela. Die Zerstörung sei kaum zu fassen gewesen, erzählte Oelke. Zehnstöckige Hotelanlagen seien zu etwa fünf Meter hohen Trümmerhaufen zusammengestürzt. Dort noch lebende Menschen zu finden, sei ein seltener Glücksfall, so Oelke. Er ist mit 47 anderen THW-Mitglieder aus NRW, Hessen und Rheinland-Pfalz nach Venezuela geflogen. In einem Transportflugzeug der Bundeswehr hatten sie Wasserfilter, Feldbetten, Zelte und Generatoren dabei. Das Erdbeben Ende Juni gilt als das stärkste in Venezuela seit 150 Jahren. Mehr als 6.300 Menschen kamen ums Leben, Zehntausende wurden vermisst. Die SEEBA arbeitete rund um die Uhr und untersuchte Trümmerabschnitte auf Lebenszeichen. Einen verschütteten Menschen konnte das Team nach eigenen Angaben orten. Die Helfer leiteten Bergungsarbeiten ein, doch während des aufwendigen Einsatzes verstummten die Lebenszeichen. Erlebnisse wie dieses bleiben. Zur Verarbeitung habe er später mit Google Street View nachgeschaut, wie die zerstörten Orte vorher ausgesehen hätten, sagte THWler Matthias Oelke. Nur so habe er eine Vorstellung davon bekommen, was dort einmal gestanden habe.
Auch Helfer brauchen Hilfe
Für Einsätze wie diesen werden bei der SEEBA nur besonders erfahrene und gut ausgebildete THW-Mitglieder ausgewählt. Doch auch sie gehen körperlich und psychisch an ihre Grenzen. Schon in Übungen lernen Helfer, mit belastenden Situationen umzugehen. Uwe Binkhoff vom THW-Ortsverband Hamm beschrieb etwa Erkundungen, bei denen Einsatzkräfte an schreienden oder wimmernden Menschen zunächst vorbeigehen müssen, um die Lage strukturiert einzuschätzen. Emotional sei das extrem schwierig. Nach einem Einsatz kümmert sich das THW auch um die eigene Mannschaft. Erlebtes wird in der Gruppe besprochen, ein Einsatznachsorgeteam steht rund um die Uhr zur Verfügung – auch für die Familien der Ehrenamtler. Beim THW achte jeder auf jeden, sagte Binkhoff: Wenn sich jemand plötzlich zurückzieht, werde das im Team bemerkt.
20.000 Ehrenamtler in NRW
Das THW wurde 1950 für den Zivil- und Katastrophenschutz in Deutschland gegründet. Auf Initiative des damaligen Bundesinnenministers und späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Auch heute ist das THW beim Bundesinnenministerium angesiedelt, hat seinen Hauptsitz in Bonn und soll in den kommenden Jahren mehr Geld bekommen. Spätestens die Flutkatastrophe 2021 hat für viele deutlich gemacht, dass ein höheres Budget bei den blauen Helfern mehr als gut aufgehoben ist. Der Plan der Bundesregierung: Bis 2029 wächst der Etat um insgesamt eine Milliarde Euro .98 Prozent der Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich. Bundesweit sind das rund 88.000 Helfer, in NRW etwa 20.000. Damit ist Nordrhein-Westfalen der größte der acht THW-Landesverbände. Die meisten haben einen ganz normalen Beruf: Uwe Binkhoff arbeitet zum Beispiel hauptberuflich als Küchenchef, andere sind Handwerker, Erzieher oder in der Softwarebranche tätig. Im THW lernen die Ehrenamtler unter anderem den Umgang mit Kettensägen, Baggern und schwerem Rettungsgerät. Regelmäßige Übungen – etwa zum Abstützen einsturzgefährdeter Wände und Decken – sollen dafür sorgen, dass im Ernstfall jeder Handgriff sitzt.
THW sucht Verstärkung
Knapp 18 Prozent der THW-Mitglieder sind inzwischen Frauen. Erzieherin Steffie ist seit fünf Jahren dabei und sagt: Ob Mann oder Frau spiele in der Gemeinschaft keine entscheidende Rolle. Wenn Kraft oder ein paar Zentimeter Körpergröße fehlen, helfe eben jemand mit. Das THW sucht immer Freiwillige. Viel mitzubringen bräuchte niemand, betonte Zugführer Matthias Oelke. Freude und der Wille, etwas Sinnvolles zu tun, reiche. Alles andere können Interessierte beim THW lernen. Für Einsätze müssen Arbeitgeber THW-Mitglieder übrigens freistellen. Die Helfer bekommen weiter ihr Gehalt, das THW erstattet den Unternehmen die Kosten.

































