„Wir werden angegriffen” Sabotage-Serie an deutschen Stromanlagen – was steckt hinter den Fällen?

Innerhalb weniger Tage geraten gleich mehrere Stromanlagen ins Visier.
In Brandenburg und Nordrhein-Westfalen entdecken Ermittler teils auffällig ähnliche Sabotageversuche. Auch in Niedersachsen löst eine verdächtige Beobachtung einen Großeinsatz aus. Was ist bisher passiert? Und wie schätzt RTL-Terrorismus- und Extremismusexperte Michael Ortmann die Lage ein?
Dienstag (1. September): Angriff auf Umspannwerk in Brandenburg
Die unheimliche Serie geht am Dienstag (1. September) in Brandenburg los. Nahe dem Umspannwerk Turnow-Preilack unweit des Kraftwerks Jänschwalde versuchen Unbekannte nach Angaben der Behörden, die Stromversorgung zu stören. Mit selbstgebauten, raketenähnlichen Flugkörpern soll leitfähiges Material in Richtung der Höchstspannungsleitungen geschossen worden sein. Offenbar sollte so ein Kurzschluss ausgelöst werden. Mehr als ein Dutzend Gegenstände mit Treibsatz werden gefunden.

Nach Angaben von Brandenburgs Innenminister Jan Redmann erreicht lediglich einer sein Ziel – ohne Folgen für die Stromversorgung. Die Polizei ermittelt unter anderem wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung. Inzwischen wurde sie zudem über ein Bekennerschreiben informiert. Ob es echt ist, wird noch geprüft.
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Dienstagabend: Sabotage legt Kraftwerksblöcke in Bergheim lahm
Noch am selben Tag folgt der nächste Vorfall – diesmal im nordrhein-westfälischen Bergheim bei Köln. Zunächst wird die Polizei wegen einer technischen Störung zu einem Umspannwerk gerufen. Ein Kurzschluss hat mehrere Leitungen ausfallen lassen. Bei der anschließenden Suche entdecken Einsatzkräfte in einem Maisfeld insgesamt sechs Abschussvorrichtungen. Diese waren laut Ermittlern offenbar so konstruiert, dass mit Pyrotechnik ein Draht über Stromleitungen geschossen werden konnte.

Die Folgen sind deutlich größer als in Brandenburg: Fünf Braunkohle-Kraftwerksblöcke gehen vorübergehend vom Netz. Die allgemeine Stromversorgung bleibt laut Netzbetreiber Amprion jedoch stabil. Die Ermittler gehen von gezielter Sabotage aus.
Donnerstag (3. September): Verdächtige Vorrichtung an Umspannwerk in Dormagen
Am Donnerstagabend entdeckt ein Spaziergänger an einem Umspannwerk im Dormagener Stadtteil Gohr einen verdächtigen Gegenstand. Nach Angaben der Polizei ähnelt die Vorrichtung stark den Konstruktionen, die zuvor in Bergheim gefunden wurden. Die Ermittler bewerten auch diesen Fall als Sabotagedelikt. „Jemand hat offenbar versucht, mutwillig einen Kurzschluss herbeizuführen“, erklärt ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur AFP. Das Ziel sei offensichtlich gewesen, Schaden anzurichten. Beschädigungen am Umspannwerk werden allerdings nicht festgestellt.

Besonders brisant: Der Polizei liegt ein Bekennerschreiben vor, in dem mehrere bereits öffentlich bekannte Fälle in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg erwähnt werden. Als Verfasser soll laut dpa ein Mann aus Gevelsberg genannt sein. Nach ihm wird intensiv gefahndet. Ob er tatsächlich etwas mit den Vorfällen zu tun hat oder lediglich ein Trittbrettfahrer ist, muss erst geklärt werden.
Freitag (4. September): Polizei überprüft Umspannwerk in Weisweiler
Das Bekennerschreiben führt die Ermittler am Freitag zu einem weiteren Umspannwerk in Weisweiler bei Aachen. Auch dort soll dem Schreiben zufolge eine Tat verübt worden sein. Einsatzkräfte durchsuchen deshalb gezielt die Anlage und prüfen, ob dort ebenfalls verdächtige Abschussvorrichtungen angebracht wurden. Ob tatsächlich ein weiterer Sabotageversuch stattgefunden hat, ist bislang offen.
Freitag: Großeinsatz am Umspannwerk in Ganderkesee
Fast zeitgleich sorgt auch ein Umspannwerk im niedersächsischen Ganderkesee für einen größeren Polizeieinsatz. Gegen 3 Uhr entdeckt eine Streifenbesatzung auf dem Gelände im Schlutterweg einen offenstehenden Schaltschrank. Wegen der Bedeutung der Anlage und der jüngsten Vorfälle nehmen die Beamten die Beobachtung sehr ernst. Das Gelände wird umfassend abgesucht. Auch ein Polizeihubschrauber und Diensthunde kommen zum Einsatz, das Technische Hilfswerk leuchtet den Bereich aus.

Am Ende folgt jedoch Entwarnung: Es werden weder Personen noch Beschädigungen gefunden. Auch Hinweise auf eine Manipulation liegen nach Angaben des Energieversorgers EWE zunächst nicht vor. Nach RTL-Informationen prüft die Polizei nun, warum der Schaltschrank offenstand. Hat vielleicht ein Windstoß den Schrank geöffnet? Wenige Tage zuvor soll es planmäßige Arbeiten an der Anlage gegeben haben. Ob überhaupt eine Straftat vorliegt, ist deshalb völlig offen. Auswirkungen auf die Stromversorgung gab es nicht.
Was verbindet die Angriffe auf das deutsche Stromnetz?
Vor allem die Fälle in Brandenburg, Bergheim und Dormagen weisen auffällige Parallelen auf. An mehreren Orten stoßen die Ermittler auf Abschussvorrichtungen beziehungsweise Pyrotechnik, mit deren Hilfe offenbar leitfähiges Material an Stromleitungen gebracht werden sollte. Ob alle Vorfälle tatsächlich zusammenhängen und dieselben Täter dahinterstecken, ist bislang nicht geklärt.
NRW-Innenminister Herbert Reul spricht beim Fall Bergheim von einem gezielten Angriff. „Das war Absicht. Wer da rangeht, greift unser Land an.“ Die Ermittler prüfen nach seinen Angaben unter anderem fremdstaatlich gelenkte Sabotage und Linksextremismus.

RTL-Terrorismus- und Extremismusexperte Michael Ortmann warnt grundsätzlich vor einer wachsenden Bedrohung. „Wir werden tatsächlich momentan angegriffen“, sagt er im RTL-Interview. Dabei gehe es unter anderem darum, „die Infrastruktur, vor allem die Stromnetze, anzugreifen“. Wer hinter den einzelnen aktuellen Fällen steckt, steht ausdrücklich noch nicht fest. Ortmann sieht bei Sabotage gegen Deutschland grundsätzlich aber vor allem zwei mögliche Akteursgruppen: Russland und gewaltbereite Linksextremisten.

Michael Ortmann: „Da ist eine Menge nachzuholen“
Laut Ortmann habe das Bundeskriminalamt inzwischen 165 Sabotagevorfälle gelistet. Die Täter würden dabei vor allem die Rüstungsindustrie, Energieunternehmen, Infrastruktur und Firmen, die mit Israel zusammenarbeiten, ins Visier nehmen. Für den RTL-Experten zeigen die jüngsten Vorfälle vor allem eine Schwachstelle: Deutschlands Stromnetz lässt sich nicht flächendeckend schützen .„Es ist natürlich völlig aussichtslos, das gesamte Stromnetz in Deutschland zu schützen“, sagt Ortmann. Stattdessen müsse man sich auf besonders wichtige Stellen konzentrieren: „Wir müssen uns neuralgische Punkte aussuchen, und die müssen wir schützen.“
Dazu zählen für ihn auch Umspannwerke. Diese müssten unter anderem mit Sensoren, Kameratechnik und KI stärker abgesichert werden. Ortmann fordert außerdem Möglichkeiten, schnell auf verdächtige Vorgänge reagieren zu können. Sein Fazit: „Da ist eine Menge nachzuholen.“
Verwendete Quellen: eigene RTL-Recherche, dpa, AFP


