„Herrschaftsregime” im Heim?Skandal vor Gericht! Wurden die Bewohner sediert, eingesperrt und zum Pflegefall gemacht?

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Betreiber-Ehepaar vor, ein „Herrschaftsregime“ aufgebaut und Bewohner aus Profitinteresse ruhiggestellt zu haben.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Betreiber-Ehepaar vor, ein „Herrschaftsregime“ aufgebaut und Bewohner aus Profitinteresse ruhiggestellt zu haben.
Julian Stratenschulte/dpa

Zwei Stunden lang verliest die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe.
Im Landgericht Braunschweig geht es um Menschen, die sich nicht selbst schützen konnten – und um den Verdacht, dass genau das ausgenutzt wurde. Vier Angeklagte müssen sich seit Donnerstag (4. Juni) wegen mutmaßlicher Misshandlungen in einem Pflegeheim im Harz verantworten. Die Vorwürfe erschüttern.

Wurden die Bewohner ruhiggestellt?

Die Anklage zeichnet das Bild eines Systems aus Kontrolle, Angst und Profit. Zwischen Oktober 2017 und September 2020 soll das Betreiber-Ehepaar eines Pflegeheims in Langelsheim mit 68 Plätzen ein „Herrschaftsregime” aufgebaut haben. Sie sollen jeden Handgriff bis ins kleinste Detail kontrolliert haben. Um maximale Ruhe zu gewährleisten, sollen „lauffreudige” Bewohner mit beruhigenden Medikamenten ruhiggestellt und teilweise hinter Bettgittern festgehalten worden sein.

Ein Bewohner mit Down-Syndrom und geistigen Einschränkungen soll immer wieder sediert worden sein, weil das Personal mit ihm überfordert gewesen sei. Laut Anklage wurden die Medikamentendosen immer weiter erhöht. Als der Mann trotz der Mittel immer aktiver wurde, soll erneut nach stärkeren Medikamenten gefragt worden sein. Über mögliche schwere Nebenwirkungen seien die Betroffenen nicht informiert worden.

Lese-Tipp: „Die Finger zum Klingeln abschneiden!“ Pflegeschülerin streamt üble Drohungen auf TikTok

Ein anderer Bewohner soll schließlich kaum noch in der Lage gewesen sein, sich selbst zu bewegen. Er konnte laut Anklage nur noch kurze Zeit im Rollstuhl sitzen, ohne nach vorne zu kippen. Eine weitere Bewohnerin habe irgendwann sogar „mit dem Kopf in der Suppe gelegen”.

Video-Tipp: Pflegeheim-Bewohner verlieren ihr Zuhause

Anzeige:
Empfehlungen unserer Partner

„Zur Finanzierung des Lebensunterhaltes”

Vor dem Landgericht Braunschweig stehen vier Angeklagte. Drei von ihnen wird unter anderem Misshandlung von Schutzbefohlenen in 17 Fällen, gefährliche Körperverletzung und Freiheitsberaubung vorgeworfen. Einer vierten Angeklagten wird Beihilfe in 14 Fällen zur Last gelegt. „Laut Anklage soll es so gewesen sein, dass die Angeklagten unter anderem zur Finanzierung des Lebensunterhaltes diese Taten begangen haben sollen”, sagt Gerichtssprecherin Lisa Rust im Gespräch mit RTL.

Lese-Tipp: „Beschämend und armselig” – Pflegeheim-Enthüllungen von Team Wallraff erschüttern das Netz

Nach Überzeugung der Anklage sollen Bewohner gezielt mit sedierenden Medikamenten ruhiggestellt worden sein – teilweise sogar unmittelbar vor Begutachtungen. So hätten die Senioren deutlich kränker und pflegebedürftiger gewirkt, als sie tatsächlich gewesen seien. Die Folge: höhere Pflegegrade und mehr Geld für das Heim. Allein in einem Fall sollen dadurch jährlich fast 6.000 Euro zusätzlich zu den ohnehin mehr als 52.000 Euro Pflegeleistungen geflossen sein. Die gesundheitlichen Risiken für die betroffenen Bewohner hätten die Verantwortlichen dabei bewusst in Kauf genommen. Benommenheit, Bewegungsstörungen und schwere körperliche Einschränkungen seien laut Anklage die Folge gewesen.

In diesem Pflegeheim im Harz sollen Bewohner über Jahre hinweg mit Medikamenten ruhiggestellt und teilweise eingesperrt worden sein.
In diesem Pflegeheim im Harz sollen Bewohner über Jahre hinweg mit Medikamenten ruhiggestellt und teilweise eingesperrt worden sein. 
RTL

Die Anklageschrift ist so umfangreich, dass selbst der Vorsitzende Richter während der Verlesung ironisch anmerkt: „Wir müssen uns nicht überschlagen.” Doch nicht allen Vorwürfen wird die Kammer im Detail nachgehen. Stattdessen soll der Fokus zunächst auf der mutmaßlichen Vergabe sedierender Medikamente liegen. „Die Vergabe von Sedativa könnte die Verabreichung von Gift darstellen und damit eine gefährliche Körperverletzung. Möglicherweise lässt sich dies konkret und besser nachweisen als zum Beispiel eine Freiheitsberaubung im besonders schweren Fall“, erklärt Lisa Rust. Im Mittelpunkt der weiteren Verhandlung steht nun vor allem die ehemalige Heimleiterin, die dem Betreiber-Ehepaar absolut hörig gewesen sein soll. „Sie sind die zentrale Person“, sagt der Richter direkt an die Angeklagte gerichtet.

Bis zu zehn Jahre Haft möglich

Der Prozess dürfte das Landgericht noch lange beschäftigen. Insgesamt sind bereits 54 weitere Verhandlungstage angesetzt. Zahlreiche Zeugen sollen gehört werden. Auch die Aussagen der Angeklagten könnten eine wichtige Rolle spielen. „Es handelt sich um ein komplexes und umfangreiches Verfahren, das mehrere Kisten füllt“, sagt Lisa Rust im RTL-Interview.

Streaming Tipp
RTL Nord NDS / HB
Jetzt auf RTL+ streamen

„Im Falle einer Verurteilung droht den Angeklagten eine Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren. Im Falle der Beihilfe könnte die Strafe gemildert werden.” Ein Urteil wird nach aktueller Planung erst Anfang 2027 erwartet.

Verwendete Quellen: eigene RTL-Recherche, dpa