Feuer-Horror von Crans-MontanaSchwer verbrannte Opfer kämpfen ums Überleben – behandelnder Arzt geht von Wochen voller Schmerz aus

von Anna Hohns und Johanna Werning

„Die Patienten sind im zehn- bis 15-Minutentakt angekommen.“
Die Katastrophe in Crans-Montana ist noch immer ein Schock. 40 Menschen kamen ums Leben. 119 Personen werden bei dem Feuerinferno in der Bar in dem Schweizer Nobel-Skiort verletzt. 22 von ihnen befinden sich mit schwersten Brandverletzungen im Universitätsspital Lausanne, erklärt der medizinische Direktor Prof. Matthias Roth-Kleiner im RTL-Interview: 14 liegen auf der Intensivstation, acht auf der Kinder-Intensivstation, alle in kritischem Zustand.

Sie brauchen eine sehr intensive Betreuung”: So geht es den Brandopfern von Crans-Montana

Es sind zwar Verbrennungsgrade von verschiedenen Größen, aber: „Es sind mehrere Patienten, die großflächige Verbrennungen haben”, sagt Prof. Matthias Roth-Kleiner. Bei Erwachsenen ist das der Fall, wenn mehr als 20 Prozent der Körperoberfläche verletzt sind, und bei Kindern 10 Prozent. Seit fünf Jahren arbeitet er als medizinischer Direktor des Universitätsspitals Lausanne. Doch was der 60-Jährige und sein Team nun erleben, ist selbst für die Mitarbeiter des Universitätsklinikums ungewohnt.

Seit fünf Jahren ist  Prof. Matthias Roth-Kleiner der medizinische Leiter des Universitätsspitals Lausanne.
Seit fünf Jahren ist Prof. Matthias Roth-Kleiner der medizinische Leiter des Universitätsspitals Lausanne.
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Viele der 22 – und vor allem oft jungen – Patienten im Krankenhaus haben großflächige Verbrennungen, erklärt der medizinische Direktor. Und fast alle haben Brandverletzungen am Gesicht und an den Händen – und genau das ist besonders gefährlich, wie der Mediziner erklärt.

„Sie brauchen eine sehr intensive Betreuung.“ Die Rede ist von Wochen oder sogar Monaten. „Patienten mit großflächigen Verletzungen müssen über längere Zeit auf einer Intensivstation behandelt werden“, sagt Roth-Kleiner. „Man spricht so etwa pro Prozent Verbrennungsoberfläche, großflächig tiefgreifenden Verbrennungsfläche, von einem Tag Hospitalisation auf einer Intensivstation. Also für 50 bis 60 Prozent sprechen wir von zwei Monaten.“

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Viele der Opfer von Cans-Montana mussten sofort künstlich beatmet werden

„Die Patienten sind in einem kritischen Zustand. Kritisch heißt: Sie brauchen Intensivpflege, sie brauchen massive Intensivpflege”, erklärt der Professor – auch, wenn sie „soweit stabil” sind. „Pflegerisch müssen ein bis zwei Pflegende pro Patient am Bett sein, um entsprechende Maßnahmen zu gewährleisten.“

Die Behandlungen sind für die Patienten dabei sehr schmerzhaft, denn die Brandverletzungen müssen regelmäßig versorgt werden. „Die Patienten müssen für das sehr massiv sediert und schmerzfrei gemacht werden – häufig auch intubiert“, so Roth-Kleiner. Die Versorgung und das Verbinden der Wunden müssen dabei in einem separaten und keimfreien Raum – ähnlich wie in einem OP-Saal – stattfinden, da sonst Infektionen drohen könnten.

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„Und daneben haben diese Patienten häufig eben auch Verletzungen der Atemwege, weil sie Rauch inhalieren“, sagt der Mediziner weiter. Neben den Atemwegen wird oft auch die Lunge durch den Rauch verletzt. Viele der Opfer von Cans-Montana mussten darum sofort intubiert und künstlich beatmet werden. Zudem sind „massive Infusionen“ nötig, um dem großflächigen Flüssigkeitsverlust entgegenzuwirken, der mit einer großen Hautverletzung einhergeht.

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Opfer von Crans-Montana werden auch in Köln und Halle behandelt

So viele Verbrennungspatienten gleichzeitig zu haben, sei ein enormer „Ansturm“, sagt Prof. Matthias Roth-Kleiner. „Das ist wahrscheinlich für jedes Land eine Überforderung“, so der 60-Jährige im RTL-Interview weiter. Umso wichtiger sei es, dass auch Nachbarländer wie Deutschland Patienten aufnehmen.

In Rheinland-Pfalz werden schon jetzt Patienten von Crans-Montana behandelt. Und auch in Köln und Halle (Saale) werden Opfer der Bar in Krankenhäusern aufgenommen. Fast die Hälfte der 119 schwerverletzten Menschen muss mangels Kapazität in der Schweiz ins Ausland verlegt werden. Bis Sonntag sollen 50 Menschen verlegt werden, teilt das schweizerische Bundesamt für Bevölkerungsschutz mit. Angeflogen werden unter anderem auch Kliniken in Frankreich, Italien und Belgien.

Verwendete Quellen: eigene RTL-Recherche und dpa