Tragödie in SchorndorfKind stirbt in Hitze-Auto – wieso vergessen Eltern ihre Kinder?

Totes Kind in Auto in Schrondorf gefunden
Neben dem Parkplatz, an dem das Kind gefunden wurde, haben Menschen Blumen aufgestellt.
dpa

Wie kann eine Mutter so etwas tun?
Ein 20 Monate altes Mädchen stirbt in einem abgestellten Wagen, vermutlich, weil es zu heiß wurde. Nach dem Fall aus Schorndorf in Baden-Württemberg fragen sich viele, wie eine Mutter ihr Kind einfach vergessen kann. Fachleute warnen vor schnellen Urteilen – und sagen, dass das nichts mit fehlender Liebe zu tun haben muss.

Schlimmer Fund auf Schorndorfer Parkplatz

Ein Kleinkind sitzt am Mittwoch (17. Juni) stundenlang allein im Auto. Als seine Mutter zurückkommt und den Wagen öffnet, können Rettungskräfte dem Mädchen nicht mehr helfen. Der Fall aus Schorndorf bei Stuttgart erschüttert viele in Deutschland. Nach bisherigen Ermittlungen soll die 44-jährige Mutter ihre 20 Monate alte Tochter im Wagen vergessen haben. Eine Obduktion soll nun klären, woran das Kind starb und ob Hitze dabei eine Rolle spielte.

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Forgotten-Baby-Syndrom

Wie konnte der Mutter das passieren? Psychologen warnen davor, vorschnell zu urteilen. Hinter solchen Tragödien kann ein bekanntes Phänomen stecken, das sogenannte „Forgotten-Baby-Syndrom”. Dabei geht es nicht darum, dass Eltern ihr Kind bewusst ausblenden oder ihnen das Wohl des Kindes egal ist.

Der US-Psychologe und Neurowissenschaftler David M. Diamond beschäftigt sich seit Jahren mit solchen Fällen. Er schreibt in einem Artikel der University of South Florida: „Die Gedächtnissysteme im Gehirn, die versagen, wenn Menschen Kinder im Auto vergessen, sind dieselben Systeme, die uns auch vergessen lassen, nach der Ankunft die Scheinwerfer auszuschalten.“

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Wenn der Kopf auf Autopilot schaltet

Fachleute erklären das mit dem sogenannten prospektiven Gedächtnis. Die American Psychological Association beschreibt es als die Fähigkeit, sich daran zu erinnern, später etwas Bestimmtes zu tun, etwa Medikamente einzunehmen. Genau dieses System brauchen Eltern auch, wenn sie ihr Kind zum Beispiel vor der Arbeit noch in die Kita bringen müssen.

Im Gehirn können dabei zwei Systeme miteinander in Konflikt geraten. Der bewusste Plan trifft auf eingeübte Routine. Wer jeden Morgen denselben Weg fährt, kann innerlich auf Autopilot schalten. Ein geplanter Zwischenstopp fällt dann im schlimmsten Fall weg.

Diamond ordnet das so ein: „Ein Kind im Auto zu vergessen, nennt man ein Versagen des prospektiven Gedächtnisses. Also ein Versagen, sich daran zu erinnern, in der Zukunft etwas zu tun.“

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Stress und Schlafmangel erhöhen das Risiko

Besonders gefährlich wird es, wenn mehrere Belastungen zusammenkommen. Stress. Schlafmangel. Ablenkung. Zeitdruck. Oder ein Morgen, der anders läuft als sonst.

Auch ein schlafendes Kind im Auto kann zum Risiko werden. Es ist still, sitzt außerhalb des direkten Blickfelds und liefert dem Gehirn keinen Erinnerungsreiz. In manchen Fällen berichten Eltern später sogar, sie seien fest davon überzeugt gewesen, ihr Kind bereits abgegeben zu haben.

Was Kinder schützen kann

Für betroffene Eltern können solche Fälle psychisch verheerend sein. Denn fest steht: Schon bei moderaten Temperaturen kann sich ein Wagen schnell gefährlich aufheizen. Babys und Kleinkinder sind besonders gefährdet.

Experten raten deshalb zu festen Sicherheitsroutinen. Eltern sollten bei jedem Aussteigen die Rückbank kontrollieren. Eine Tasche, das Handy oder der Schlüsselbund können neben den Kindersitz gelegt werden, damit es einen doppelten Grund gibt, sich vor dem Aussteigen einmal umzudrehen. (tbe)

Verwendete Quellen: dpa, University of South Florida, American Psychological Association