„Mein Name ist Werner Rümmer und ich bin unschuldig.“
Werner Rümmer – ehemals Werner Kunkel – wurde 1995 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt – für einen Mord, den er nach eigener Aussage nie begangen hat.
„Ich möchte, dass die Welt erfährt, was sich hinter diesen Gefängnismauern abspielt. // Ich möchte den Menschen meine Geschichte erzählen.“
Über Jahrzehnte gilt der Fall als abgeschlossen. Doch im vergangenen Jahr wird das Urteil in Frage gestellt, denn es gibt erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit. Der Fall gehört zu den umstrittensten Mordfällen in der Geschichte von North Dakota.
Am 10. August 1986 wird die Leiche eines Mannes in einem Waldgebiet in Devils Lake im US-Bundesstaat North Dokota entdeckt. Die Leiche weist mehr als 100 Stichverletzungen auf. Bei dem Opfer handelt es sich um Gilbert Fassett. Ein Mann aus dem Spirit Lake Reservat.
40 Jahre sind seitdem vergangen. Ein Anwohner bringt uns zum Fundort. „Hier auf dieser Autobahn wurde die Leiche gefunden.“ / „Die Leiche wurde erst hier auf die Straße geworfen, später hochgebracht.“
Erst neun Jahre später nimmt der Fall eine überraschende Wendung: Anfang der 1990er melden sich plötzlich erste Zeugen. Sie behaupten ein Mann aus Devils Lake habe Gilbert Fassett getötet. Sein Name: Werner Rümmer.
1968 zieht Werner gemeinsam mit seiner Familie aus Bamberg nach Devils Lake in die USA. Er ist damals gerade einmal sieben Jahre alt. Seine Mutter heiratet einen in Deutschland stationierten US-amerikanischen Soldaten – und für die Familie beginnt ein neues Leben in Amerika.
Wir treffen den inzwischen 66-jährigen Werner Rümmer im Gefängnis. Über ein Jahr ist es her, dass er RTL einen Brief geschrieben hat. Seitdem stehe ich im regelmäßigen Kontakt mit ihm. Er zeigt mir Familienfotos aus längst vergangenen Tagen.
“Das sind meine Söhne, vor meiner Festnahme. David und Marc.” / “Wie alt sind David und Marc heute?” / “David ist 35 und Marc ist 36.” / “Wie alt waren sie, als du ins Gefängnis gekommen bist?“ / „2 und 3.”
Seine leiblichen Eltern sind da bereits geschieden. Das Verhältnis zu seinem Stiefvater ist von Anfang an schwierig, erzählt mir Werner: Er habe ihn geschlagen, angeschrien und ihm zur Strafe manchmal sogar das Essen verweigert. Er ist auch der Grund, warum die Familie kaum noch Deutsch spricht: Jedes deutsche Wort korrigiert er.
Patrick Springer ist Investigativ-Journalist und kennt den Fall von Werner Rümmer gut. „Als Werner damals nach Devils Lake kam, fiel er mit seinem deutschen Akzent auf. Zudem hat ihn sein Stiefvater misshandelt. Das alles hat ihn sicherlich geprägt. Ich glaube, das erklärt, warum er auch an die falschen Leute geriet und schließlich dann mit Alkohol und Drogen in Berührung kam.“
Wegen kleinerer Delikte kommt Werner Rümmer kurzzeitig ins Gefängnis. Dort lernt er Gilbert Fassett kennen. Nach der Entlassung treffen sich die beiden gelegentlich – genau wie in der angeblichen Tatnacht. Laut Staatsanwaltschaft ist Werner der Letzte, der mit Fassett gesehen wurde.
Werner erzählt mir von diesem Abend.
„Zwei alte Freunde, die sich wieder treffen und ein Bier trinken. // In der Bar haben wir gegeneinander gewürfelt. Erst da merkte ich, wie betrunken er war. Ich musste ihn nach Hause bringen.“ // “Er wollte sich zu Hause nur kurz umziehe. Als er ins Haus ging, bin ich dann einfach weggefahren, ohne ihn. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah.“
Einge Tage später wird Gilbert Fassetts Leiche gefunden.
Neun Jahre danach wird Werner Rümmer wegen Mordes angeklagt. Denn während einer weiteren kurzen Haftzeit nach dem Tod von Gilbert Fassett behaupten Mitinsassen, Werner Rümmer habe ihnen gegenüber, den Mord gestanden. Und nur auf diese Aussagen stützt sich damals die Anklage. Es gibt weder direkte Augenzeugen noch eindeutige forensische Beweise, die Werner mit der Tat in Verbindung bringen.
Vor einigen Jahren wendet er sich dann an den Anwalt James Meyer von Innocence Project - eine gemeinnützige Organisation, die sich mit Hilfe neuer Beweise, für die Freilassung unschuldig verurteilter Menschen einsetzt.
„Jedes Jahr erreichen uns Hunderte Briefe von Gefangenen, die ihre Unschuld beteuern. Die meisten von ihnen sind nicht unschuldig – einige aber schon. // Was mir an Werners Fall sofort aufgefallen ist: Es gab keinerlei belastende Beweise. Es gibt keine physischen Spuren, keine Augenzeugen. Die Anklage stützte sich nur auf Zeugenaussagen von Mitinsassen. Und alle Zeugen hatten in irgendeiner Form etwas von ihrer Aussage zu gewinnen. Aus Erfahrung wissen wir, dass diese Aussagen oft nicht zuverlässig sind.“
Zudem gab es schon zum Zeitpunkt des Prozesses 1995 mehrere Zeugen, die Gilbert Fassett NACH dem Abend mit Werner Rümmer noch lebend gesehen haben. Im Prozess kommen diese Aussagen allerdings nicht zur Sprache.
Dane DeKrey ist Strafverteidiger und gehört gemeinsam mit James Mayer zum jetzigen Verteidigungsteam von Werner Rümmer.
„Angeblich soll Gilbert Fassett am 1. August getötet worden sein. Mehrere Zeugen sagten allerdings aus ihn am 6. August noch gesehen. Es ist unmöglich, dass jemand erst getötet, dann fünf Tage später lebend gesehen wird. Es sei denn, er ist Jesus Christus und gerade von den Toten auferstanden.“
Auch forensischen Beweise wurden kaum beachtet.
James Meyer, Great North Innocence Project: „An dem Abend mit Werner war Gilbert Fassett schwer alkoholisiert. Die toxikologischen Ergebnisse zeigten aber, dass sich zum Zeitpunkt von Fassetts Tod kein Alkohol in seinem Körper befand. Es kann also nicht sein, dass Werner ihn getötet hat.“
Mit diesen und weiteren Beweisen gelingt es dem Verteidigungsteam das Mord-Urteil gegen Werner aufzuheben. Ein Gericht entscheidet: Werner Rümmer ist nicht länger schuldig. Das teilt er mir unter Tränen mit.
Werner weint “Sie haben das Urteil aufgehoben.”
Die Entscheidung zu hören, bewegt auch mich in diesem Moment, denn seit über einem Jahr bin ich mit Werner in Kontakt, aber wir können natürlich nicht unabhängig klären, ob er schuldig oder unschuldig ist.
Ein Mordurteil nach fast 32 Jahren aufgehoben – das hat es in North Dakota noch nie gegeben, erklären mir die Anwälte. Doch die Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt und solange das Verfahren noch läuft, bleibt für Werner Rümmer ein genauer Entlassungstag weiterhin ungewiss. Wir haben die Staatsanwaltschaft um Stellungnahme gebeten, aber keine Antwort erhalten. Sollte die Staatsanwaltschaft recht bekommen, bleibt Werner weiterhin im Gefängnis.
Inzwischen wird Werner Rümer sogar von Elizabeth Prelogar vertreten. Die US-amerikanische Juristin war unter Präsident Joe Biden die ranghöchste Anwältin der US-Regierung vor dem Supreme Court. Auch sie ist von Werners Unschuld überzeugt.
Seine Familie wünscht sich nur eins. Silvia Beckedahl, Werners Schwester: „Lasst ihn gehen und die Zeit, die er noch hat, mit seiner Familie verbringen. Nehmt ihm das nicht auch noch weg.“
Marita Lien, Werners Mutter: „Ich möchte nur, dass er bei mir ist, bevor ich sterbe. Ich warte seit über 30 Jahren.“
Werner Rümmer: „Mein Leben ist vorbei. Ich bin 66 Jahre alt. Sie haben mir mein Leben genommen – für etwas, das ich nicht getan habe. Aber ich werde ihnen nicht die Genugtuung geben, mich nur dadurch zu definieren.“
Dane DeKrey, Strafverteidiger: „Wie würde ich mich fühlen, wenn ich schon 30 Jahre unschuldig im Gefängnis sitze? Dass Werner keinen Hass und keine Rache verspürt ist unglaublich. ER ist der wahre Held dieser Geschichte. ER verdient es, endlich Gerechtigkeit zu erfahren – und ich hoffe, dass er sie bekommt.“