Psychologe Rolf Schmiel klärt auf

Was tun, wenn jemand aus meinem Umfeld Imfgegner ist?

Wie sollte man sich eigentlich verhalten, wenn sich Freunde oder Verwandte als Impfgegner entpuppen?
Wie sollte man sich eigentlich verhalten, wenn sich Freunde oder Verwandte als Impfgegner entpuppen?
© Beyhes Evren, E. Ozkan

09. Juli 2021 - 9:18 Uhr

Wie verhält man sich richtig?

Im Laufe der Coronavirus-Pandemie machten immer mehr Verschwörungstheorien die Runde, Querdenker versammelten sich und auch Impfgegner tun regelmäßig ihre Meinung kund: Gegen Corona impfen lassen? Kommt nicht in Frage!

Oft scheinen dies Phänomene zu sein, die man aus den Nachrichten kennt. Aber eben nicht immer. Was also tun, wenn sich der beste Freund oder die Schwiegermutter als Impfgegner entpuppen? Dipl.-Psych. Rolf Schmiel hat einige Tipps in petto.

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Gegen eine Wand zu reden, bringt beiden Seiten am Ende nichts

Die einen sind froh, endlich doppelt geimpft zu sein und dem hoffentlich baldigen Ende der Pandemie auf diese Art und Weise ein wenig entgegenzufiebern, während für andere klar ist: Impfen lassen werde ich mich nicht. Aber was nur, wenn die Situation im Bekanntenkreis immer angespannter wird und die unterschiedlichen Meinungen echte Streitsituationen im Umfeld hervorrufen? Sollte man das Gespräch suchen, damit sich die Lage entspannen kann?

Dipl.-Psych. Rolf Schmiel rät: "Die Haltung ist immer wichtig. Man kann quasi sagen, dass der psychisch Stabilere nachgeben sollte. Heißt: In dem Moment, wo ich vielleicht merke, dass mein Gegenüber eine sehr festgefahrene Meinung hat, macht ein Gespräch keinen Sinn." Ist der beste Freund zum Beispiel strikt gegen eine Covid-19-Impfung und äußert das, indem er schnell aus der Haut fährt, aggressiv und laut wird, auf seiner Meinung beharrt und die Situation allgemein aus dem Ruder zu laufen droht, bringt reden und etwaiges überzeugen gar nichts. In einem solchen Moment sollte man sein Gegenüber in Ruhe lassen, meint Schmiel gegenüber RTL.

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So können Sie bei einem Gespräch mit einem Impfgegner vorgehen

 Demonstration und Kundgebung von wenigen hundert Teilnehmern der Initiative CRD Corona Rebellen Düsseldorf, darunter auch mutmaßliche Sympathisanten der Rechten Szene und Anhänger der Reichsbürger.
Vor allem auf Demonstrationen tun Impfgegner ihre Meinung kund.
© imago images/Ralph Peters, Ralph Peters via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Ein offener Umgang ist das A und O. Daher ist es wichtig, dass die Seite, die die Impfungen für gut befindet, nicht mit Vorurteilen ins Gespräch geht. Der Andere sollte – nur weil er eine andere Meinung hat – nicht im Voraus schon abgestempelt werden. "Man selbst wolle ja schließlich auch nicht negativ bewertet werden", sagt Schmiel.

Folgende Tipps hat der Psychologe RTL gegenüber geäußert, die für das gegenseitige Verständnis helfen können:

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  1. Keine Überredensversuche starten, wenn Ihr Gegenüber auf Krawall gebürstet ist. Auf dieser Ebene kann kein sachlicher Argumentationsaustausch stattfinden.
  2. Gehen Sie nicht direkt davon aus, dass der Andere ein Idiot ist, nur weil er eine andere Meinung vertritt als Sie. Wenn man ihn spüren lässt, dass er "keine Ahnung" hat, ist man genauso wertend wie sein Gegenüber.
  3. Die Offenheit, die Sie von der anderen Person erwarten, sollten Sie selbst gewillt sein zu geben. In der Psychologie nennt sich das "Verstehen, um verstanden zu werden." Das ist die wichtigste Grundhaltung, die bei einem solch schwierigen Gespräch die größte Rolle spielt.

Auch diese Schritte können laut dem Psychologen helfen

Letztendlich gilt: Erst, wenn der Andere den Eindruckt bekommt, dass man ihn zumindest verstehen möchte, wird er sich öffnen und zuhören. Sie können laut Schmiel dabei wie folgt vorgehen:

  • 1. Schritt: Einstufen, ob ein Gespräch überhaupt möglich ist.
  • 2. Schritt: Ein Argumenteaustausch kann funktionieren, wenn man den anderen versteht.
  • 3. Schritt: Sachlich bleiben und Finger weg von Provokationen, um den anderen ggf. aus der Reserve zu locken. Das wird nicht funktionieren und es könnten sich im schlimmsten Fall noch viel größere Probleme auftun. Lieber gut zuhören.

Wenn all das nicht funktioniert, bleibt nur eine Möglichkeit: sich darauf einigen, dass man sich uneinig ist.

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Hinterfragen Sie, wieso Sie ein Gespräch dieser Art führen wollen

Ein Mann und eine Frau führen in einem Café ein Streitgespräch.
Auch wenn es bei zwei verschiedenen Meinungen hitzig werden könnte: sich gegenseitig zu respektieren ist das A und O.
© Artem Peretiatko

Ganz wichtig vor und während der Konfrontation: Immer genau in sich hineinhorchen, warum man das Gespräch überhaupt sucht: Will man seinem Gegenüber wirklich helfen? Oder will man dem Anderen gerade einfach nur seine eigene Meinung aufs Brot schmieren? Diese Art Selbsttest hilft laut dem Psychologen sehr dabei, sich langsam an das Thema heranzutasten.

"Will man einfach nur Recht behalten, ohne, dass es wirklich zu einem Austausch kommt? Dann geht es letztendlich nur ums Ego. In der Psychologie spricht man von der sogenannten 'Ego-Falle'. Wenn man sich nur selbstbehaupten will, kann keinerlei fachlicher Austausch stattfinden. Denn: Auch die andere Seite hat Argumente", führt Schmiel weiter aus. Man gibt dem Gegenüber ein besseres Gefühl, wenn man auch mal sagt "Ich verstehe dich und du darfst anders denken." In dem Moment nimmt man die Spannung aus dem Gespräch und stellt im besten Fall sogar fest, dass man am Ende viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede hat. Schließlich sind Sie am Ende ja nicht ohne Grund mit ihrem besten Freund befreundet, oder?

Wichtig ist: Solange es berechtige Gegenargumente gibt, sollte man die Kraft haben, den anderen zu verstehen. Man muss und kann im Leben nicht immer der gleichen Meinung sein. Deswegen ist für Dipl.-Psych. Rolf Schmiel klar: "Wer sich mit anderen wegen des Impfthemas überwirft, dem ging es nie um das Impfthema als solches, sondern einzig und allein um die Selbstbehauptung." Ein Austausch ist wichtig. Aber man muss nicht immer Recht behalten. (vdü)

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