Was bedeutet das für die Bundes-Notbremse?

Nächtliche Ausgangssperren: Forscher untersuchen Wirksamkeit – mit vernichtendem Ergebnis

Welchen Einfluss haben Ausgangssperren auf die Inzidenz? Keinen besonderen, sagen Gießener Wissenschaftler.
Welchen Einfluss haben Ausgangssperren auf die Inzidenz? Keinen besonderen, sagen Gießener Wissenschaftler.
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22. April 2021 - 9:28 Uhr

Untersuchung von Ausgangssperren in ganz Hessen

Deutschland streitet über die drohenden nächtlichen Ausgangssperren, mit denen im Rahmen der Bundes-Notbremse die dritte Corona-Welle gestoppt werden soll. Sie ist politisch umstritten, da sie einen erheblichen Eingriff in die Grundrechte der Bürger bedeutet. Einige Gerichte haben sie bereits ausgebremst. Doch was würden Ausgangssperren wirklich bringen? Sind sie überhaupt ein geeignetes Instrument zur Pandemiebekämpfung? Mit diesen Fragen haben sich Forscher der Justus-Liebig-Universität in Gießen beschäftigt – und sind im Rahmen einer Studie zu einem ernüchternden Ergebnis gekommen.

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Forscher der Justus-Liebig-Universität werten Zahlen aus 26 Landkreisen aus

In dem veröffentlichten Arbeitspapier haben Samuel de Haas, Sven Heim und Georg Götz die Wirkung nächtlicher Ausgangssperren auf die 7-Tage-Inzidenz untersucht. Dafür haben die Gießener die Ausbreitung von Covid-19 in jenen hessischen Landkreisen, die während der zweiten Welle Ausgangssperren verhängten, mit der in Landkreisen ohne diese Maßnahme verglichen: Von 26 hatten 15 im Untersuchungszeitraum (18. November 2020 bis 28. Februar 2021) unterschiedlich lange Ausgangssperren zu unterschiedlichen Zeiten verhängt.

Studienergebnis: Ausgangssperre schadet und nützt nichts

Das Ergebnis der Studie ist ernüchternd: Es konnte keine statistisch signifikante Wirkung der Ausgangssperren auf die sogenannte 7-Tage-Inzidenz festgestellt werden. Der Verlauf der Inzidenzkurven in "offenen" und "gesperrten" Landkreisen ähnelt sich sogar sehr. Würde eine Ausgangssperre das Infektionsgeschehen beeinflussen, müsste man hier laut den Forschern Abweichungen erkennen. Im Gespräch mit Mittelhessen.de betont Wirtschaftswissenschaftler Georg Götz, dass "eine nächtliche Ausgangssperre nichts zu schaden, aber auch nicht zu nützen" scheint. In einem Umfeld, in dem eine Vielzahl weiterer Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung in Kraft seien, stelle die Ausgangssperre kein wirksames Instrument zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie dar.

Lesetipp: Könnte die Ausgangssperre der Gamechanger sein? Experte Dr. Zinn ordnet ein.

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Allein Androhung von Ausgangssperren hat eine Wirkung

In ihrer Untersuchung haben die Wissenschaftler auch berücksichtigt, dass die Inzidenzen in den Kreisen mit Ausgangssperren bei deren Einführung deutlich höher waren als in Kreisen ohne. Verschiedenes müsse auch verschieden gewichtet werden, sagt Götz gegenüber Mittelhessen.de. Zwar würden die Inzidenzen im Zeitablauf in den Kreisen mit Ausgangssperren sinken, dieser Effekt sei aber nicht stärker als in den Kreisen ohne Ausgangssperren. Allein die bloße Ankündigung einer nächtlichen Ausgangssperre hätte einen größeren Einfluss auf die Infektionszahlen als die Einführung selbiger.

Studie soll Politiker bei ihrer Entscheidung helfen

Das Team um Götz habe sich dazu entschieden, die Studienergebnisse bereits vor dem "Peer Review", der Prüfung durch andere Wissenschaftler, als Arbeitspapier zu veröffentlichen – als Argumentationshilfe für politische Entscheidungen im Streit um die Bundesnotbremse. Diese Ergebnisse seien vorläufig, heißt es im Text des Arbeitspapiers weiter. Man werde in den nächsten Wochen versuchen, den Datensatz auf ganz Deutschland zu erweitern. Weitere Forschungen sollten die Belastbarkeit der jetzt veröffentlichten Ergebnisse überprüfen.

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