RTL-Autorin über die Bedeutung ihres Tattoos

Vollmond mit zwei Schwalben: Wenn Trauer unter die Haut geht

Trauer-Tattoos sind im Trend - RTL-Autorin Laura Waßermann hat selbst eins.
© rtl.de

08. Februar 2020 - 10:18 Uhr

Von Laura Waßermann

Als ich mein Tattoo zum ersten Mal gesehen habe, es fertig gestochen und eine Plastikfolie drüber geklebt war, kamen mir die Tränen: ein Vollmond mit zwei Schwalben. Auf dem linken Handgelenk. Jahrelang habe ich darüber nachgedacht, mich tätowieren zu lassen, mich aber nie getraut. Mit 18 Jahren saß ich mit meinen Eltern am Abendbrottisch und habe mit sehr viel Mut ein Plädoyer für Tätowierungen gehalten: "Ich weiß, ihr heißt es nicht gut, aber bitte unterstützt mich. Sonst traue ich mich nicht." Fünf Jahre später isst mein Vater nicht mehr mit uns und meine Mutter und ich sind uns einig: Jetzt lasse ich mich tätowieren.

Ich traue mich mehr - auch mich tätowieren zu lassen

Mein Vater ist gestorben, bevor er 60 Jahre alt wurde. Lungenkrebs. Ich war gerade 23. Ich glaube, wenn (junge) Menschen solch einen Verlust verarbeiten, haben sie danach entweder mehr oder weniger Angst vor dem Leben. Ich persönlich traue mich jetzt mehr. Auch deshalb hatte ich ein paar Tage nach dem Tod meines Vaters - im Juli 2015 - plötzlich keine Angst mehr davor, tätowiert zu werden. Ich hatte einfach nur große Lust.

Knapp ein Jahr später war es dann soweit: Gemeinsam mit zwei Freundinnen saß ich bei der Tätowiererin mit dem Namen Paula. Drei Stunden hat es gedauert, bis der Vollmond ganz auf meinem Handgelenk zu sehen war, obwohl das Motiv nicht überdurchschnittlich groß ist. Der Grund: Paula ist mit der "Hand poke"-Methode vorgegangen. Das heißt, die Tätowiererinnen und Tätowierer nutzen keine Maschine, die ein paar Minuten über deine Haut rattert und fertig ist das Tattoo. Bei "Hand poke" (Deutsch: handgestochen) wird jeder Punkt des Tattoos einzeln gestochen. Das dauert.

Im Nachhinein ist es mir wichtig, dass mein Tattoo von Hand gestochen wurde. So konnte ich den Prozess länger und irgendwie schöner "zelebrieren". Und ich finde, es sieht sehr schön aus.

Wirksam in der Trauerarbeit: eine innere Beziehung zum Verstorbenen aufbauen

Ein Vollmond mit zwei Schwalben - warum? In der Nacht, als mein Vater gestorben ist, war der Mond voll und hell erleuchtet. Außerdem hatte er ein Faible für Vollmonde. Die Schwalben stellen meine Schwester und mich da und symbolisieren, dass sein Tod nicht bedeutet, dass wir keinen Vater mehr haben. Er ist eben woanders.

Vor einiger Zeit habe ich mit dem Trauer-Experten Roland Kachler zu den Themen Verlust und Trauer gesprochen. Er erklärte mir, dass es heilsam sein kann, durch ein Symbol oder einen Ort eine innere Beziehung zu dem Verstorbenen aufzubauen. In meinem Fall ist der Mond gleich beides. Nicht jeder will dieses Symbol (für immer) auf der Haut haben. Für mich war die Tätowierung einfach ein wichtiger Schritt in meiner Trauerbewältigung.

Schmerz? Nein, danke!

Dadurch, dass ich das Tattoo am linken Handgelenk und somit an einer relativ prominenten Körperstelle habe, werde nicht nur ich regelmäßig mit dem Tod meines Vaters konfrontiert. Auch Familienmitglieder, Freunde oder Außenstehende kommen dadurch oft mit ihm in Berührung. Das finde ich den schönsten Aspekt von Trauer-Tattoos.

Vom Bundesverband Trauerbegleitung heißt es, dass Menschen auch den körperlichen Schmerz beim Stechen als Trauerbewältigung sehen. Damit hatte es bei mir absolut nichts zu tun. Vor allem, weil der Schmerz - jeder tätowierte Mensch weiß das - wirklich schlimm ist. Aber nicht so schlimm, dass ich das Tätowieren nicht wiederholen würde, weshalb ich Ende Februar einen neuen Termin habe. Dieses Mal hat das Motiv nichts mit Trauer zu tun - zum Glück.