Was bringt der Booster?

Virologe Streeck: Vierte Impfung erst mit angepasstem Impfstoff nötig

Hendrik Streeck
Virologe Hendrik Streeck plädiert für eine vierte Impfung für Risikogruppen ab Herbst.
som sb, dpa, Fabian Sommer

Knapp 75 Prozent der Deutschen sind mittlerweile doppelt geimpft. Mehr als 50 Prozent sind zusätzlich geboostert. Was kommt jetzt? Die vierte, fünfte, sechste Impfung? Laut dem Bonner Virologen Hendrik Streeck hätten wir dann etwas falsch gemacht, wie er im ntv-Podcast „Wieder was gelernt“ erklärt.

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Israel macht die vierte Impfung vor - und wir nach?

Während in Deutschland noch für die Corona-Impfung an sich und die anschließende Auffrischungsimpfung geworben wird, ist Israel bereits mitten in Runde vier. Hier können sich seit Anfang des Jahres Immungeschwächte, Menschen über 60 Jahren und medizinisches Personal zum vierten Mal gegen das Coronavirus impfen lassen – und sind dann quasi doppelt geboostert. Das werde auch in Deutschland "notwendig sein", wie Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) Ende Dezember in einer Pressekonferenz ankündigte. Weil der Impfschutz nach einigen Monaten nachlasse, sollen so ältere Menschen und Risikogruppen von einem schweren Covid-19-Verlauf geschützt werden.

Allerdings wurden hier noch keine genauen Daten über die Schutzwirkung der vierten Impfung publiziert, erklärt Virologe Hendrik Streeck im ntv-Podcast „Wieder was gelernt“. "Da warten natürlich im Moment alle drauf, um zu sehen, wie diese vierte Impfung angeschlagen hat. Einzelne Graphen, die ich schon gesehen habe, zeigen aber, dass man die Krankenhauseinweisungen durch eine vierte Impfung reduzieren kann."

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Vierte Impfung sinnvoll, aber...

Grundsätzlich hält Streeck die vierte Impfung aber für sinnvoll. Allerdings erst mit einem an Omikron angepassten Impfstoff und vor allem für bestimmte Gruppen: "Ich kann mir für Deutschland eher vorstellen, dass wir zum Herbst und Winter mit einem angepassten Impfstoff in Hochrisikogruppen impfen. Also dass man vorschlägt, alle ab 60 zu impfen oder das gegebenenfalls allen Bürgern anbietet, aber keine Verpflichtung daraus macht. Wenn man solche angepassten Impfstoffe einmal im Jahr gibt, damit hat man vielleicht ein sehr guten Effekt, auch gegen weitere Wellen“, zitiert ntv.de den Bonner Virologen. Jetzt im Frühjahr mit der vierten Impfung zu starten, wenn die Corona-Zahlen ohnehin runtergehen, hält er für wenig sinnvoll.

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Ab jetzt Dauerimpfen?

Aber auch in Zukunft sei Dauerimpfen keine Lösung. Davor warnte auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) Anfang des Jahres: Auffrischungsimpfungen könnten "einmal, vielleicht auch zweimal durchgeführt werden, aber wir denken nicht, dass sie ständig wiederholt werden sollten". Dauerimpfen könne die Immunreaktion beeinträchtigen.

Dies passiere allerdings nicht bei der dritten oder vierten Impfung, erklärt Streeck. Ein Problem wäre eher der viertel- oder halbjährliche Gang ins Impfzentrum oder zum Hausarzt. "Wir reden spekulativ und hypothetisch über die Zukunft. Ich will nicht, dass die Leute denken, dass eine dritte oder vierte Impfung einen negativen Effekt haben könnte. Es gibt aber in der Immunologie drei Phänomene, die potenziell auftreten können, wenn das Immunsystem zu häufig eine Struktur von einem Erreger sieht."

  1. In diesem Fall könne es zu einer Immuntoleranz kommen, berichtet ntv.de. Die Reaktion des Immunsystems auf ein Antigen bliebe ganz aus oder finde nur stark vermindert statt.
  2. Es könne aber auch zu einer Ermüdung des Immunsystems kommen, wenn Viren dauerhaft aktiviert würden.
  3. Das dritte Phänomen sei die sogenannte Antigenerbsünde. War man bereits mit dem Coronavirus infiziert und komme dann mit einer weiteren Virusvariante in Kontakt, habe unser Immunsystem die Tendenz, Antikörper nur gegen Bestandteile der ursprünglichen Virusvariante zu bilden.

"Wenn wir gegen einen Virus so häufig impfen müssten, haben wir einen schlechten Job gemacht"

Die EMA warnt davor, ein weiteres Boostern vorschnell für die Zukunft zu planen. Und auch Streeck plädiert im Podcast dafür, die immunologischen Phänomene erst mal besser zu erforschen. Anschließend könne man aus den Ergebnissen ableiten, wie oft Corona-Impfungen nötig sein werden, so der Virologe.

"Wir haben vor allem die Sorge, dass sich das Virus immer weiter verändert und diese Anpassung von den Impfstoffen gar nicht so schnell geschafft werden kann und man dann eigentlich immer hinterherhinkt. Wenn wir gegen einen Virus so häufig impfen müssten, haben wir einen schlechten Job gemacht." Besser wäre laut Streeck stattdessen: "einen Schritt zurückgehen und einen Impfstoff entwickeln, der eine bessere langfristige Effektivität zeigt".

Und der "natürliche Booster"?

Neben weiteren Boostern sei aber auch ein „natürlicher Booster“ miteinzubeziehen, sagen sowohl die EMA als auch Streeck. Heißt: Wer doppelt geimpft ist und sich danach infiziert, ist zunächst genauso gut geschützt wie ein dreifach Geimpfter.

Daten aus der Zeit vor Omikron würden zeigen, dass Genesene einen "sehr guten Schutz vor einer Infektion" und einen "hervorragenden Schutz vor einer Krankenhauseinweisung" haben, erklärt der Virologe im Podcast. Wie zudem eine Studie aus Katar zeige, biete eine Infektion, auch mit Omikron, "in den ersten rund 200 Tagen einen hervorragenden Schutz vor einer Hospitalisierung".

Eine Gleichsetzung des Genesenen- mit dem Impfstatus liege laut Streeck also nahe. "Wir werden alle irgendwann Kontakt haben mit dem Virus und müssen jetzt nicht glauben, dass wir einen Status immer wieder neu auffrischen müssen. Das macht die Natur von alleine. Man kann jedem nur empfehlen, sich impfen zu lassen, einen Vorschutz zu haben. Aber ich glaube nicht, dass für jeden eine dauerhafte Impfung empfehlenswert ist."

Wenn aus der Corona-Pandemie eine Endemie werde, sei eine Impfung nicht mehr für alle Menschen nötig, so Streeck. Für die vulnerablen Gruppen sei diese aber – wie bei der Grippe – weiter empfehlenswert. (akr)

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