"Virus wird uns noch jahrelang begleiten"

Virologe Hendrik Streeck und Top-Ärzte gegen Lockdown: Lieber auf die Risikogruppen fokussieren

29. Oktober 2020 - 8:52 Uhr

Das fordern Vertreter von Wissen- und Ärzteschaft

Kurz vor dem Treffen der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, bei dem über neue Maßnahmen im Kampf gegen COVID-19 beschlossen wurden, haben Vertreter von Wissen- und Ärzteschaft, darunter Virologen Prof. Hendrik Streeck und Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, eigene Forderungen vorgelegt. Einen erneuten Lockdown halten die Ärzte für unnötig. In einer Online-Pressekonferenz haben Streeck & Co. erklärt, warum sie einen Lockdown ablehnen und für Gebote statt Verbote plädieren. Außerdem forderte der Top-Virologe Streeck gezielten Schutz und Fokussierung für Risikogruppen. Seinen Standpunkt erklärt der Bonner Professor im Video.

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Vertreter fordern Ampelsystem

Die aktuell rasant steigenden Fallzahlen zeigten, dass die Coronavirus-Pandemie nicht mehr "ausschließlich im Rahmen einer Kontaktnachverfolgung" einzudämmen sei, heißt es in dem Papier. Konkret fordern die Unterzeichner aus Wissen- und Ärzteschaft ein bundesweit einheitliches Ampelsystem, anhand dessen sich die Lage auf einen Blick erkennen und bewerten lässt. Dieses soll sich nicht allein auf die Kennzahl der Neuinfektion in den vergangenen 7 Tagen pro 100.000 Einwohner beschränken, sondern auf "alle relevanten Kennzahlen, wie Infektionszahlen, Anzahl der durchgeführten Tests, stationäre und intensivmedizinische Behandlungskapazitäten".

Die Experten fordern, dass die Politik die Bevölkerung zur Mitarbeit motivieren soll: Gebote statt Verbote, Zahlen alleine sollen nicht als Basis für politische Entscheidungen fungieren. Dagegen hat sich inzwischen der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auf Twitter positioniert.

Anhand des Ampelsystems könnten Bund und Länder "dann klar kommunizieren, wie die aktuelle Situation aussieht, mit welchen Entwicklungen zu rechnen ist und mit welchen Maßnahmen darauf reagiert werden sollte". Außerdem könnten die Gefährdungslage von Risikogruppen und eine mögliche Überlastung des Gesundheitswesens so frühzeitig identifiziert werden, heißt es. Virologe Prof. Streeck hält schon seit Wochen dieses Ampelsystem für sinnvoll.

Gebote statt Verbote, um Bürger*innen zu motivieren

Um die Pandemie zu bekämpfen, brauche es dennoch vor allem die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger, mitzuarbeiten. Um dieses Ziel zu erreichen, sei eine wichtige Strategie, auf Gebote anstatt Verbote zu setzen. Statt der Verbreitung von Angst und Panik, solle den Menschen Hoffnung und Mut gemacht, ihnen Alternativen aufgezeigt werden. "Sobald sich Verordnungen als widersprüchlich, unlogisch und damit für den Einzelnen als nicht nachvollziehbar darstellen oder von Gerichten außer Kraft gesetzt werden, bekommen wir ein Akzeptanz- und Glaubwürdigkeitsproblem", heißt es.

Lockdowns, wie sie im heutigen Treffen von Bund und Ländern durchaus diskutiert werden sollen, seien aus Sicht der Wissenschaftler nicht die richtige Antwort, da bereits jetzt ganze Wirtschaftszweige vor dem Abgrund stünden, die soziale Ungleichheit wachse und wichtige medizinische Behandlungen ausgelassen würden. Der Rückgang der Fallzahlen, so heißt es, sei "politisch zwar eine dringende Aufgabe, aber nicht um jeden Preis."

Risikogruppen im Fokus

"Es ist für die Unterzeichner unstrittig, dass der Fokus im weiteren Verlauf der Pandemie auf dem Schutz von Risikogruppen liegen muss." Um die unfreiwillige Isolation zu verhindern, schlagen die Ärzte vor, dass Besucher nur nach negativem Antigen-Schnelltest Zutritt zu Pflege- und Seniorenheimen bekommen. Außerdem sei das Tragen von FFP2-Masken erforderlich. Das Pflege-, Medizin- und Reinigungspersonal muss regelmäßig getestet werden.

Veranstaltungen mit Hygienekonzepten statt Ausgangssperre

Beim Thema Veranstaltungen herrscht nach wie vor Unklarheit. "Daher sollten Veranstaltungen mit Hygienekonzepten und Teststrategien unter wissenschaftlicher oder gesundheitsamtlicher Begleitung durchgeführt werden, um herauszufinden, ob das Risiko einer Virusübertragung überhaupt in relevantem Umfang besteht." fordern die Wissenschaftler in ihrem Schreiben weiter. Eine kontrollierte Veranstaltung im öffentlichen Raum, sei schließlich gesellschaftlich und infektionsepidemiologisch besser als ein privates Treffen im Innenraum.

Quelle: RTL.de/ntv