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Das bedeutet ein russischer Gas-Lieferstopp für unseren Alltag

So drastisch sind die Konsequenzen für viele Unternehmen Bei Gas-Lieferstopp aus Russland
02:21 min
Bei Gas-Lieferstopp aus Russland
So drastisch sind die Konsequenzen für viele Unternehmen

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von Aristotelis Zervos

Deutschland ist abhängig von Gas aus Russland – und jetzt steht uns auch noch ein regelrechter Gas-Showdown bevor. Denn Putin verlangt von "unfreundliche Staaten" wie Deutschland, dass sie die Gaslieferungen in Zukunft in Rubel bezahlen. Deutschland pocht auf die geltenden Verträge und will das Gas weiterhin in Euro bezahlen. Aber was passiert, wenn wir von heute auf morgen kein Gas mehr aus Russland erhalten?

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Deutschland in hohem Maße abhängig von Gas aus Russland

Nach dem kriegerischen Überfall auf die Ukraine hat die EU mit harten Wirtschaftssanktionen gegen Russland reagiert. Fast der gesamte Handel ist unterbunden – bis auf den mit wichtigen Rohstoffen wie Gas, Öl und Kohle. Denn ohne die fossilen Energieträger aus Russland geht nichts mehr, vor allem in Deutschland. So betont Bundeskanzler Olaf Scholz immer wieder, dass ein sofortiger Importstopp von Öl, Gas und Kohle nicht in Frage kommt. Dann müssten ganze Industriezweige ihre Arbeit einstellen. Die Folge: Massenarbeitslosigkeit. Aber kann man das wirklich so pauschal sagen?

Fest steht: Über Jahre hinweg hat sich Deutschland immer enger an Russland gebunden, vor allem beim Gas. Die Russen liefern günstig und unkompliziert. Bis zum Ausbruch des Ukraine-Krieges hat Deutschland 55 Prozent der benötigten Gasmengen aus Russland bezogen.

Und es sollte in Zukunft sogar noch mehr Gas aus dem Osten kommen: Über die fast fertig gestellte Gas-Pipeline „Nord Stream 2“. Mit dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine hat die Bundesregierung die Notbremse gezogen und das Projekt gestoppt. Die Folge: Die bereits hohen Gaspreise verteuern sich weiter. Erste Unternehmen haben bereits reagiert – und das hat auch Folgen für die Verbraucher.

Lebensmittelversorgung nicht gesichert

Laut einer Analyse des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) wären die Folgen fatal, wenn das Gas aus Russland ausbleiben würde und kein Ersatz in ausreichender Menge geliefert werden kann. So wäre vor allem die Lebensmittelversorgung nicht gesichert. Viele Unternehmen der Lebensmittelindustrie haben von Heizöl auf Erdgas umgestellt, um ihre CO2-Bilanz zu verbessern. Das berichtet auch der Verband des Bundesverbandes der Obst-, Gemüse- und Kartoffelverarbeiter (BOGK) gegenüber RTL/ntv. So werden viele lebensmittelverarbeitende Anlagen wie Großfriteusen ausschließlich mit Gas beheizt.

Die Anyalse des BKK geht sogar von massiven Produktionsausfälle in Bäckereien und der Milchindustrie aus: „Dies könnte zu temporären regionalen Engpässen bei Brot- und Milchproduktion führen. Ebenso wären Geflügelbetriebe und Schlachthöfe, denen mit Ausfall der Gasversorgung die Prozesswärme fehlt, betroffen."

Falls die Produkte noch hergestellt werden können, droht eine massive Preissteigerung: "Der Preis von Brot könnte sich verdoppeln. Auf bis zu zehn Euro", warnte Bauernverband-Verbandsvizepräsident Klaus-Peter Lucht. Er rechnet insgesamt mit einem Anstieg der Lebensmittelpreise um durchschnittlich 20 bis 40 Prozent.

Und auch die Herstellung von Hygieneprodukten wie Toilettenpapier könnte bei einem Gas-Lieferstopp stark beeinträchtigt werden. So warnt bereits einer der größten Hygienepapierhersteller in Deutschland, die Wepa Gruppe, gegenüber RTL: "Viele energieintensive Unternehmen sind produktionsprozessbedingt heute auf Gas angewiesen. Ohne die Gaslieferungen aus Russland durch Nord Stream 1 könnten viele Unternehmen die Produktion von Gütern des täglichen Bedarfs nicht aufrecht erhalten.“

Doch die meisten Unternehmen müssen eigentlich gar nicht bis zu diesem Punkt kommen. „Es gibt ausreichend Gas auf den internationalen Märkten“, erklärt Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Man müsse jetzt ein Notfallprogramm aufstellen und das Gas aus alternativen Quellen beziehen.

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Gasausstieg für Haushalte wird noch Jahre dauern

„Wir müssen weg vom Gas!“, rufen derzeit viele Politiker. Das Problem aber ist: Gerade viele Haushalte können gar nicht so schnell weg vom Gas, wie sie es gerne würden. Denn 48,2 Prozent der 40,6 Millionen Wohnungen in Deutschland nutzen laut Bundeswirtschaftsministerium Erdgas als Energieträger. Das sind 19,6 Millionen Wohnungen. In Nordrhein-Westfalen sind 2018 sogar fast zwei Drittel der Wohnungen mit Gas beheizt worden. Es wird Jahre dauern, um Wohnungen alternative Energieträger umzurüsten.

Der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie beklagte bereits vor dem Ausbruch des Ukraine-Krieges Probleme in den Lieferketten wie bei elektronischen Bauteilen oder Engpässen bei der Installation, die die Modernisierungsmaßnahmen in Deutschland ausbremsen.

Für die Besitzer von Gasheizungen bedeutet das: Sie müssen in Zukunft noch mehr beim Heizen sparen. „Wie werden die Heizbereiche reduzieren müssen, zum Beispiel den Heizkörper um zwei Grad senken. Dann können wir Teil der Lösung sein“, so Energieökonomin Claudia Kemfert. Offen ist, ob es in Zukunft weitere Entlastungspakete geben wird. Das erste Entlastungspaket hat die Bundesregierung gerade erst beschlossen, insbesondere das Energiegeld in Höhe von 300 Euro für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wird wohl kaum ausreichen, um die explodierenden Energiepreise auch nur annähernd auszugleichen.

Arbeitslosigkeit und hohe wirtschaftliche Schäden bei Gasstopp

Wenn das Gas aus Russland nicht mehr fließt, werden wohl viele Unternehmen wegen des Kostendrucks ihre Produktion einstellen müssen. Bereits jetzt müssen zum Beispiel Stahlunternehmen ihre Produktion zeitweise aussetzen, weil sich diese wirtschaftlich nicht mehr lohnt (mehr dazu im Video).

Ukraine-Krieg bedroht deutsche Stahlunternehmen Produktion lohnt sich kaum noch
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Experten der Hans-Böckler-Stiftung rechnen laut der Deutschen Presseagentur mit noch höheren Schäden bei einem Lieferstopp für russische Energierohstoffe als von vielen Ökonomen angenommen. In einem Risikoszenario könnten stark gestiegene Kosten in Folge eines Lieferstopps oder eines Embargos demnach „einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Basisszenario in der Spitze von mehr als 4 Prozent“ verursachen, heißt es in der Analyse des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Stiftung.

In einem weiteren Szenario, in dem die Energiekosten in Folge eines Lieferstopps noch stärker steigen, ergebe sich für das Jahr 2022 ein „Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um mehr als 6 Prozent.“ Dabei wird es auch zu mehr Arbeitslosigkeit kommen. „Das wird schon dazu führen, dass die Anzahl der Beschäftigten zurückgehen wird“, erklärt Achim Wambach, Präsident vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung gegenüber RTL/ntv.

Der Ausstieg aus dem russischen Gas, das früher so schön billig war, wird uns also teuer zu stehen kommen. Und es wird offenbar viele Jahre brauchen, um vom Gas wegzukommen.

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