Skandalös oder logisch?

Frau wird trotz negativer Tests zu Corona-Toten gezählt - dafür gibt es eine Erklärung

Janines Mutter ist auf der Isolierstation gestorben. Corona-Tests waren negativ. (Symbolbild)
Janines Mutter ist auf der Isolierstation gestorben. Corona-Tests waren negativ. (Symbolbild)
© iStockphoto, oonal

15. Februar 2021 - 10:33 Uhr

Zwei negative Corona-Tests

RTL-Zuschauerin Janine hat sich aufgebracht an uns gewandt. Ihre Mutter Petra sei trotz zweier negativer Tests als Corona-Tote in die Statistik aufgenommen worden und das habe man ihr in der Klinik auch offen gesagt. RTL ist der Anschuldigung nachgegangen und hat die Klinik um eine Stellungnahme gebeten.

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Chronik: So lief alles ab

Janines Mutter Petra war seit 2001 an Multipler Sklerose (MS) erkrankt und seit 2017 in einem Pflegeheim untergebracht. Bis bei ihr im Januar leicht erhöhte Temperatur gemessen wurde. Wenige Tage später stirbt Petra – mit einem Abschied, den sich die Familie sicher anders vorgestellt hatte.

  • Mittwoch, 20. Januar 2021

Janines Mutter hatte eine Körpertemperatur von 38,2 und zeigte einen leicht verschlechterten Allgemeinzustand. Die MS-Patientin war ansprechbar und hat sich, ihrer Erkrankung entsprechend, normal mit ihrer Tochter unterhalten, wie Janine uns schreibt.
Nach einiger Zeit habe sie Atemprobleme bekommen, das Personal des Samariterstift Neuhausen wurde informiert, der Arzt wurde kontaktiert und ein Corona-Schnelltest durchgeführt. Ergebnis: Negativ!

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  • Donnerstag, 21. Januar 2021

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag soll Janine einen Anruf erhalten haben, dass der Notarzt informiert werden musste. Der habe sie am Telefon dann sofort darauf hingewiesen, dass sie entscheiden müsse, ob lebensverlängernde Maßnahmen eingeleitet werden sollen. "Das habe ich ihrem Wunsch entsprechend verneint", schreibt Janine uns.

Sofort fährt sie nach eigenen Angaben in die Klinik, in die ihre Mutter eingeliefert wurde. Erneut wiesen Ärzte sie darauf hin, dass lebensverlängernde Maßnahmen aufgrund der Vorerkrankung medizinisch nicht sinnvoll seien. "Zudem sei eine Entwöhnung von der Beatmung äußerst unwahrscheinlich beziehungsweise quasi ausgeschlossen. Alternativ bekäme sie Sauerstoff, Infusionen etc. verabreicht um ihr Leiden zu lindern. Hier habe ich mich in ihrem Sinne entschieden."

In der Nacht, gegen viertel nach zwei wurde laut Janine ein weiterer Test angeordnet. Nachmittags kam das Ergebnis des PCR-Tests: Erneut negativ!

Nach einem Gespräch mit den Ärzten durfte Janine zu ihrer Mutter. "Sie hatte eine Sauerstoffmaske auf und konnte noch "Hallo" sagen."

Gegen fünf Uhr sollte sie dann auf die Isolierstation verlegt werden. "Dies habe ich ihr erklärt und ihr mitgeteilt ich käme im Lauf des Tages noch einmal vorbei. Sie hat dies bejaht und mich mit einem "bis bald" verabschiedet. Als ich am späten Nachmittag ankam war sie jedoch bereits nicht mehr ansprechbar." Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass Janine ihre Mutter Petra lebend sah.

  • Freitag, 22.Januar 2021

Am Freitagmorgen erhielt Janine einen Anruf. Ihre Mutter ist verstorben. Als wäre das nicht schlimm genug, konnten sich die Familienmitglieder nur einzeln verabschieden – unter hohen Schutzmaßnahmen, wie es in Corona-Zeiten üblich ist.

Janine erhebt schwere Vorwürfe: "Das ist absolut menschenunwürdig."

"Bei einem abschließenden Arztgespräch wurde mir mitgeteilt, sie würde trotz zwei negativer Tests als mit COVID-19 Verstorbene aufgeführt. Hauptursächlich war jedoch etwas anderes für ihren frühen Tod verantwortlich", sagt Janine. Trotz zweier negativer Corona-Tests soll ihre Mutter als Corona-Tote gezählt werden? Wie kann das sein? Janine ist aufgebracht. Völlig offen scheint eine Ärztin zuzugeben, dass auch Nicht-Corona-Patienten in die Statistik zählen. RTL hat die Klinik um eine Stellungnahme gebeten. Dazu gleich mehr.

Janine sagt glaubhaft, sie sei keine Corona-Leugnerin oder Verschwörungstheoretikerin, sie habe ihre Mutter schließlich schon zur Impfung angemeldet. Aber diese Entscheidung zur Einstufung als Corona-Tote habe Folgen für sie und ihre Familie gehabt: "Das hat verhindert, dass ihre Schwester und weitere Angehörige sich von ihr verabschieden konnten, sowie dass ich im Vorfeld bis zu ihrem Tod bei ihr bleiben konnte. Nicht einmal umkleiden darf man sie vor ihrer Verbrennung".

"Das ist absolut menschenunwürdig", findet Janine. Außerdem müsse man sich nicht über dauerhaft hohe Corona-Zahlen wundern, wenn Menschen mit zwei negativen Tests trotzdem in die Statistik zählen würden.

Klinik äußert sich

 Nuertingen Themenbilder: Corona-Ausbruch in der Nuertinger Klinik Medius, 27.01.2021, Themenbilder: Corona-Ausbruch in der Nuertinger Klinik Medius, 27.01.2021, *** Nuertingen themed pictures corona outbreak at nuertingen clinic medius, 27 01 2021,
Janines Mutter wurde in die Nürtinger medius Klinik eingeliefert.
© imago images/Eibner, EIBNER/DROFITSCH via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Auf RTL-Anfrage äußert sich die medius Klinik in Nürtingen (Baden-Württemberg) schnell zu Janines Vorwürfen und Fragen. Eine Kliniksprecherin bestätigt, dass Janines Mutter auf die Isolierstation eingeliefert wurde und der PCR-Test negativ war. "Jedoch konnte trotz negativem PCR-Test bei weiteren diagnostischen Untersuchungen der Covid-19-Verdacht nicht ausgeräumt werden". In ihrem Totenschein steht ihrer Tochter zufolge: "Sepsis aufgrund einer Aspirationspneumonie*, jedoch mit Corona-Infiltraten". Diese Entscheidung sei nach Absprache mit dem Oberarzt sowie des Radiologen nach nochmaliger Sichtung des CTs der Lunge getroffen worden, schildert Janine.

Aber was hat es mit dem negativen Test auf sich? Dazu schreibt die Klinik: "Solche Fälle von falsch-negativen PCR-Tests können insbesondere bei etwas länger zurückliegenden Corona-Infektionen vorkommen. Vor diesem Hintergrund wurde die Patientin weiter auf der Isolationsstation behandelt."

Die Klinik sagt auch, dass alle Mitarbeiter wissen, wie hart so eine Situation für Angehörige ist und zeigt Verständnis für emotionale, menschliche Reaktionen.

*Aspirationspneumonie: Lungenentzündung, die dadurch entsteht, dass erbrochener oder zurückgeflossener Mageninhalt oder andere Stoffe in die Lunge gelangen und dort Entzündungsreaktionen hervorrufen.

Arzt erklärt, wie das möglich ist

Dr. Christoph Specht
Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht schätzt den Fall ein.
© rtl.de

Wir haben Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht gefragt: Macht das Sinn, was die Klinik sagt? Möglich sei es schon, sagt er. Die Diagnose der Klinik stütze sich offensichtlich auf den CT Befund. Und der habe offenbar einen Hinweis auf eine zurückliegende Corona-Infektion gegeben. Und zwar handelt es sich bei Corona-Infiltraten, wie sie im Totenschein genannt werden, um milchgläserne Eintrübungen in der Lunge. Die seien laut Dr. Specht relativ typisch bei Lungenentzündungen durch Corona.

Aber wie sind dann die negativen Tests zu erklären? Auch dafür kann es eine logische Erklärung geben. "Im Stadium der Pneumonie [Lungenentzündung] ist der PCR-Test oft negativ". Es sei möglich, dass sich Janines Mutter vor wenigen Woche mit Corona infiziert habe, sie zum Zeitpunkt der Tests aber schon wieder negativ war, so Dr. Specht. "Viele Patienten, die an Corona sterben, müssen beim Tod keinen positiven Test mehr haben. Die Schädigung tief in der Lunge ist dann schon erfolgt." Die Lungenentzündung bei Janines Mutter kann also durchaus eine (Spät-)Folge einer Corona-Infektion gewesen sein. "Das ist ein typischer Fall von 'im Zusammenhang mit Corona gestorben', aber die tatsächliche Todesursache war dann eine andere. Die wäre aber nicht eingetreten, wenn sie nicht mit Corona infiziert gewesen wäre." So erklärt sich dann auch die Einstufung als Corona-Tote. Um sicher zu gehen, hätte man laut Specht noch einen PCR-Test aus der Lunge machen sollen. Da hätte man vielleicht noch Virusreste gefunden. Ob die Klinik einen solchen PCR-Test der Lunge durchgeführt hat, ist uns aus Datenschutzgründen nicht bekannt. Die Klinik versicherte uns aber glaubhaft, dass Entscheidungen nicht mit bloßen Vermutungen getroffen werden, sondern Untersuchungen generell sorgfältig durchgeführt und geprüft werden.

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