„Unfassbar fahrlässig“ in den Augen der Linksfraktion

Stiko-Geschäftsstelle verfügt nur über 3,5 Vollzeitstellen

Wo bleibt die Impf-Empfehlung der Stiko? Politik und Bevölkerung neigen in Pandemie-Zeiten zur Ungeduld.
Wo bleibt die Impf-Empfehlung der Stiko? Politik und Bevölkerung neigen in Pandemie-Zeiten zur Ungeduld.
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13. Dezember 2021 - 10:44 Uhr

Ständige Kritik am Arbeitstempo

Seite Pandemiebeginn wurde immer wieder Kritik am Arbeitstempo der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert Koch-Instituts laut. Durch eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag kommt jetzt heraus: Die Geschäftsstelle der Ständigen Impfkommission verfügt nur über 3,5 Vollzeitstellen - und das unverändert seit Beginn der Corona-Pandemie. Die Linksfraktion fordert deswegen mehr Geld für Stiko, Robert-Koch-Institut und Forschungseinrichtungen - und nennt die Vorgehensweise "unfassbar fahrlässig". Doch würde eine Aufstockung des Personals überhaupt etwas bringen? Medizin-Experte Dr. Christoph Specht ist skeptisch.

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Linksfraktion: Bundesregierung unfähig und geizig

Trotz der Herausforderungen in der Corona-Pandemie arbeitet die Geschäftsstelle der Ständigen Impfkommission (Stiko) seit Jahren mit unveränderter Personalstärke. Das geht aus einer Antwort des Bundesgesundheitsministeriums hervor, die der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ) vorliegt. Demnach sind in der Stiko-Geschäftsstelle seit Januar 2019 vier wissenschaftliche Angestellte sowie eine Verwaltungsangestellte tätig. "Diese Personen verteilen sich auf 3,5 Vollzeitäquivalente", teilte das Ministerium auf Anfrage der Linksfraktion im Bundestag mit.

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Aus der Opposition kommt deswegen scharfe Kritik. "Es ist unfassbar fahrlässig, dass das ganze Land länger als nötig auf Empfehlungen zu dringend benötigten Corona-Impfstoffen wartet, bloß weil die Bundesregierung zu unfähig und zu geizig ist, die Stiko-Geschäftsstelle ordentlich auszustatten", sagte Jan Korte, parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion, der NOZ.

Nicht nur die Politik ist ungeduldig

Ob bei der Impfung von Ü12-Kindern oder beim Thema Auffrischimpfungen: Schon einige Male waren politische Akteure schneller mit Impf-Empfehlungen am Start als die Stiko. "Also das Gremium, dass sich wirklich wissenschaftlich mit diesen Dingen auseinandersetzt", sagte uns Medizin-Experte Dr. Christoph Specht bereits vor einem Monat. "Damit verspielt man Vertrauen und die Bevölkerung weiß dann wirklich nicht mehr, woran sie sich halten soll", kritisierte er damals scharf. "Ich halte gar nichts davon, wenn die Politik immer in dieser Art dazwischenfunkt."

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Wer ist „die Stiko“?

Die Stiko besteht aus einem unabhängigen, ehrenamtlich arbeitenden Expertengremium mit aktuell 18 Mitgliedern. Die kommen aus unterschiedlichen Fachbereichen der Wissenschaft und Forschung, dem öffentlichen Gesundheitsdienst und der niedergelassenen Ärzteschaft. Sie werden alle drei Jahre vom Bundesgesundheitsministerium berufen und bilden Arbeitsgruppen zu verschiedenen Impfstoffen. Aktuell sind zehn Experten in der "AG Covid-19-Impfstoff".

Wie ist die Arbeitsweise der Stiko?

Wie geht die Kommission bei ihrer Arbeit in der Regel vor? Sie bewerten die Krankheitslast durch einen bestimmten Virus, die Sicherheit und Wirksamkeit der einzelnen Impfstoffe und führen daraufhin eine Nutzen-Risiko-Bewertung durch, informiert das RKI. Die Grundlage für eine solche Impfstoff-Bewertung sind die Kriterien der evidenzbasierten Medizin. Das bedeutet: Es wird geprüft, wie groß die Beweiskraft bereits vorliegender Untersuchungen, wissenschaftlicher und klinischer Daten sowie Veröffentlichungen zu einem Impfstoff ist.

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Dabei werden unter Umständen auch Daten aus Studien nach der Impfstoff-Zulassung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) berücksichtigt, so das RKI. "Zusätzlich muss üblicherweise ein mathematisches Modell entwickelt werden, um die epidemiologischen und gesundheitsökonomischen Folgen einer Impfempfehlung abschätzen zu können", heißt es auf der Info-Seite des Instituts. Daher sei die Erarbeitung einer neuen Impfempfehlung zeit- und arbeitsaufwändig.

So geht die Stiko für ihre Impf-Empfehlungen vor.
So geht die Stiko für ihre Impf-Empfehlungen vor.
© RKI, Stiko/RKI, Stiko

Wie lange dauert eine Impf-Empfehlung - im Normalfall?

Das liege vor allem an der "systematischen Literaturrecherche, bei der umfassend alle zu diesem Thema weltweit existierende Literatur gesichtet und von mindestens zwei Personen unabhängig voneinander bewertet wird". Sie nehme mindestens sechs Monate, meist jedoch mehr als ein Jahr in Anspruch, so das RKI. Auch die Erarbeitung eines mathematischen Modells benötige in der Regel mindestens ein Jahr. Daher dauere die Erarbeitung einer neuen Stiko-Impfempfehlung im Durchschnitt zwischen einem und drei Jahren.

Isrealische Kollegen entsetzt über deutsche Langsamkeit

Thomas Mertens
Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO), spricht. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa/Archivbild
© deutsche presse agentur

Warum die Stiko so lange für ihre Entscheidung brauchte, erklärte Stiko-Chef Thomas Mertens vor zwei Wochen in der ARD damit, "dass wir erst definieren, welche Daten wir brauchen, um zu einer Empfehlung kommen zu können." Wenn das festgelegt sei, müssten diese Daten erhoben und erarbeitet werden, so Mertens. "Erst wenn diese Daten vorliegen, fängt die Stiko an, diese Daten zu diskutieren."

Der ehemalige Leiter des israelischen Impfprogrammes, Ronni Gamzu, zeigte sich in der jüngeren Vergangenheit schockiert über diese Langsamkeit: "Das war einfach total falsch. Wir hatten klare Beweise, wir haben die Daten. Es gab keine wissenschaftliche Basis dafür zu sagen, die Auffrischimpfung bringe nur den Über-65- oder Über-70-Jährigen etwas. Wir haben gesehen, dass die Zahl der Antikörper auch bei 40-Jährigen zurückgeht. Was für Beweise braucht man denn noch?"

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Medizinexperte Specht verteidigt die Stiko

Medizinexperte Dr. Christoph Specht bleibt aber auch nach einem Monat bei seiner Einschätzung: "Ich will zwar nicht ausschließen, dass ein Tempo-Booster für die Stiko sinnvoll sein könnte, aber ich glaube, durch eine Professionalisierung statt Ehrenamt wäre nicht viel zu erreichen", sagt er uns im Gespräch. "Vielleicht lässt sich ja die eine oder andere Struktur verbessern." Aber alles in allem werde es so bleiben, dass eine tiefe Betrachtungsweise der Studienlage eben seine Zeit dauert. "Und es wird weiterhin vorkommen, dass für eine Empfehlung einfach nicht genügend Daten vorliegen." (dpa/akr/ija)

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