Steigende Intensivzahlen bereiten Grund zur Sorge

Delta wird für Schwangere gefährlich

Eine an Covid-19 erkrankte Schwangere wird von Wittenberg aus in das Pränatalzentrum der Universitätsklinik Halle verlegt.
Eine an Covid-19 erkrankte Schwangere wird von Wittenberg aus in das Pränatalzentrum der Universitätsklinik Halle verlegt.
© dpa, Waltraud Grubitzsch, wg fdt

08. Dezember 2021 - 22:20 Uhr

Werdende Mütter erkranken immer öfter schwer

von Solveig Bach

Lange Zeit war nicht klar, wie gefährlich Corona für Schwangere sein kann. Erst seit Mitte September empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) ihnen die Corona-Impfung. Inzwischen landen aber immer mehr werdende Mütter mit Covid-19 im Krankenhaus. Nicht selten kämpfen die Ärzte dann um gleich zwei Leben – Mutter und Kind. Vor allem die Delta-Variante scheint jetzt offenbar besonders gefährlich für Schwangere zu sein.

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Immer mehr Schwangere kämpfen nach Corona-Infektion um ihr Leben

Die Medienberichte aus Bayern sind alarmierend. Derzeit liegen in verschiedenen Münchner Kliniken gleich mehrere Schwangere, die schwer an Covid-19 erkrankt sind. Die betreuenden Ärztinnen und Ärzte fürchten in einigen Fällen um das Leben von Müttern und Kindern.

Vielen sind noch die Informationen aus den ersten Pandemiewochen in Erinnerung, als Schwangeren kein erhöhtes Erkrankungsrisiko bescheinigt wurde. Das ist lange her, damals verbreitete sich noch der Urtyp des Coronavirus, Impfstoffe lagen in weiter Ferne, es gab viel weniger Wissen über Sars-CoV-2 und über das davon ausgelöste Covid-19. Inzwischen gelten Schwangere als besondere Risikogruppe für einen schweren Verlauf der Krankheit.

Die Münchner "Tageszeitung" zitiert Prof. Sven Mahner, den Direktor der LMU Frauenklinik: "Wir sehen immer wieder schwere Coronaerkrankungen bei ungeimpften Schwangeren und auch bei deren neugeborenen Kindern." In dieser Aussage ist schon eine wesentliche Ursache für die schweren Verläufe bei Schwangeren enthalten: Viele von ihnen sind ungeimpft. Erst seit Mitte September empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel und Stillenden die Corona-Impfung mit zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffes.

Zuvor waren Daten zur Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffs bei mehr als 20.000 Schwangeren aus Israel veröffentlicht worden. Demnach beträgt die Wirksamkeit nach der zweiten Dosis gegen Infektionen rund 96 Prozent, gegen Erkrankungen 97 Prozent und gegen Covid-19-bedingte Krankenhausaufenthalte 89 Prozent. Obwohl sich diese Daten überwiegend auf die Alpha-Variante von Sars-CoV-2 beziehen, wurde deutlich, dass auch Schwangere und Stillende vom Impfschutz erheblich profitieren. Die Gynäkologin Kristina Adams-Waldorf nannte es in der Fachzeitschrift "Nature" sogar einen Fehler, diese Gruppen bisher nicht in die Impfung einbezogen zu haben.

Schwangere sind grundsätzlich eine Risikogruppe

Denn inzwischen sind die Risikofaktoren dieser Gruppe überdeutlich. Im Verlauf der Schwangerschaft verringert sich das Lungenvolumen der werdenden Mutter durch das Kindeswachstum. Außerdem ist ihr Immunsystem herunterreguliert, damit es das Baby nicht angreift. Das macht sie auch ohne Vorerkrankungen bereits zur Risikogruppe. Kommen dann noch weitere Faktoren wie ein erhöhtes Alter, Übergewicht oder Vorerkrankungen hinzu, erhöht sich dieses Risiko erheblich.fv

In einer US-amerikanischen Studie starben pro 100.000 Mütter fünf ohne Covid-19, von denen mit der Erkrankung waren es 141. Ähnlich sind die Ergebnisse einer internationalen Studie aus 18 Ländern. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit auf der Intensivstation zu landen für Schwangere mit Covid-19 im Vergleich zu Schwangeren ohne Covid-19 etwa fünffach erhöht, die Wahrscheinlichkeit zu sterben sogar 22-fach. Die Studie kam überdies zu dem Schluss, dass schwangere Frauen mit Covid-19 eine über 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für Komplikationen während der Schwangerschaft hatten: Dazu zählen beispielsweise Schwangerschaftsvergiftungen und Frühgeburten.

In Deutschland erhebt das CRONOS-Register Daten von Schwangeren, die mit dem Coronavirus infiziert sind. CRONOS steht für Covid-19 Related Obstetric and Neonatal Outcome Study in Germany. Im Jahr 2020 haben insgesamt 115 geburtshilfliche Zentren Daten zu 224.647 Geburten geliefert. Das ist ungefähr ein Drittel der insgesamt 773.144 Geburten in Deutschland in dem Jahr. Prof. Ulrich Pecks, Vorstandsmitglied von CRONOS und Oberarzt an der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Kiel, stellte diese Ergebnisse Ende November auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin in Berlin vor.

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Im letzten Viertel der Schwangerschaft ist eine Corona-Infektion besonders gefährlich

Schwangere mit OP-Maske auf dem Bauch
Das Coronavirus kann für Schwangere lebensbedrohlich werden.
© iStockphoto

Pecks zufolge ist vor allem die Spätschwangerschaft heikel. Als entscheidenden Zeitpunkt beschrieb er auf der Konferenz die 30. Schwangerschaftswoche: Hier betrage das Hospitalisierungsrisiko aufgrund einer Covid-19 Erkrankung 20 Prozent. Stecke sich eine Frau in der 30. Schwangerschaftswoche an, habe sie ein Risiko von 10 Prozent, dass sie aufgrund von Covid-19 vorzeitig entbunden wird.

Das Risiko steige im Schwangerschaftsverlauf stetig an. "Wenn man sich in der 30. Schwangerschaftswoche infiziert, hat man das höchste Risiko einen Intensivaufenthalt wegen Covid-19 zu haben", so Pecks, der die Einschätzung mit einer eindeutigen Empfehlung verband. "Man sieht, dass das Risiko für einen schweren Verlauf in der zweiten Schwangerschaftshälfte ganz besonders erhöht ist. Mit anderen Worten: Ganz klarer Appell, vor der 2. Schwangerschaftshälfte vollständig geimpft zu sein. Am besten ist natürlich, geimpft in die Schwangerschaft hineinzugehen."

Für die Ungeborenen erweist sich zumeist weniger die Infektion mit dem Coronavirus als problematisch, als die lebensbedrohliche Erkrankung der Mutter. Zwar kann eine Übertragung von der Mutter auf ihr Neugeborenes, auch bereits im Mutterleib, nicht ausgeschlossen werden. So lautet die Experteninformation von Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, STIKO und Bundesgesundheitsministerium auf der Webseite "ZusammengegenCorona.de".

In den meisten Fällen zeigten die Kinder, deren Mütter positiv auf das Coronavirus getestet wurden, nach der Geburt aber keine Krankheitszeichen. Den aktuellen CRONOS-Zahlen zufolge waren 33 der bisher 2.864 in Verbindung mit einer Coronainfektion geborenen Babys in Deutschland positiv. In Studien wurden nur einzelne Fälle von Erkrankungen bei Neugeborenen beschrieben, die möglicherweise Folge einer Infektion im Mutterleib sind, aber auch nach der Geburt erfolgt sein könnten. "Hinweise auf durch das Virus ausgelöste Fehlgeburten gibt es bislang nicht."

Auch die Babys können über ihre Mütter mit Corona infiziert werden

Eine schwangere Frau wird untersucht.
Die werdende Mutter kann ihr Kind durch eine Corona-Infektion in Gefahr bringen.
© dpa, Caroline Seidel, tba vco hjb

Trotzdem ist die Gefahr, die für die Babys vom Virus ausgeht, nicht gering. Der Chef der Neonatologie an der München Klinik Harlaching, Marcus Krüger, sagte dem Bayerischen Rundfunk: "Wenn die Sauerstoffversorgung der Mutter nicht mehr gewährleistet ist, ist natürlich die des Fetus dann auch nicht mehr richtig gewährleistet." Hinzu kommen die Medikamente, die die werdende Mutter im Fall einer schweren Erkrankung gegen die Covid-Symptome bekommt und die an das Ungeborene weitergegeben werden.

Die CRONOS-Zahlen zeigen aber auch, dass die Kaiserschnittrate bei coronainfizierten Müttern bei 37,1 Prozent liegt, das ist mehr als der statistische Durchschnitt von knapp unter 30 Prozent. Statt der etwa 9 Prozent Frühgeborenenrate bei allen Geburten in Deutschland, sind es bei den Babys erkrankter Mütter 14,5 Prozent. Auch wenn zwischen der 28. und 32. Schwangerschaftswoche geborene Frühchen heute meist überleben, haben sie einen deutlich schwereren Start als Babys, die die volle Zeit ausgetragen wurden. Atemstörungen und Hirnblutungen zählen zu den gefürchteten Komplikationen, ebenso wie Augenprobleme und Darmentzündungen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt verzeichnet das CRONOS-Register für Deutschland 150 schwangere Frauen, die nach einer Corona-Infektion intensivmedizinisch versorgt werden mussten. Noch gibt es keine Studien zur Zahl der tödlichen Covid-Verläufe unter Schwangeren. Zahlen aus dem US-Bundesstaat Mississippi zeigen jedoch eine beunruhigende Tendenz. Laurin Kasehagen und ihre Mitarbeitenden vom Mississippi State Department of Health in Jack­son erfassten zwischen dem 1. März 2020 und dem 6. Oktober 2021 insgesamt 1.637 Sars-CoV-2-Infektionen bei Schwangeren. Dabei kam es 15 Mal zum Tod der Schwangeren, die meisten der Fälle (9) lagen nach dem Auftreten der Delta-Variante.

Die Mutation macht auch den Münchner Medizinern Sorgen. Christoph Scholz, der Leiter der Frauenklinik der München Klinik Harlaching berichtete im BR, dass es während des Vorherrschens der Alpha-Variante noch geklappt habe, die Schwangerschaften auch bei Beatmung der werdenden Mutter zu verlängern. "Das ist uns in der Delta-Variante nicht mehr gelungen, weil die Lungenverschlechterung zu dramatisch wurde."

Bisher haben die Münchner noch jeden Kampf gewonnen, auch den um Imenta Theodoridou und ihre kleine Tochter Dimitra. Die Mutter erkrankte während ihrer Schwangerschaft an Covid-19, deshalb wurde das kleine Mädchen in der 28. Woche per Kaiserschnitt geboren. Zu dem Zeitpunkt lag die 36-Jährige im künstlichen Koma. Erst nach 12 Tagen konnte Theodoridou ihre Tochter das erste Mal in den Arm nehmen. "Es stand 100 zu 1, dass wir es schaffen", sagt die nun fünffache Mutter. (ntv.de)

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