RTL-Reporterin über Gewalt auf "Demonstrationen für ein freies Palästina"

"Das waren Würfe auf die Pressefreiheit"

RTL-Reporterin Kathrin Gräbener
RTL-Reporterin Kathrin Gräbener
© RTL

17. Mai 2021 - 11:30 Uhr

Von Kathrin Gräbener

Ich habe schlecht geschlafen vergangene Nacht. In meinem Kopf brummt es noch immer. Aber ich habe vor allem deshalb schlecht geschlafen, weil ich so sauer war. Ich bin es noch immer. Ich musste an die Pflastersteine denken und die Flaschen, die auf den Kopf meines Kameramannes zielten und auch das restliche Team treffen sollten. Das waren Würfe auf Journalisten und ja, mag pathetisch klingen, auf die Pressefreiheit.

Sich öffentlich für etwas einzusetzen, ist gutes Recht in Deutschland

Ich war gestern auf mehreren Demonstrationen, die sich für die Palästinenser einsetzen. Zwischen Israel und den Hamas herrscht Krieg. Menschen sterben, darunter auch Kinder. Jedes Jahr finden in Europa zum Gründungstag des Staates Israel am 15. Mai 1948 Demonstrationen statt. Es geht um ein eigenes Land für die Palästinenser.

In Deutschland leben Palästinenser, hier leben Israelis und hier leben deutsche Juden. Und viele wollen für etwas demonstrieren. Sich öffentlich für etwas einzusetzen, ist gutes Recht in Deutschland. Es ist ein großartiges, demokratisches Grundrecht. Und wir als Journalisten lassen Menschen unterschiedlichster Meinung zu Wort kommen. Doch seit dem letzten Jahr haben wir leider regelmäßiger Sicherheitsleute dabei, die uns schützen, damit wir unsere Arbeit machen können: journalistisch berichten.

Ohne Sicherheitsleute geht es leider nicht mehr

Am Samstag lautet der Termin also "15. Mai, Demonstrationen für ein freies Palästina". Wir haben uns mit einer Kollegin verabredet. Antonia Yamin, ihre Mutter ist Deutsche. Antonia ist Jüdin und sie ist die Europakorrespondentin für den israelischen Fernsehsender "Kan News". Wir treffen uns am Hermannplatz und besprechen uns kurz, dann ziehen wir los. Antonia, die Tonassistentin, der Kameramann, zwei Männer für die Security und ich.

13.30 Uhr: Wir folgen den etwa 120 Menschen der ersten Demonstration pro Palästina. Wir sehen viel Polizei und laufen bis zum Endpunkt der Demo am Rathaus Neukölln. Mit dabei Väter mit ihren Söhnen auf der Schulter. Familien mit Kinderwagen. Unsere Kamera und unser Mikrofon stören da niemanden.

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Unsere Frage: wofür stehen Sie hier ein, wird beantwortet. Ja, die Antworten sind auch voller Emotionen, denn einige der Demonstranten haben Familie in dem Gebiet, in dem gerade Menschen sterben. In dem zwei Seiten einen jahrzehntealten Konflikt erneut mit Bomben austragen. Aber auch Emotionen darf man in Deutschland äußern.

Für einen Moment fühlt sich alles normal an

lecker
Die Freude über den Duft der arabischen Süßigkeiten währte leider nur kurz.

Die erste Demo löst sich auf. Die Polizei hat zwischendurch immer mal wieder in mehreren Sprachen gebeten den Abstand zu wahren und Masken zu tragen. Wir schlendern mit Team und einem Teil der Demonstranten die Sonnenallee zurück. Wir kaufen uns was zu trinken, weil es so warm geworden ist. Über Neukölln scheint die Sonne.

Für mich fühlt es sich hier noch fast wie an einem Ausflugstag an. Neukölln heißt für mich auch: arabisches Essen, Teeduft zu arabischen Süßigkeiten in den tollen Konditoreien. In diesem Moment denke ich tatsächlich, "wie lecker das alles aussieht!"

Je näher wir dem Hermannplatz kommen, desto dichter werden die Palästinensischen Fahnen, Pappschilder mit der Aufschrift "Kindermörder Israel", "Frauenmörder Israel" überholen uns. Die Plakat-Aufschriften werden aggressiver.

Junge Männer brüllen uns an

 15.05.2021,Berlin,Deutschland,GER,pro-palästinensische Demo startend vom Hermannplatz. *** 15 05 2021,Berlin,Germany,GER,pro Palestinian demo starting from Hermannplatz
Bei der Demo am Hermannplatz in Berlin flogen Flaschen, Feuerwerk und andere Gegenstände
© imago images/Stefan Zeitz, STEFAN ZEITZ via www.imago-images.de, www.imago-images.de

15 Uhr: Der Hermannplatz ist deutlich voller als zuvor. Die Menschen stehen dicht gedrängt. Es sind wieder viele Kinder dabei, viele Familien. Die Stimmung ist aber aggressiver – das zeigen auch die Plakate. Antonia Yamin und die Kollegen, auch vom türkischen Fernsehen, können ihren Job machen. Es ist auf den ersten Blick genug Polizei vor Ort. Für die Berliner Polizei ist es nur eine von zahlreichen Demonstrationen an diesem Wochenende. Kurz nach drei geht es los. Wir setzen uns mit Kameramann vor den Zug und machen eine sogenannte "Totale". Ein Bild von etwas weiter oben.

Wir sind etwa 150 Meter vom Platz entfernt. Antonia macht Bilder und spricht auf Hebräisch in ihr Mikro. Es ist eigentlich kaum zu hören, was sie sagt, denn es ist unglaublich laut um uns herum. Auch mein Kamerateam macht weiter Bilder von den Menschen, die an uns vorüberziehen.

Erste Demonstranten rufen uns zu: "Sagt die Wahrheit!" Ich sehe Kinderwagen und denke: Das wäre mir jetzt mit Kind zu voll und zu laut. Junge Männer schreien uns an "Fake News." Ich gebe meinem Kameramann Bescheid: Lass' uns jetzt mal ein kurzes Interview mit Antonia machen.

Ich bin bei der ersten Frage, da gibt es plötzlich einen ohrenbetäubenden Knall neben uns. Einem meiner Sicherheitsleute ist ein Böller vor die Füße geworfen worden. Der Boden vibriert. Es raucht, es ist unglaublich laut. Es klingelt in den Ohren, ein hoher, schmerzhafter Ton. Wir springen im Schock davon. Kurz zuvor hatte ein Mann mit seinem Kopf in Antonias Richtung gedeutet, als sie in ihr Mikro sprach. Ich dachte noch, wem gibt der da gerade Zeichen?

"Unglaublich, dass dies 80 Jahre nach dem Holocaust in Deutschland noch möglich ist"

Mit dem Knall springen auch viele der Demonstranten um uns herum auseinander. Ein Gruppe von Frauen kommt auf uns zu und sagt: "Man muss beide Seiten sehen. Es sind nicht die Juden, es sind die Zionisten die Schuld tragen. Wir Palästinenser sind Israelis und Araber. Es dürfen überhaupt keine Menschen dort sterben." Ich bin froh, dass es unter den vielen Menschen auch diese Frauen gibt. Antonia Yamin spricht mir in die Kamera: "Unglaublich, dass dies 80 Jahre nach dem Holocaust in Deutschland noch möglich ist."

Wir machen eine Pause an einer Hauswand. Wir sind alle schockiert. Der Sicherheitsmann muss dringend rauchen. Ich habe plötzlich Heißhunger auf Süßes. Und gehe in die Konditorei nebenan. Man schenkt mir und meinem Kollegen Kuchen. Gastfreundschaft. Danke! Wir fragen uns gegenseitig: geht es Euch gut? Ist jemand verletzt? Unser Sicherheitsmann bringt Antonia zum nächsten Taxi. Sie hat für heute genug. Wir besprechen uns im Team neu. Die Security gibt Anweisung: "Wir bleiben jetzt auf alle Fälle zusammen. Wenn ich sage Abbruch, dann heißt das auch Abbruch".

Meine Meinung: Hier wird Demokratie missbraucht!

Laut Polizeiangaben demonstrierten Samstag 3500 Menschen in Neukölln bei einer pro-palästinensische Demonstration anlässlich der kriegerischen Auseinandersetzungen in Gaza. Als die Polizei wegen Verstößen gegen die Corona-Hygieneregeln die Demo auflö
Laut Polizeiangaben demonstrierten am Samstag 3.500 Menschen in Neukölln bei einer pro-palästinensische Demonstration
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Dann plötzlich geht alles ganz schnell. Behelmte Einheiten der Polizei laufen plötzlich zu nächsten Kreuzung. Es sind nur 300 Meter vom Startpunkt der Demo entfernt. Die Polizei macht eine Durchsage zum Abbruch der Demo. Die Hygieneabstände würden nicht eingehalten. Der ganze Zug ist vielleicht 500 Meter weit gekommen. Etwa 3.500 Menschen stehen dicht gedrängt. Muss man hier auflösen, frage ich mich.

Jetzt läuft ein Teil wieder zurück Richtung Hermannplatz, kommt wieder. Warum, weiß ich nicht. Es sieht aus wie ein Pingpong-Spiel. Die Auflösung klappt jedenfalls nicht, weil sich circa 150 weigern. Es sind immer noch viele Familien vor Ort. Zwischendrin an der Kreuzung: Flaschen, Steine fliegen. Die Polizei setzt Pfefferspray ein, wirft Angreifer zu Boden. Die Stimmung ist explodiert. Wir werden beschimpft.

Die Stunde, die folgt, ist gekennzeichnet von noch mehr Gewalt. Pressefreiheit sieht anders aus. Man fordert uns auf: "Sagt die Wahrheit!" und lässt uns dann nicht unsere Arbeit machen, greift uns sogar körperlich an! Hier wird Demokratie missbraucht. Ich denke, wenn wir offenbar durch pure Anwesenheit schon Angriffe auslösen, ziehen wir uns zurück.

"Was lässt du die Fake-News auf deinen Balkon? Schmeiß die runter!"

Ein Anwohner lässt uns auf seinen Balkon im ersten Stock an der Kreuzung. Wir wollen Bilder von oben machen und dann fliegen Steine in Richtung des Balkons, auf dem wir stehen. Der Mann, der uns eingelassen hat, wird von unten angepöbelt. "Was lässt du die Fake-News auf deinen Balkon? Schmeiß die runter!"

Der arme Mann. Wir sind froh über die kleine Atempause und er hat deshalb Ärger. Die Polizei sieht die Würfe auf uns und räumt unter dem Balkon den Bürgersteig. Wir verstecken uns währenddessen. Kauern uns auf den Boden des Balkons und ich denke. Das kann nicht sein. Die Polizei hat Besseres zu tun, als auch noch auf uns aufzupassen. Krankenwagen kommen nicht durch, denen sollen die lieber helfen. Wir verlassen den Balkon und brechen ab.

Danke an die Menschen, die anders waren als die, die nur Hass verbreiten wollten

Neukölln, ein sonniger Tag, und wir sind hier unerwünscht. Wir gehen durch die Seitenstraßen zurück zum Hermannplatz. Wir sind alle platt. Adrenalin im Blut. Wir sind äußerlich alle unversehrt geblieben. Später rufe ich Antonia an: "Ja, es geht mir gut!" Morgen fliegt sie in ein anderes europäisches Land, berichtet über ein anderes Thema.

Vielen Dank an das tolle Team. Wir haben alle nur unsere Arbeit gemacht. Danke auch an all die Menschen, die gestern anders waren als die, die nur Hass verbreiten wollten. Danke, für die leckeren Süßigkeiten und für die Hilfe in manchem Hauseingang, in den wir springen konnten. Ich werde wegen der Übergriffe Anzeige erstatten. Ich weiß: gegen unbekannt. Das bringt vielleicht nicht viel, aber auch das ist Recht in diesem Land.