So erlebte RTL-Reporterin Carolin Unger das Rettungsschiff

11 Tage Hoffen und Bangen: Das hat die Expedition auf der "Alan Kurdi" mit mir gemacht

12. September 2019 - 15:23 Uhr

Von Carolin Unger

Hat sich die Mission gelohnt? Auf diese Frage bekomme ich von den Crewmitgliedern immer die gleiche Antwort: Ja! Jedes Menschenleben zählt. Dass diesmal nur 13 Menschen gerettet werden konnten, ist für die freiwilligen Helfer trotzdem frustrierend. Es hätten viel mehr sein sollen, erklären sie mir. Gleich am ersten Tag entdeckten sie ein instabiles Holzboot vor der tunesischen Küste - kein Land weit und breit in Sicht. Sie nahmen die 13 Menschen an Bord. Für die Crew begann damit der anstrengende Teil der Mission - die Geretteten in einen sicheren Hafen bringen zu können. Sofort teilten sie den zuständigen Behörden - in diesem Fall dem maltesischen Resque Center - den Seenotfall mit. Keine Reaktion! Kein Land will die jungen Tunesier aufnehmen. Sie zwingen die Crew vor der maltesischen Küste auf Antwort zu warten. An Bord spitzt sich die Lage zu. Die Geretteten verstehen nicht, warum sie nicht einfach nach Europa gebracht werden können.

11 Tage lang sitzen die Flüchtlinge auf einem Schiff fest

Ob die Tunesier gerettet werden wollten? Sie haben sich die Schritte, die zu ihrer Rettung nötig waren, nicht so konkret ausgemalt wie vielleicht jemand, der dem Boot von Beginn an nicht viel zugetraut hätte. Aber sie hatten sicherlich in ihr Bewusstsein aufgenommen, dass sie auf das europäische Festland wollten - dem finanziellen und gesundheitlichen Aufwand ihrer selbst und ihrer Familien, die das Geld für die Reise gespart hatten, gerecht zu werden. Also hatten sie sicherlich keine Rettung durch die Helfer erwartet und gefordert, waren letztendlich aber auf sie angewiesen. 11 Tage lang auf einem Schiff festzusitzen, nicht zu wissen, wann das Warten ein Ende hat und nicht zu wissen, was mit Ihnen passieren wird, wird für die Geretteten zur Zerreißprobe.

Sie fühlen sich machtlos, sind emotional so aufgewirbelt, dass sich einige der jüngsten selbst verletzen, darüber nachdenken sogar selbst nach Malta zu schwimmen und sich in so einer verzweifelten Lage sehen, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Zu sehen wie ein 14-Jähriger völlig verzweifelt ist und den Lebensmut verliert, wie ein Kind versucht sich das Leben zu nehmen - ist für mich erschütternd. Keiner sollte - erst recht in diesem Alter - in so eine verzweifelte Lage kommen müssen. Sie haben auch Mütter, die sich Zuhause Sorgen machen, denen sie erzählen wollen, dass es ihnen gut geht.

Crew-Mitglieder auf dem deutschen Rettungsschiff "Alan Kurdi" im Mittelmeer.
Crewmitglieder auf dem deutschen Rettungsschiff "Alan Kurdi" im Mittelmeer.
© REUTERS, Darrin Zammit Lupi, DZL

Crew betreute die Flüchtlinge rund um die Uhr

Die Crew betreut die Geretteten jetzt rund um die Uhr - auch nachts. Die maltesischen Behörden erklären sich bereit, nur diese als medizinische Notfälle aufzunehmen. Sie alle aufzunehmen, um weitere Gerettete zu gefährden, dagegen weigern sie sich. Die medizinische Evakuierung wiederholt sich. Nach und nach holen sie vereinzelte ab. Die "Alan Kurdi" sitzt in internationalen Gewässern vor Malta fest, die Seenotretter können mit den Geretteten weder vor noch zurück. Seit Mitte 2017 gibt es striktere Regeln für Seenotretter. "Sea Eye" darf mit den Geretteten die SAR Zone nicht verlassen. Es ist der Crew auch nicht möglich, die 13 Männer zurück nach Tunesien zu bringen, selbst wenn diese es wollten. Und vor allem können sie nicht weiterfahren an die Libysche Küste, wo sich wieder hunderte Menschen mit Schlauchbooten auf den gefährlichen Weg nach Europa begeben.

Die Crew ist im Grunde eine Figur auf dem politischen Schachbrett, die im wahrsten Sinne des Wortes matt gesetzt wurde. Diese Machtlosigkeit in Verbindung mit der Erkenntnis eine Spielfigur politischer Schachstrategen zu sein, frustriert und es bedarf wahrer Hoffnungsträger hier nicht den Mut zu verlieren, sondern sich nicht nur den Gezeiten auf dem Meer, sondern sich auch den politischen Wellen immer wieder entgegenzustellen, um Mensch zu sein, wo es Menschlichkeit bedarf.

Erleichterung auch bei der Crew des deutschen Rettungsschiffs "Alan Kurdi".
Erleichterung auch bei der Crew des deutschen Rettungsschiffs "Alan Kurdi".
© REUTERS, DARRIN ZAMMIT LUPI, DZL

Nach 11 Tagen des Wartens nimmt das maltesische Militär die restlichen Fünf mit. Für die Crew ist es nur ein kleiner Erfolg. Sie haben zwar die 13 jungen Tunesier vor dem Ertrinken gerettet, aber die Zeit und die Reserven reichen nicht mehr aus, um ihre Reise an die libysche Küste fortzusetzen. Der Gedanke, dass hunderte Menschen ertrunken sind, während die Crew auf Antwort der maltesischen Behörden wartete, macht die Helfer wütend.

Als Seenotkoordinierungsstelle ist Malta rechtlich dazu verpflichtet, die geretteten Menschen aufzunehmen, egal welcher Herkunft. Warum haben die Behörden also so lange gewartet, nicht reagiert und die Crew immer wieder vertröstet? Man könnte annehmen, dass es seitens der maltesischen Behörden Taktik ist, um Rettungsschiffe wie die "Alan Kurdi" zu blockieren und den Einsatzwillen der freiwilligen Retter zu brechen. Eine Taktik, die auf dem Rücken junger Menschenleben ausgetragen wird. Diese Tragödie muss sichtbar werden. Denn für mich ist auf der "Alan Kurdi" klar geworden, dass die Politik von einer menschenwürdigen Lösung weit entfernt ist.

Tunesische Flüchtlinge werden dem maltesischen Militär übergeben.
Tunesische Flüchtlinge werden dem maltesischen Militär übergeben.
© REUTERS, DARRIN ZAMMIT LUPI, DZL

Natürlich kann man fragen: Müssen Leute aus Tunesien, wo andere Urlaub machen, überhaupt fliehen? Wollen wir die überhaupt in Deutschland haben? Beide Male kann die Antwort "nein" sein. Aber: keiner sollte sich so in Gefahr begeben müssen. Wie viele Menschen da draußen auf dem Mittelmeer täglich ertrinken, das weiß niemand. Viele Schiffe sind unsichtbar. Eine internationale Kriegsschiffunterstützung gibt es auch nicht mehr. Die kleinen Rettungsorganisationen wie "Sea Eye" sind die einzigen, die in der SAR Zone noch patroullieren. Ihre Mission: Sie wollen nicht bei der Flucht nach Europa helfen, sie entscheiden auch nicht über Asylverfahren. Sie retten Menschen - egal welcher Herkunft - vor dem Ertrinken. Bei dieser Mission haben sie 13 Tunesier vor dem Ertrinken gerettet und die freiwilligen Helfer werden sich in ein paar Wochen wieder auf den Weg ins Mittelmeer machen. Denn das Grundproblem hat sich nicht geändert.