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Querdenker in der Familie: „Das ist nicht meine Mutter, das kommt aus dem Youtube-Kanal“

Neue Beratungsstelle hilft Angehörigen von Verschwörungstheoretikern

Querdenker in der Familie: „Das ist nicht meine Mutter, das kommt aus dem Youtube-Kanal“

Wenn die Mutter quer denkt Verschwörungstheorien in der Familie
03:17 min
Verschwörungstheorien in der Familie
Wenn die Mutter quer denkt

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Krause: "Das war wie eine Schizophrenie"

Kati Krause liebt ihre Mutter. Und gerade das macht es so schwer. Denn wie funktioniert eine Familie, wenn sich die eigene Mutter plötzlich rechtsextrem äußert, die Anschläge vom 11. September leugnet und hinter der Corona-Pandemie eine Verschwörung wittert. Trotzdem wendet sie sich nicht ab: „Sie ist ja noch da, sie ist ja der Mensch, den ich eigentlich liebe.“ Diesen Kampf zwischen Zuneigung und Verzweiflung beschreibt die Journalistin im Video.

Vater sucht Hilfe in Selbsthilfegruppe

Wenn nichts mehr hilft, dann hilft nur noch darüber zu lachen: „Wir haben eigentlich immer versucht, das Ganze humorvoll zu betrachten und es war ja immer und es ist ja auch immer noch lustig – zum Teil“, sagt Kati Krause über die Verschwörungstheorien ihrer Mutter. Doch nicht immer sind ihre Ansichten lustig. Während der Flüchtlingskrise 2015 erkennt sie die Frau, die sie großgezogen hat, nicht mehr wieder: „Da war sie auf einmal wie so ein anderer Mensch, das war wie eine Schizophrenie , dass sie dann auf einmal Sachen gesagt hat, wo wir dachten: Sag mal, wer bist denn du eigentlich?“, sagt Kati Krause.

Ihr Vater tauscht sich in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Verschwörungstheoretikern aus, um mit dem Weltbild seiner Frau klarzukommen.

Der Beratungsandrang steigt

In Berlin beschäftigt sich die Beratungsstelle „Veritas“ seit Mai mit genau solchen Fällen. Angehörige von Verschwörungstheoretikern, die nicht mehr weiterwissen, können sich melden. Auslöser war die Querdenker-Bewegung, die viele Familien vor eine Zerreißprobe stellt:

„Wir einen sehr hohen Beratungsandrang. Genauer gesagt: Über 80 Fälle momentan. Es kommen pro Woche zehn dazu“, sagt Tobias Meilicke von der Beratungsstelle Veritas.

Dort versuchen sie in Gesprächen, drei große Fragen zu klären: Wie können die Angehörigen besser mit den Verschwörungserzählungen umgehen? Wie lässt sich die Kommunikation verbessern? Und welche Funktion hat die Verschwörungstheorie für die Skeptiker?

In den meisten Fällen ist es der Partner, der sich in der Verzweiflung an Veritas wendet: „Wir haben im Moment viele Partnerschaften, wo die Frage ist: Lass ich mich scheiden, trenne ich mich, weil der Druck so groß ist, oder hat unsere Beziehung noch eine Chance?“

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Wie kann Kommunikation noch funktionieren?

Wichtig ist, nicht beleidigend oder abwertend zu reagieren. Denn oft sind es Menschen mit geringem Selbstwertgefühl, die sich zu Verschwörungstheorien hingezogen fühlen. Sie geben ihnen das Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein, einen Wissensvorsprung zu haben. Auch mit Fakten zu argumentieren, hilft auf Grund der unterschiedlichen Weltbilder nicht. Vielmehr sollte die Kommunikation über Gefühle und Emotionen stattfinden, erklärt Tobias Meilicke:

„Gefühle wie Angst, die wir alle kennen, das Gefühl von Ohnmacht, dass wir in der Pandemie erlebt haben. Auch das Gefühl von Zuneigung zueinander, denn Verschwörungsgläubige, die suchen ja auch die Bindung oft zum Umfeld. Die wollen ihnen was mitteilen, was die anderen schützen soll.“

Auch Kati Krause hat es aufgegeben, ihre Mutter mit Fakten überzeugen zu wollen, es lohnt sich nicht: „Entweder du bist auf ihrer Seite oder nicht, aber wir brauchen jetzt nicht diskutieren“, sagt die Journalistin.

Ihre Erfahrungen hat sie in einem großen Artikel für das Zeit-Magazin aufgeschrieben. Sauer war ihre Mutter darüber nicht. Im Gegenteil: „Sie hat gesagt, sie empfindet das als eine Hommage an sich selbst.“ (mch)