„Oh Jessy, meine Jessy, ich liebe Dich“

Prozess in Limburg: Jessica erklärt vor Gericht, wie "Heimu" sie beinahe in den Tod gedrängt hätte

Landgericht Limburg: Der Angeklagte schweigt bislang zu den Vorwürfen.
Landgericht Limburg: Der Angeklagte schweigt bislang zu den Vorwürfen.
© RTL, RTL Hessen, Paul Hitzke

22. Oktober 2021 - 13:24 Uhr

Auf der Suche nach depressiven Frauen

Er soll Chaträume gezielt nach psychisch labilen Frauen abgesucht haben: "Heimu" bot ihnen Hilfe zum Selbstmord an. Eine Frau habe sich daraufhin umgebracht. Andere Chatkontakte konnten vor einem möglicherweise tödlichen Treffen gerettet werden. Eine dieser Frauen ist Jessica (35). Sie sagte heute vor dem Landgericht in Limburg aus. Dass sie heute lebend dort sitzt und gegen den Angeklagten aussagen kann, hat sie vor allem ihrer Mutter zu verdanken.

Jessica setzte alles auf die Drogen-Therapie

"Ich wollte vom Heroin runterkommen", erklärt Jessica, als sie vor dem Richter Platz nimmt und von ihrem Leben erzählt. Drogen spielten darin eine große Rolle. Sie muss Tabletten nehmen, braucht Betreuung, ihr Arzt attestiert Schizophrenie und Depressionen. Stolz aber ist sie darauf, 2012 durch die Hilfe von Therapeuten aus der Drogenhölle rausgekommen zu sein. "Sie hat riesige Fortschritte gemacht", sagt auch ihre Betreuerin, die ebenfalls als Zeugin befragt wird. Sie fügt aber auch hinzu: "Sie wird ohne Betreuung nie auskommen."

VIDEO-TIPP: Frau gerettet – RTL-Reporter deckt "Heimu" auf

Falsche Freunde und ein falsches Bild von Partnerschaft habe ihre Gefühlswelt geprägt, erklärt Jessicas Betreuerin: "Sie wollte immer geliebt werden. Dieses Defizit an Liebe war ganz groß." Ein Problem: Jessica würde sich so schnell verlieben. "Da war ein Chaos im Kopf", sagt die Betreuerin. So wurde sie zum leichten Opfer für "Heimu", oder "Bernd", wie er sich bei ihr nannte.

"Bernd" bietet in Chatforum fatale Hilfe an

In einem Chatforum für depressive Frauen kommen Jessica und "Bernd" ins Gespräch. "Möchtest Du sterben?", soll er gefragt haben. Sie tauschen Nummern und telefonieren. "Er hat sehr vertrauenswürdig geklungen, wobei mir das komisch vorkam", berichtet Jessica, die bei ihrer Mutter lebte. Während "Bernd" nichts über sich preisgibt, erzählt Jessica von ihren Gedanken, auch, dass sie sich umbringen wolle. "Er erklärte mir, wie ich das machen könne, doch das traute ich mich nicht. Daraufhin bot er an, er könne mich umbringen", beschreibt Jessica vor Gericht die Gespräche.

VIDEO-TIPP: Opfer Petra sagt gegen "Heimu" aus

"Mir war wichtig, dass es nicht weh tut", sagt Jessica mit klarer Stimme. Drei Möglichkeiten zu Sterben bietet er ihr an: "Vorher wollte er noch Geschlechtsverkehr mit mir, damit ich das Gefühl bekäme, gebraucht zu werden." Sie verabreden sich zu einem Treffen in Koblenz, organisieren sogar eine Mitfahrgelegenheit. Doch plötzlich bekommt Jessicas Mutter die Telefonate mit.

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Rechtzeitige Rettung

Jessica erzählt ihrer Mutter von den Gesprächen, die daraufhin die Polizei ruft und ihre Tochter in die Psychiatrie einweisen lässt. "Bernd" erfährt nicht mehr, warum die Gespräche zu Jessica abgebrochen sind. Erst neun Jahre später sieht Jessica den Angeklagten, der hinter "Heimu" oder "Bernd" stecken soll. Der kräftige Mann auf der Anklagebank wirkt unbeteiligt, verfolgt fast regungslos die Befragung der Zeugin.

Jessica erzählt auch von ihren Zweifeln, so habe ihr "Bernd" Komplimente gemacht: "Oh Jessy, meine Jessy, ich liebe Dich!" "Dabei kannte er mich doch gar nicht", wundert sich Jessica. Diese Zweifel sorgten auch dafür, dass sie sich in letzter Sekunde noch ihrer Mutter gegenüber öffnete.

Langer Prozesstag wird durch Sturmtief verzögert

Verteidiger zweifelt an Aussagen

Die Verteidigung versucht, am Prozesstag über Anträge an die Krankenakte der Zeugin zu kommen. Sie Anwälte betonen Therapie-Aufenthalte und zweifeln an Jessicas Glaubwürdigkeit. Als einer der beiden Verteidiger Jessica befragt, bricht es aus ihr heraus. "Ich lüg hier nichts vor, als hätte ich hier irgendeinen Nutzen hieraus", sagt sie unter Tränen. Dann wirft sie dem Verteidiger vor, er wolle nur ihre Glaubwürdigkeit untergraben. "So etwas habe ich mir hier nicht anzuhören", wendet er sich hilfesuchend an den vorsitzenden Richter.

In diesem Moment wirkt Jessica an diesem langen Prozesstag stark und entschlossen, und gar nicht, wie die schwache Frau, auf die es "Bernd" mit seinen Mordfantasien abgesehen hatte. Der Prozess wird fortgesetzt. (bho)

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter http://www.telefonseelsorge.de.