RTL-Reporter rettet Frau (23) vor dem Suizid und überführt den Mann, der sie dazu anstiftete

06. Oktober 2020 - 13:04 Uhr

Birgit R. aus Leipzig und RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk.
Birgit R. und RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk.

Zum Entsetzen der Eltern stellte die Staatsanwaltschaft jedoch die Ermittlungen ein, da die Beihilfe oder Anstiftung zum Selbstmord nicht strafbar sei und davon ausgegangen werden kann, dass sie sich selbst das Leben genommen habe.

Für Undercover-Reporter Wolfram Kuhnigk (47) und sein Team Anlass in den einschlägigen Foren selbst mit verdeckter Identität auf Spurensuche zu gehen - und das mit einem erschreckenden Ergebnis: "Ich bin auf unfassbare Abgründe bei meiner Recherche im Netz gestoßen und konnte erstaunlich schnell Kontakt mit dem Mann aufnehmen, der schon Katharina zum Suizid angestiftet hatte", so der Reporter. "Die unglaublich perversen Tötungsphantasien dieses Mannes, der hier unter einem weiteren Pseudonym aktiv war, werden wir nicht publizieren." Schnell war dem Reporter-Team klar, dass es sich hier um einen Täter handelt, der den vermeintlich rechtsfreien Raum des Internets ausnutzt. Der polizeibekannte Mann war in entsprechenden Foren aktiv und hatte bereits sein nächstes Opfer im Visier: Die 23-jährige Birgit R. aus Leipzig.

Noch bevor Kuhnigk seine Recherche beenden konnte, erreichte ihn der Hilferuf des besten Freundes der jungen Frau. Sie wolle sich mit dem vermeintlichen Cyber-Tröster in Frankfurt treffen. "Ich bin dann sofort zu der jungen Frau gefahren und habe sie davon überzeugen können, sich auf keinen Fall mit diesem Mann zu treffen", so Kuhnigk. "Und ich habe die Polizei informiert." Diese konnte später den Mann in Gewahrsam nehmen, der vor laufender Kamera gesteht. Im Wagen findet die Polizei einen bereits geknüpften Strick. Brigit R.: "Ohne Wolfram Kuhnigk hätte ich mich in dieser Nacht von dem Mann töten lassen, um andere Straftaten zu verhindern, da ich zu Hause ein Testament und wichtige Beweise für die Polizei hinterlassen hatte."

Nachweis einer Straftat schwierig

Die Festnahme des mutmaßlichen Täters. Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft wegen akuter Verdunkelungsgefahr
Die Polizei nahm den Anstifter fest, er sitzt in Untersuchungshaft.

Die Bremer Staatsanwältin Petra Meyer erläutert am Fall von Katharina, wie schwierig es ist, in einer solchen Situation tatsächlich eine Straftat nachzuweisen: "Wenn sich jemand eigenverantwortlich tötet, dann kann man dazu auch keine Anstiftung oder Beihilfe leisten. Das gilt nur dann, wenn man davon ausgehen müsste, dass Katharina nicht wusste, was sie da gerade tut und man dem Chat-Partner nachweisen kann, dass auch ihm das klar war."

Laut dem Strafrechtsexperten Dr. Valentin Sitzmann aus Erfurt ist unter anderem das Motiv des potentiellen Täters für eine mögliche Aufnahme eines Ermittlungsverfahrens mit entscheidend: "Warum treibt sich jemand im Internet herum? Warum veranlasst jemand ein junges Mädchen, das er nicht kennt, dazu, Hand an sich zu legen? Da könnte man auf den Gedanken kommen, dass der Mensch, der keine Beziehung zu der sich Selbsttötenden hat, möglicherweise, ein dunkles Motiv hat. Da kann man natürlich auch daran denken, dass gerade das Internet, ein verfolgungsimmuner Raum, hier ganz bewusst ausgenutzt wird. Es weiß ja jeder, was sich für Spinner im Internet rumtreiben. Genau an dieser Stelle müsste man ein bisschen näher nachgucken und dann würde man wahrscheinlich auch fündig werden."

Der potentielle Täter (57) sitzt derzeit in Untersuchungshaft wegen akuter Verdunkelungsgefahr. Er ist verheiratet und selber Vater einer Tochter. Die anerkannte Kriminalpsychologin, Lydia Benecke, hatte im Chat Kontakt zu dem Mann. Dort offenbarte er perverse Tötungsphantasien, die jenseits des normal Vorstellbaren liegen und daher nicht veröffentlicht werden. Benecke rät besorgten Angehörigen von potentiellen Opfern: "Suchen Sie das Gespräch mit den Betroffenen, aber setzen Sie sie nicht unter Druck." Auch mögliche Veränderungen an den Betroffenen könnten ein Hinweis oder Alarmsignal sein.

"Es ist schockierend und einfach unglaublich, wie Menschen das Leid anderer für ihre Perversionen ausnutzen", so Reporter Kuhnigk. "Wir werden in jedem Fall an dieser Geschichte dranbleiben und hoffen mit unseren Recherchen auch Anstoß zu geben, die Rechtslage im Netz hier dringend zu verbessern."

Undercover-Spezialist Kuhnigk sorgte bereits für Schlagzeilen, nachdem er im Mai 2014 einen Pädophilen-Ring sprengte. Ein Jahr lang recherchierte der erfahrene Journalist verdeckt und verschaffte sich Zugang zu den einschlägigen Foren im Netz. Aufgrund seiner Recherchen konnte die Polizei in 11 Fällen Ermittlungsverfahren einleiten. Seine Recherche im Fall der Sekte '12 Stämme' im bayerischen Deinigen lieferte im September 2013 den finalen Beweis für die Misshandlung von Kindern. Der Reporter löste damit einen Großeinsatz der Polizei aus, die die Kinder der Sekte noch vor Ort in Gewahrsam nahm.

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter http://www.telefonseelsorge.de.