Pestizidatlas 2022: Experten fordern Wende

Wie Sie sich am besten im Alltag vor Pestiziden schützen

Gefährdungszeichen im Kornfeld, Einsatz von Giftstoffen in der Landwirtschaft
Gefährdungszeichen im Kornfeld, Einsatz von Giftstoffen in der Landwirtschaft
© picture alliance, Christian Ohde

14. Januar 2022 - 15:38 Uhr

Im neuen Pestizidatlas 2022 über Daten und Fakten zu Giften in der Landwirtschaft, veröffentlicht von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und dem Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany), stellen die Organisationen eine klare Forderung an die Neue Bundesregierung: Es muss eine Pestizidwende eingeleitet werden.

Seit 1990 ist die Menge an eingesetzten Pestiziden weltweit um 80 Prozent gestiegen

Wer in den Pestizidatlas 2022 schaut, dem wird schnell klar, wie abhängig die Landwirtschaft von Insekten- bzw. Unkrautbekämpfungsmitteln ist. Während die Menge der weltweit eingesetzten Pestizide seit 1990 weltweit um 80 Prozent stieg, sind manche Regionen sogar noch schlimmer betroffen. Südamerika verzeichnet in diesem Zeitraum etwa einen Anstieg um 150 Prozent. Durch den Einsatz der Pestizide werden Menschen, Natur und Umwelt gleichermaßen belastet. Wie Sie sich am besten vor Pestiziden schützen und was für Auswirkungen es auf den Körper haben kann, verrät Dr. Christine Chemnitz von der Heinrich-Böll-Stiftung im Interview mit RTL.

In der EU werden pro Jahr rund 350.000 Tonnen Herbizide und Pestizide verkauft, was gleichzeitig auch ein großer Wirtschaftsfaktor ist. Allerdings werden sie insbesondere in Länder verkauft, die eine große Artenvielfalt haben und deswegen auf die Giftstoffe zurückgreifen müssen. Denn nur dadurch können sie den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen wie Soja, das als wichtiges Futtermittel für die Tierhaltung gilt, beschützen. Deutschland hat daran einen Anteil zwischen 27.000 und 35.000 Tonnen.

Dr. Christine Chemnitz: "Rosinen mit Rückständen von 28 verschiedenen Pestiziden"

Im Gespräch mit Dr. Christine Chemnitz, Referentin Internationale Agrarpolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung und Koordinatorin des Pestizidatlasses, wird deutlich, dass sich Verbraucherinnen und Verbraucher zwar keine Sorgen machen müssen, sie betont aber die Dringlichkeit eines Umdenkens.

RTL: Wie kann man sich am besten als Verbraucherin und Verbraucher vor Pestiziden schützen? (Bspw. Gemüse lange putzen)

Dr. Christine Chemnitz: "Wichtig ist, wir haben gute Regeln in Deutschland und der EU, und wir Verbraucherinnen und Verbraucher müssen keine Angst haben, frisches Gemüse oder Obst zu essen. Alles dennoch sehr gut zu waschen, ist natürlich wichtig. Was uns beunruhigt, ist, dass die EU bei Kontrollen zunehmend Rückstände von unterschiedlichen Pestiziden auf Obst und Gemüse finden. 27 Prozent der untersuchten Nahrungsmittel enthielten Mehrfachrückstände. Trauriger Spitzenreiter war eine Probe Rosinen mit Rückständen von 28 verschiedenen Pestiziden. Wenn man Pestizide im Essen vermeiden möchte, ist es am besten, Bioprodukte zu kaufen."

RTL: Was für gesundheitliche Risiken drohen, wenn man zu viele Pestizide im Körper hat?

"Pestizide können unterschiedliche Wirkungen haben. Sie können Krebs auslösen, Asthma und hormonelle Veränderungen bewirken - sie können sogar zum Tod führen. Aber natürlich nicht in der Dosierung, in der wir hier Pestizide über die Nahrung aufnehmen. Weltweit gibt es mehr als 250 Millionen Menschen, die durch Pestizide vergiftet werden. Hautveränderungen, Tumore, Atemwegsbeschwerden, Schwindel und Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten Auswirkungen. Betroffen sind vor allem arme Menschen, die ohne Schutz vor den Pestiziden in der Landwirtschaft arbeiten."

RTL: Sind Bio-Lebensmittel eine gute Alternative, um Pestizide im Essen zu vermeiden?

"Natürlich. Im Bio-Sektor sind synthetische Pestizide nicht erlaubt. Das ist gut für die Umwelt, für alle, die die Nahrungsmittel herstellen, und dann am Ende auch für uns Konsumentinnen und Konsumenten."

RTL: Gibt es Lebensmittel des täglichen Lebens, die besonders reich an Pestiziden sind und eigentlich nicht mehr auf dem Markt sein sollten?

"Wie gesagt, die Regeln für die Rückstände auf Lebensmitteln sind streng. Aber dennoch - Äpfel - das Lieblingsobst der Deutschen - werden zum Beispiel bis zu 30 mal gespritzt. Dennoch sind die Rückstände auf Äpfeln so gering, dass wir auch konventionelle Äpfel gut essen können. Die Auswirkungen für die Natur sind natürlich gravierend. Vor allem Insekten sind betroffen - ein großer Teil der Insektenarten ist bedroht - nicht zuletzt durch den Einsatz von Pestiziden. Dabei sind Insekten, wie zum Beispiel Bienen, lebenswichtig für uns Menschen."

RTL: Was für Forderungen stellen Sie als Heinrich-Böll-Stiftung an die Politik, damit Kundinnen und Kunden ohne Bedenken einkaufen gehen können?

"Wir fordern eine drastische Reduktion des Pestizideinsatzes. Und nicht nur wir: laut einer repräsentativen Umfrage wollen mehr als 70 Prozent der jungen Menschen in Deutschland eine deutliche Reduktion. Die Politik hat also einen klaren Handlungsauftrag, Ziele und Zeitpläne zu formulieren. Die richtigen Instrumente gibt es - Dänemark zum Beispiel hat eine Pestizidsteuer eingeführt, die höher ist, wenn Pestizide besonders giftig sind.

Wichtig ist aber auch, nicht nur an uns selbst zu denken: Viele Pestizide, die hier aufgrund ihrer Giftigkeit längst verboten sind, werden weiter nach Afrika, Asien oder Lateinamerika exportiert. Das muss die neue Regierung unbedingt sofort verbieten."

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Neue Bundesregierung müsste Pestizidwende einleiten

Dass man trotz großer Entfernungen zu Gegenden, in denen Pestizide zum Einsatz kommen, nicht davon ausgehen kann, dass man davon nicht betroffen ist, zeigen Luftmessstellen, die im Pestizidatlas ausgewertet wurden. Demnach konnten Gifte für die Landwirtschaft nachgewiesen werden, obwohl sie bis zu 1.000 Kilometer entfernt gespritzt wurden. An deutschen Küsten sind Meeressäuger sogar bis heute mit Pestiziden belastet, die seit 40 Jahren verboten sind.