Vor 20 Jahren verschwand Peggy Knobloch

RTL-Reporter erinnert sich an den Fall, der ihn fast sein ganzes Berufsleben lang begleitet

Suche nach Peggy Knobloch und  Reporter Andreras Merkel (kleines Foto)
Suche nach Peggy Knobloch und Reporter Andreras Merkel (kleines Foto)

07. Mai 2021 - 9:49 Uhr

Von Andreas Merkel

Drei Fotos kennt die Welt von der kleinen Peggy. Sie zeigen ein kleines blondes Mädchen mit strahlenden blauen Augen. Ich weiß nicht, wie oft ich mir vorgestellt habe, dass das Mädchen auf den Bildern lebt. Immer und immer wieder. Ich male mir aus, wie ein fröhliches Mädchen mit ihrem Schulranzen durch Lichtenberg läuft. Ich lasse Peggy in meiner Vorstellung an der Bank vorbeilaufen, vor der Bäckerei am Henri-Marteau-Platz in Richtung Marktplatz. Hier, 50 Meter entfernt von ihrem hellblauen Elternhaus, endet der Film vor meinem inneren Auge. Dort, wo Zeugen Peggy zum letzten Mal tatsächlich lebend gesehen haben. Am Montag, den 7. Mai 2001, kurz nach ein Uhr mittags.

Von Anfang an ein besonderer Fall

Der Polizeibeamte Klaus Bernhardt zeigt am 9.7.2001 in der Poizeidirektion Hof das neue Plakat, mit dem nach der vermissten Peggy Knobloch gesucht wird. In Kürze sollen solche Plakate in jeder Polizeidienststelle in Deutschland aushängen, insgesamt 2
Archivfoto vom 9.7.2001 Dieses Plakat hing in in jeder Polizeidienststelle in Deutschland aus, 25.000 wurden davon gedruckt
© picture-alliance / dpa, Marcus Führer

Es ist wie so oft für uns Journalisten. Es ist der Moment, an dem das eine endet und an dem etwas anderes anfängt. Peggy verschwindet und es beginnt die Geschichte, die mich seitdem nicht mehr loslässt.

Niemals haben sich Peggys und meine Wege gekreuzt – und doch wird sie von nun an immer da sein. Für mich, als Journalist, als Mensch und später auch als Vater. Meine Söhne waren 2001 noch nicht einmal geboren. Sie sind heute beide viel älter, als es Peggy werden durfte.

Video: Peggy Knobloch - eine Chronologie

RTL.de empfiehlt

Anzeigen:

„Der betet doch auch, dass er das Mädchen nicht findet“

Überall Blaulicht, Einsatzfahrzeuge, Geländewagen. Polizisten durchsuchen Felder, Wiesen und Wälder. In der Luft das Wummern der Helikopter. So lerne ich das kleine Städtchen Lichtenberg in Oberfranken kennen. Die Gegend dort ist wunderschön. Doch von diesem Tag an wird dort nie wieder alles beim Alten sein.

Ich beobachte einen Taucher, der seine Ausrüstung vorbereitet. Ich kann mich noch gut daran erinnern: "Der betet doch auch, dass er das Mädchen nicht findet", sage ich zu meinem Kameramann. Zu dem Zeitpunkt ist der Glaube groß, die Kleine noch lebend zu finden. Später werden sogar Bundeswehrtornados mit Spezialkameras über das Gebiet donnern. Mehr und mehr Kollegen treffen ein und suchen nach Storys für ihre Zeitungen, ihre Radio- und Fernsehsender.

Jeder im Raum spürt die Angst der Mutter

Mutter
Peggys Mutter Susanne Knobloch, fleht am 11.5.2001 während einer Pressekonferenz in Lichtenberg unter Tränen um das Leben ihres Kindes.

An einem der Seen, in einem Naherholungsgebiet mit Sportplatz, hat die Einsatzleitung ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Pressesprecher informieren sachlich über die Lage. Doch dann, während einer der ersten Pressekonferenzen, durchbricht das verzweifelte Flehen von Susanne Knobloch die bedrückte Atmosphäre.

Jeder im Raum spürt ihre Angst, ihre Hoffnung, ihre Machtlosigkeit. Eine Mutter vermisst ihr Kind. Doch Peggy bleibt verschwunden. Tag für Tag weniger Blaulicht, weniger Einsatzfahrzeuge und Geländewagen und auch weniger Journalisten. Erst nach mehreren Wochen kehre ich Lichtenberg den Rücken. Die Suche nach Peggy war längst abgebrochen.

Der Vermisstenfall wird zum „Kriminalfall Peggy“

Peggy Knobloch
Lonks: Eines der Fotos, mit denen die Polizei nach Peggy suchte. Rechts das Grab des Kindes im Jahr 2005.
© deutsche presse agentur, RTLi, unbekannt

Die Ermittlungsarbeiten der verschiedenen Sonderkommissionen und alles, was in den Jahren danach geschah, ist ausreichend detailliert beschrieben. In der Presse, in Büchern und Podcasts. Der politische Druck von Bayerns Innenminister, der auf eine rasche Lösung des Falles drängt. Die vorschnelle Festnahme und Verurteilung von Ulvi K. wegen Mordes und auch sein Freispruch.

Die Spuren im Fall Peggy fahren Achterbahn. Lebt Peggy gar noch? Verschleppt von einem Kinderprostitutionsring? Die Ermittler folgen jedem Hinweis und wir Journalisten folgen allem, was wir in Erfahrung bekommen können. Immer wieder Interviews mit Angehörigen, Betreuern, Juristen, Polizisten. Immer, wenn ich im Schnittplatz einen Beitrag über Peggy bearbeite, dieses Foto: das kleine Mädchen mit den strahlenden blauen Augen. Wie würde sie mittlerweile wohl aussehen - wie alt wäre sie jetzt nochmal?

Ungezählte Stunden und Tage in Lichtenberg

An einer Wand in der Kirche des oberfränkischen Ortes Lichtenberg hängt am 22.4.2002 ein Bild der vermissten Peggy Knobloch. Einwohner haben Briefe der Anteilnahme daneben gehängt. Seit dem 7. Mai 2001 fehlt von der Neunjährigen jede Spur. Die Eltern
An einer Wand in der Kirche des oberfränkischen Ortes Lichtenberg hängt am 22.4.2002 ein Bild der vermissten Peggy. Einwohner haben Briefe der Anteilnahme daneben gehängt.
© picture-alliance / dpa, Marcus Führer

Oft mache ich mich auf den Weg nach Oberfranken. Einmal zum Beispiel, weil das Gerücht kursiert, dass Peggy angeblich als heimliche Grabbeigabe unter einem anderen Sarg auf den Friedhof geschmuggelt worden sein soll. Nach drei Stunden Fahrt stehe ich im morgendlichen Nebel am Lichtenberger Friedhof. Die Polizei stört die Totenruhe eines Begrabenen. Die Behörden müssen sich dafür rechtfertigen, denn die Exhumierung bleibt ergebnislos. Doch die Ermittler müssen jeden Stein mehrfach umdrehen.

Zu einem anderen Zeitpunkt lässt die Polizei den Vorgarten eines Lichtenberger Stadthauses komplett umgraben. Stundenlang beobachte ich jede Schaufel Erde, die der Bagger freilegt. Und tatsächlich findet die Spurensicherung Knochen. Wie sich kurz darauf herausstellt, sind es die einer Katze. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft ich nach Lichtenberg gereist bin. Und auch viele andere RTL-Kolleginnen und Kollegen, die hier ihre eigene Geschichte erzählen könnten.

Der Tag, der alles verändert

In diesem Waldstück bei Rodacherbrunn in Thüringen fand ein Pilzsammler das Skelett der vermissten Peggy. Foto: Daniel Karmann/Archiv
In diesem Waldstück bei Rodacherbrunn in Thüringen fand ein Pilzsammler das Skelett der vermissten Peggy. Foto: Daniel Karmann/Archiv
© deutsche presse agentur

Alles ändert sich, als im Juli 2016 ein Pilzsammler die Reste eines Skeletts findet. Endlich gibt es Klarheit: Gerichtsmediziner bestätigen zweifelsfrei, dass es die Überreste von Peggy sind. 15 Jahre lang lag Peggy verscharrt im Wald etwa 12 Kilometer Luftlinie von ihrem einstigen Wohnort entfernt.

Dort in dem Waldstück bei Rodacherbrunn in Thüringen stehe ich den ganzen Tag lang und berichte live für RTL und ntv. Am Abend kehre ich müde aber aufgewühlt nach Hause zurück und zünde mit meinen Söhnen eine Kerze für Peggy an.

Bis heute gibt es keine Gewissheit

Reporter Andreas Merkel in Bayreuth
Reporter Andreas Merkel in Bayreuth

Auch das Leben der Menschen in Lichtenberg hat sich durch das Verschwinden von Peggy am 7. Mai 2001 für immer verändert. An diese Menschen möchte ich gern ein paar Worte richten:

Liebe Lichtenberger,

vermutlich wurde fast jeder Bürger Ihrer Stadt mehrfach zum Fall Peggy von Journalisten wie mir befragt. Zwei Jahrzehnte lang sind Horden von Pressevertretern über Ihre Stadt hergefallen. Für Sie, die Bürger Lichtenbergs, mag es sich manchmal so angefühlt haben, als schwebe über den Dächern eine Art Generalverdacht, jeder könnte der Mörder von Peggy sein. So sehr ich meinen Beruf liebe, so sehr hat es mich manchmal beschämt, dass Sie sich vielleicht schon durch die sichtbare Anwesenheit meines Kamerateams in Ihrer Privatsphäre gestört gefühlt haben. Doch ich bitte Sie unsere Rolle einmal anders zu betrachten. Auch uns Journalisten geht es immer darum, dass Peggy nicht in Vergessenheit gerät und dass die Behörden nie aufhören, nach dem wahren Täter zu suchen.

Peggys Mörder ist auch nach 20 Jahren nicht überführt. Ein sogenannter "Cold Case". Vielleicht der spannendste ungeklärte Kriminalfall Deutschlands. Für Peggys Angehörige gibt es bis heute keine Gewissheit über das, was sich damals wirklich abgespielt hat. Mord verjährt nicht – schon gar nicht in den Herzen der Angehörigen. Alles, was den Eltern bleibt, ist der Schmerz und die Fotos eines blonden Mädchens mit strahlend blauen Augen.

Auch interessant