So lebt Jürgen Wagner heute

Radikal-Aussteiger "Öff Öff": Darum lehnt er die Klima-Kleber ab

Jürgen Wagner, alias "Öff Öff", mit seiner zweiten Frau Anke Rochelt.
Jürgen Wagner, alias "Öff Öff", mit seiner zweiten Frau Anke Rochelt.
Anke Rochelt, Facebook, facebook/Anke Rochelt

von Ingo Jacobs

Aussteiger: Wir belächeln sie, wir bewundern sie. Sie machen sich unabhängig von Gesellschaft und Kommerz. Ihr Leben: meist karg und ärmlich. Trotzdem sind sie zufrieden: Denn komplett unabhängig zu sein, bedeutet Aussteigern oft fast alles. Einer der bekanntesten Aussteiger Deutschlands ist Jürgen Wagner, auch bekannt als „Öff Öff“ oder „Öffi“. Vor ein paar Jahren wurde viel und regelmäßig über ihn berichtet – doch dann wurde es etwas ruhiger um ihn. So lebt „Öff Öff“ jetzt – und das hat er uns zu sagen.

Er lebt seit Jahren von dem, was die Natur und Freunde ihm schenken

Seit 22 Jahren lebt Jürgen Wagner alias „Öff Öff“ als „Waldmensch“ so nah an der Natur, wie es nur eben geht. Er hat kein Einkommen, versucht sich von allem zu ernähren, was die Natur oder die Müll-Container an Supermärkten ihm geben, lebt in selbst zusammengezimmerten Behausungen. Sein Credo: Glück gibt es nur durch „freiwillige Gesamtverantwortlichkeit“. Und das geht in seinen Augen nur durch ein Leben frei von kommerziellem Konsum, mit Argumenten statt Gewalt und einer Kultur des Schenkens.

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Doch auch in das Leben des „Öff Öff“ ist Luxus eingekehrt: ein Wohnmobil. Darin fährt er mit seiner Familie von Projekt zu Projekt. Es gehört seiner Frau – und deswegen ist es auch nicht sein Besitz, sondern nur ein Geschenk. Wie geht es ihm aktuell? „Ich bin zufrieden wie immer“, sagt er uns. „Wie kann man den Sinn des Lebens und den lieben Gott kennen und unzufrieden sein?“

Entscheidende Erkenntnis schon als Kind

Sein Lebensschwerpunkt ist jetzt das hessische Stadtallendorf, wo er mit Frau Anke Rochelt, die eine Hundeschule leitet, und Sohn Aljoscha lebt. Angefangen hatte alles Ende 1991: Zusammen mit einem früheren Schulkameraden steigt "Öff Öff" aus der bürgerlichen Gesellschaft aus, will auf Wanderschaft gehen. Erster Akt: dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker senden sie ihre Personalausweise. Wagner wird im Mai 1964 in Gelsenkirchen geboren, wächst in Gladbeck auf. Er ist ein Kind aus einfachen Verhältnissen, studiert nach seinem Abitur katholische Theologie und Philosophie.

Sein Lebensthema: Frieden und Gerechtigkeit. Schon als Kind kam ihm eine Erkenntnis, die sein Leben für immer bestimmen würde: Genau das ist nur durch ein absolut gewaltfreies Leben möglich. Teil dieses Plans ist ein Leben nach dem Prinzip des Schenkens - und daraufhin gründete er die "Schenker-Bewegung". Zahlreiche Projekte folgen - unter anderem die Gründung einer Lebensberatung.

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„Nutze nur von anderen schon verwendetes Badewasser“

Zuletzt wurde es etwas ruhiger um Deutschlands Aussteiger Nummer eins. Doch „Öff Öff“ ist weiterhin hochaktiv – um seine Botschaften zu verbreiten, nutzt er aber auch sehr wohl die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters. Zahlreiche Webseiten und ein YouTube-Channel dokumentieren sein Tun, sein Leben, seine Gedanken. Dabei versucht er so energieautonom zu sein, wie es eben geht: „Ich verwende zum Beispiel eigentlich kein Warm-Wasser extra für mich, nutze nur von anderen vorher schon verwendetes Bade-Wasser“, erzählt er uns. „Ich habe eine kleine Solar-Anlage als Mini-Modell im Projekt eingerichtet, die für Telefonieren und Internet und minimale Beleuchtung ausreichen könnte ...“ Und zum Leben in gemeinsamen Projekten versucht er durch Containern so viel beizusteuern, dass er niemandem auf der Tasche liegt.

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"Öff Öff" baut zusammen mit Sohn Aljoscha eine kleine Jurte. (Bild: 2019)
"Öff Öff" baut zusammen mit Sohn Aljoscha eine kleine Jurte. (Bild: 2019)
Anke Rochelt, Facebook, facebook/Anke Rochelt

Leben nach dem Geschenk-Prinzip? „Einfach machen!“

Für den „Waldmensch“ ist dabei klar: Zur Lösung der Probleme auf der Welt muss ein „ganzheitlicher, systemischer Ausstieg“ her, aus der „Verantwortungslosigkeit“ müssen wir in seinen Augen hin „zu globaler Verantwortung“. Es gilt immer so zu handeln, dass dabei an die Folgen für alle Menschen auf der Welt gedacht wird, so „Öffi“ in einer Minidoku des ZDF. Doch wie kann die Kultur des Schenkens, die dabei helfen soll, die Probleme zu lösen, überhaupt funktionieren? „Einfach machen“, ist seine simple Antwort. „Ich tausche im direkten Umgang mit anderen Menschen nur noch Geschenke aus, das heißt freiwillige Gaben ohne Bedingung einer Gegen-Leistung, im Streben nach menschen-geschwisterlicher Verbundenheit.“

Klima-Kleber müssen erst eigene „Schaden-Anrichterei abstellen“

Klar, dass es bei diesem Leben auch darum geht, maximal ökologisch zu leben. Denn der Konsum von jedem einzelnen von uns zerstört auch in „Öffis“ Augen die Erde unwiderbringlich. Der Radikal-Aussteiger zählt sich deswegen zu den „Scientists for Future“ und den „Scientists for XR“ – XR steht für Extinction Rebellion, also Rebellion gegen das Aussterben von Lebewesen und Pflanzen. Er hat aber nach Konflikten mit diesen Gruppen einen eigenen kleinen XR-Zweig, die „XR-Radicals“ ins Leben gerufen.

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„Klimakleben“ hält Wagner dabei nicht für sinnvoll: „Bevor man anderen, weil sie Klima-Schaden anrichten würden, Vorwürfe macht oder ihnen gar was kaputt macht, zum Beispiel die freie Befahrbarkeit der Straßen, wie die ‚Klima-Kleber‘, sollte man erst angemessen gründlich seine eigene Beteiligung an der ganzen Schaden-Anrichterei ins Auge fassen und diese Mittäterschaft ausreichend konsequent abstellen“, sagt er.