Wie gefährlich ist das Langya-Henipavirus? Arzt ordnet ein

"Dagegen ist Corona ein Haustierchen!" Neues Virus in China entdeckt

Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht zum Langya-Henipavirus
In China sind 35 Menschen am Langya-Henipavirus erkrankt. Was das für uns bedeutet, erklärt Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht.
RTL/istockphoto

von Anna Kriller

Kaum ebbt die Corona-Pandemie ab und wir können uns von den letzten beiden Jahren erholen, bricht ein neues Virus aus. Wieder in China, wieder ist es vom Tier auf den Menschen übertragbar, wieder kann es sich durch Fieber, Husten und Müdigkeit äußern. Droht uns eine neue Pandemie?

Langya-Henipavirus kann zu Organversagen führen

Wie Forscher aus Taiwan bestätigten, ist in China das Langya-Henipavirus (LayV) ausgebrochen. 35 bestätigte Fälle soll es dem taiwanesischen Center for Disease Control (CDC) zufolge bereits geben. Wissenschaftler aus Peking und Singapur hatten zuvor eine Studie zu den Fällen im „New England Journal of Medicine“ herausgebracht. Das Virus soll in den chinesischen Provinzen Shangdong und Henan aufgetreten und vom Tier auf den Menschen übertragbar sein. Neben den 35 Fällen bei Menschen sollen auch zwei Prozent der getesteten Ziegen und fünf Prozent der getesteten Hunde positiv gewesen sein. Auch Spitzmäuse können das Virus offenbar übertragen.

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch sei laut Chuang Jen-hsiang, stellvertretender Direktor des taiwanesischen Center for Disease Control (CDC), hingegen nicht gemeldet worden, wie die „Taipei Times“ berichtete. Die Infizierten klagten über Fieber, Müdigkeit, Husten, Appetitlosigkeit, Muskelschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen und Erbrechen. Zudem konnte bei einigen Patienten eine Abnahme der weißen Blutkörperchen, eine niedrige Anzahl von Blutplättchen, Leberversagen und bei sehr wenigen ein Nierenversagen festgestellt werden. An dem Virus gestorben ist bislang offenbar keiner der Infizierten.

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Warum werden Viren von Tieren auf Menschen übertragen? Und warum wird das immer öfter passieren?

Der Ausbruch des neuen Virus ist laut Allgemeinmediziner und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht eine Bestätigung dessen, was wir schon länger wissen: Zoonosen – also infektiöse Erkrankungen, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden – nehmen zu und werden auch noch weiter zunehmen.

Gründe dafür seien verschiedene Dinge, so Specht im Interview mit RTL: „Je länger wir auf der Welt sind und mit Tieren zusammenleben, umso eher kann es mal passieren, dass es diese Übersprünge gibt. Die hat es auch früher natürlich gegeben, nur gab es sie damals nicht so oft und es hat nicht so eine Bedeutung gehabt, weil wir insgesamt weniger Menschen waren und vor allem weniger mobil.“

Bedeutet konkret: Wenn früher in Asien oder Afrika eine Zoonose entstanden ist, hatte das weniger Auswirkungen auf andere Länder, da nicht so viel gereist wurde wie heute. So war beispielsweise Ebola für uns in Europa nie so relevant, obwohl es bereits seit 1976 im Kongo bekannt sei, so Specht. „Da gab es immer wieder Ausbrüche in den vergangenen Jahrzehnten. Das war unter Virologen und Medizinern natürlich bekannt, aber es spielte einfach keine große Rolle, weil eben die dort lebenden Menschen gar nicht in der Lage waren, sich wegzubewegen.“

Da heute sehr viel mehr gereist werde, könnten Krankheiten schnell durch einen Flug verbreitet werden, so Specht weiter.

Der zweite Grund, warum Zoonosen zunehmen, sei, dass wir mehr Menschen sind und wir immer mehr in die Habitate, wo normalerweise Tiere leben, eindringen und es so zu mehr Kontakt zwischen Tier, Tierauscheidungen und Menschen komme, erklärt der Mediziner. Gerade der Bezug der Menschen in Asien zu Nutztieren sei ein Problem und werde uns wahrscheinlich innerhalb der nächsten 100 Jahre noch etliche Male schwer zu schaffen machen.

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Was ist das Langya-Henipavirus genau? Und wie gefährlich ist es?

Auch das neu entdeckte Langya-Henipavirus wurde bei mehreren Tierarten nachgewiesen. Was laut Specht momentan noch eine kleine Entwarnung darstellt: „Bisher ist nur bekannt, dass es Tier-zu-Mensch-Übertragungen gibt, also reine zoonotische Übertragungen. Bisher ist noch nicht bekannt, dass es eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung gibt“.

Allerdings: Ob sich das Virus auch von Mensch zu Mensch überträgt, war bei dem Coronavirus anfangs ebenfalls unklar. „Bei den Zoonosen ist es so, dass man zunächst einmal sieht, es geht vom Tier auf den Menschen“, erklärt Specht. Das heiße aber nicht, dass das Virus nicht auch von Mensch zu Mensch übertragen werden könne. „Dazu braucht das Virus normalerweise ein bisschen. Das Virus muss sich erst an den anderen Organismus anpassen. Das können aber manche Viren und dann haben wir das, was wir bei Corona hatten.“ Das sei bei dem neuen Langya-Henipavirus aber noch nicht der Fall.

Im Allgemeinen gehöre das Langya-Henipavirus zur Gruppe der Paramyxoviren, die hauptsächlich über Tröpfchen übertragen werden und zu der auch Mumps , Masern , Staupe und das häufig tödlich verlaufende Nipah-Virus gehören, so Specht. Das mache es auch so extrem viel gefährlicher als Corona: Durch die bisher bekannten Symptome wie das Versagen der Organe sei das Langya-Henipavirus ziemlich unangenehm, erklärt der Mediziner. "Dagegen ist Corona ein Haustierchen.“ Bislang sei laut bisheriger Daten noch kein Mensch an dem Virus gestorben, wie hoch die Letalität (also der Anteil aller Erkrankten, der irgendwann an der Krankheit stirbt) ist oder sein wird, lasse sich zum aktuellen Zeitpunkt also noch nicht sagen, so Specht weiter.

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Was könnte nun auf uns zukommen? Droht im schlimmsten Fall eine neue Pandemie?

Auch wie sich das Langya-Henipavirus nun entwickle, müsse man weiter beobachten. Tendenziell höre man anfangs eher von schweren Fällen, später auch von leichteren, erklärt Specht. Sorgen machen müssen wir uns in Deutschland aber erst mal noch nicht. „Das ist eine Sache für die Fachleute, die müssen das jetzt beobachten“, so der Experte. „Es ist kein Grund zur Panik für die Bevölkerung, schon gar nicht in Deutschland.“ Aber man müsse es als Bevölkerung auf dem Schirm haben, dass Zoonosen ein zunehmendes Problem seien.

„Wir werden hier in Europa erst mal mit anderen Viren zu tun haben“, erklärt Specht. So zum Beispiel das West-Nil-Virus , Zika oder Dengue . Grund sei unter anderem der Klimawandel.

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Eine neue Pandemie könne laut Specht nur entstehen, wenn mehrere Dinge zusammenkommen: So müsste es tatsächlich eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung geben, die nicht vereinzelt vorkommt, sondern stetig, und wenn man den Virus-Ausbruch vor Ort nicht eindämmen könnte.

Bei den Fällen in China sei es relativ wahrscheinlich, dass es keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung war, da die Infizierten vor Ort keinen Kontakt zueinander hatten. „Das bedeutet aber andererseits auch, dass es da irgendwo eine Quelle gibt, die schon verbreiteter ist“, erklärt der Mediziner. Denkbar sei hier ein Tiermarkt – ähnlich wie vermutlich bei Corona.