Von wegen altes Eisen!

Warum wir im Alter noch was riskieren müssen

Senioren dürfen - und sollten - im Alter ruhig noch Gas geben, sagen Experten. Foto: Uwe Umstätter/Westend61/dpa-tmn
Senioren dürfen - und sollten - im Alter ruhig noch Gas geben, sagen Experten. Foto: Uwe Umstätter/Westend61/dpa-tmn
© deutsche presse agentur

25. November 2019 - 12:02 Uhr

Happy-Aging statt Anti-Aging lautet die Devise

Es war dieser eine Moment im Schlafzimmer. Greta Silver war plötzlich ganz und gar erschüttert. Sie hatte sich Jahrzehnte um Mann und Kinder gekümmert. Und jetzt? War sie jetzt alt? Aber sie hatte noch so viele Träume und beschloss: Ich mache das jetzt einfach! Und das ist laut Experten genau das Richtige, denn wir sollten alle im Alter lieber noch etwas riskieren.

Der Ruhestand als Gelegenheit

Gerhard Sprakties, Altenseelsorger und Autor des Buchs "Happy-Aging statt Anti-Aging" findet es wichtig, sich schon in jüngeren Jahren mit dem Älterwerden zu beschäftigen: "Sonst fällt man im Ruhestand in ein existenzielles Vakuum und weiß plötzlich nichts anzufangen mit all der Zeit. Dabei ist es die Gelegenheit, noch einmal Grenzen auszutesten."

Aber sollte man im Alter nicht lieber einen Gang zurückschalten und vorsichtiger durchs Leben gehen? "Nein, das muss man nicht, solange es die körperliche Fitness zulässt", sagt Prof. Simon Forstmeier, Leiter des Lehrstuhls Klinische Psychologie der Lebensspanne an der Universität Siegen. Studien zeigten, dass Menschen zwischen 60 und 80 Jahren nicht unbedingt weniger wagemutig seien. Was sich oft ändert, seien die Bedürfnisse: "Ältere Menschen wollen ihre Zeit sinnvoller nutzen."​

Mit großen Träumen klein anfangen

Aber geht das so einfach? Wie findet man den Sinn im Alter? "Indem man mutig bleibt und im richtigen Moment zupackt", sagt Greta Silver. "Ich kenne so viele ältere Menschen, die Träume haben und nicht wissen, wie sie sie erfüllen können." Ihr Tipp: ganz klein anfangen.

Mittlerweile gibt es Agenturen, die sich auf die Vermittlung von Granny-AuPairs spezialisiert haben. Dadurch können Seniorinnen fremde Länder kennenlernen und haben zugleich Familienanschluss.

"Ich habe Bekannte, die hätten gerne in ihrem Leben ein Café eröffnet", erzählt Silver. "Natürlich ist das ein großes Projekt, das nicht einfach umzusetzen ist." Aber man könne sich annähern und beispielsweise anfangen, für Familienfeiern im Bekanntenkreis Kuchen zu backen und daraus vielleicht ein kleines Geschäft zu entwickeln.

Auch Greta Silver begann so: Die Hamburgerin entdeckte ihre Liebe zum Gestalten und übernahm ohne Erfahrung die Inneneinrichtung von Ferienhäusern und Hotels. Später startete sie ihren Youtube-Kanal, auf dem sie Tipps für mehr Lebensfreude im Alter gibt.

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Rebellion muss manchmal sein

Doch was, wenn das Umfeld alles ganz anders sieht? Wenn zum Beispiel die Kinder zu mehr Ruhe mahnen? "Dann sollte man dagegen rebellieren, wenn man diese Art von Hilfe noch nicht möchte", sagt Greta Silver. Natürlich sei es ein Geschenk, wenn Mitmenschen sich kümmern - aber eben bitte nicht zu früh.

Auch Gerhard Sprakties findet es problematisch, wenn Jüngere ihre Hilfe aufdrängen: "Wir haben so viele Stereotypen vom Alter im Kopf. Viele stellen sich traurige, kranke Menschen vor, die nicht mehr an der Gesellschaft teilnehmen wollen oder können." Genau diese Bilder hätten eine starke Wirkkraft auf alte Menschen: "Sie bekommen das Gefühl, es sei tatsächlich so und richten sich in ihrer Rolle ein."

Dabei sollte man nie vergessen, dass die Lebenszeit zwischen 60 und 90 Jahren genauso lang ist wie die zwischen 30 und 60, sagt Greta Silver. "Was wäre es für eine Verschwendung, sie nicht zu nutzen?"


Quelle: DPA/ RTL.de